Unter Bayern:Herrgottsbscheißen für Fortgeschrittene

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Früher mussten Biber auch in der Fastenzeit um ihr Leben fürchten, denn alles was schwimmt, wurde kurzerhand zum Fisch erklärt. Heute sind Rezepte mit Biber allein schon aus Naturschutzgründen nicht mehr angesagt. (Foto: Thomas Warnack/dpa)

Die Fastenzeit ist eine Zeit des Verzichts. Damit der nicht zu arg ausfällt, haben sich im Lauf der Jahrhunderte allerlei Tricks etabliert. Die braucht es gelegentlich noch heute.

Glosse von Katja Auer

Kürzlich hat die Kolpingfamilie Meitingen ihr traditionelles Fastenessen "bei reichlich gedeckter Tafel" veranstaltet und nachher wissen lassen, dass alle "mit gut gefülltem Magen" nach Hause gegangen seien. Das klingt auf den ersten Blick etwas merkwürdig angesichts des Titels der Veranstaltung, doch die Fastenzeit hat ja gar nicht zwingend etwas mit darben zu tun.

Das Bescheißen hat eine lange Tradition in der Kirche, die Maultaschen haben ihren Beinamen Herrgottsbscheißerle daher, dass sie angeblich aus dem frommen Versuch entstanden sind, das Fleisch im Nudelteig vor den Augen des Herrn zu verbergen. Alles was schwimmt, wurde kurzerhand zum - auf dem Speiseplan erlaubten - Fisch erklärt, Rezepte mit Biber und Fischotter sind heutzutage jedoch allein aus Naturschutzgründen nicht mehr angesagt. Und ein Ferkel muss auch niemand mehr im Brunnen ertränken, um es hernach als Fