Der Ochsenkopf ist der bekannteste Berg des Fichtelgebirges. Mit seinen zwei Bergbahnen, der Sommerrodelbahn und seinem Skigebiet ist er sommers wie winters ein Ziel für Ausflügler und Urlauber aus nah und fern. Am Ochsenkopf herrscht viel zu viel Trubel, als dass sich dort ein Wolf oder gar ein ganzes Wolfsrudel wohlfühlen würde. Ganz anders am Schneeberg, der wenige Kilometer vom Ochsenkopf entfernt liegt und mit 1051 Metern der höchste Berg des Fichtelgebirges ist. Das ist ein stiller Berg, auch wenn – vor allem von Bischofsgrün her – viele Wanderwege auf ihn hinaufführen. Am Schneeberg hat sich jetzt ein Wolfsrudel etabliert.
Den Schneeberg erkennt man schon von Weitem – an dem Fernmeldeturm auf seinem Gipfel. Das Betonbauwerk stammt aus den Zeiten des Kalten Krieges und sieht recht martialisch aus. Neben dem Fernmeldeturm steht ein hölzerner Aussichtsturm, der nach der Felsengruppe auf dem Gipfel „Backöfele“ heißt. Von ihm aus hat man einen weiten Blick nicht nur ins Umland. Sondern außerdem auf die Hänge des Schneebergs mit ihren weitläufigen, dunklen Fichtenwäldern. In ihnen liegt das Revier des neuen Wolfsrudels.
Zwar ist in der Region schon seit einiger Zeit bekannt, dass am Schneeberg Wölfe unterwegs sind – vor allem unter Jägern, Holzarbeitern und Förstern, aber auch unter den Bauern in der Region. Zu Gesicht bekommen hat die Tiere jedoch noch niemand. Denn sie sind sehr scheu und unauffällig. Wie sich das für Wölfe gehört, lebt das Rudel sehr zurückgezogen und hält sich – zumindest bisher – völlig von Menschen und Nutztieren fern.

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Dass es am Schneeberg ein Wolfsrudel gibt, weiß man von drei Fotos, auf denen es dokumentiert ist. Das aktuellste stammt laut Landesamt für Umwelt (LfU), das für das Monitoring der Wölfe in Bayern zuständig ist, vom 20. Juli. Es zeigt vier Wolfswelpen. Es wurde wie die beiden anderen von einer der vielen Wildtierkameras aufgenommen, die Jäger in den Wäldern am Schneeberg aufgestellt haben. Das zweite, das ebenfalls einen Welpen zeigt, wurde ebenfalls in der zweiten Juli-Hälfte im gleichen Bereich aufgenommen.
Das dritte Foto stammt bereits von Mitte Juni. Auf ihm ist eine Wölfin mit Gesäuge zu erkennen. Seit diesem Zeitpunkt war Fachleuten wie Martin Hertel klar, dass es am Schneeberg ein Wolfsrudel gibt. Hertel ist Vizechef am Forstbetrieb Fichtelberg und dort für Naturschutz und damit für die Wildtiere in der Region zuständig. Eine Wölfin mit Gesäuge gilt unter Fachleuten als untrüglicher Hinweis darauf, dass sie gerade Junge geboren hat. Der Zeitpunkt des Fotos passt: Wölfinnen bekommen ihren Nachwuchs Ende April, Anfang Mai. Die Welpen werden etwa zwei Monate lang voll gesäugt. Mitte Juni fällt genau in diese Zeit.
„Wir sind in der Region schon lange Hinweise auf Wölfe gewohnt“, sagt Hertel. „Aber das waren immer Durchzügler, Jungwölfe auf Wanderschaft.“ Keiner konnte sagen, woher die Tiere gekommen waren und wohin sie zogen. Auch bei dem jetzigen Rudel ist das meiste unklar. Denn es existieren ja nur die drei Fotos. Genetische Nachweise der Elterntiere, zum Beispiel anhand der Spuren, die sie an einem gerissenen Tier hinterlassen haben, fehlen laut LfU. Umgekehrt lassen sich die wenigen genetischen Spuren, die das LfU von Wölfen in der Region hat, nicht dem Rudel zuordnen. Und von dem Rüden des Rudels, den es ja geben muss, existiert nicht mal ein Foto, etwa zusammen mit den Jungen.
Der Rüde, der am 20. Juli tot in der Region Bayreuth entdeckt worden war, kommt jedenfalls nicht als Vater der jungen Welpen infrage. Zwar ist er in den Wochen davor auch in der Region Wunsiedel unterwegs gewesen und dabei von Wildtierkameras fotografiert worden. Und es existiert laut LfU sogar ein kurzer Videoclip von ihm. So kann man es auf der Internetseite der Behörde nachvollziehen. Aber er sei zu jung gewesen, um sich fortzupflanzen, sagt ein LfU-Sprecher. Deshalb scheidet er als Vatertier des Rudels aus.

So wie auch der Wolfsrüde und die Wölfin als die Elterntiere des Rudels ausscheiden, die Anfang März dieses Jahres und im Oktober 2024 in der Region ein Stück Wild und ein Nutztier getötet haben. Zwar konnten die Experten des LfU an den beiden Kadavern Genmaterial der beiden Wölfe sichern und die Tiere sogar identifizieren. Aber die Orte, an denen sie ihre Beute gerissen hatten, liegen so weit von dem Revier des neuen Rudels am Schneeberg entfernt, dass sie nach Worten des LfU-Sprechers nicht als dessen Elterntiere infrage kommen.
„Das Einzige, woran wir bisher die Präsenz des Rudels spüren, ist das Verhalten der anderen Wildtiere“, sagt denn auch Förster Hertel. „Die Rehe und das Rotwild in unserer Region sind spürbar scheuer geworden.“ Ältere Hirschkühe etwa tun sich zu zweit zusammen, damit sie ihre Kälber im Zweifelsfall besser gegen eine Attacke schützen könnten. Die Rehe sind ebenfalls sehr viel aufmerksamer unterwegs in den Wäldern als in der Zeit vor dem Rudel, „sie sichern sehr viel mehr“, wie Hertel sagt, um nicht Beute des Rudels zu werden.
Weil die Genspuren fehlen, kann man auch nicht sagen, woher die beiden Elterntiere des Rudels stammen. Womöglich ist ja zumindest eines ein Abkömmling der Rudel im Veldensteiner Forst, im Kitschenrain oder im Pressather Wald. Die Waldgebiete liegen alle im Süden des Fichtelgebirges, vor allem das Rudel im Veldensteiner Forst ist sehr produktiv. Von ihm wandern jedes Jahr Jungwölfe ab. Deshalb ist es zumindest vorstellbar, dass einer von dort ins Fichtelgebirge gezogen ist und hier auf seinen Partner oder seine Partnerin getroffen ist.
Wie auch immer, die große Mehrheit der Bevölkerung im Fichtelgebirge reagiert gelassen auf die Nachricht von dem neuen Wolfsrudel. Das sagen zumindest Förster Hertel und andere Beobachter, etwa beim Bund Naturschutz. Einzig bei den Bauern herrscht offenbar eine gewisse Unruhe. Die Stimmung der Nutztierhalter in der Region sei gerade geprägt von Ohnmacht und Unsicherheit, meldet der BR und bezieht sich dabei auf den örtlichen Geschäftsführer des Bauernverbands. Und in einer Agrarzeitung kündigte ein Landwirt an, dass er seine Bisonhaltung aufgeben wird. Der Grund: Er befürchte, dass das Rudel die Wildrinder in Aufruhr versetzen und diese aus ihrem umzäunten Gehege auf eine angrenzende Bundesstraße ausbrechen könnten.

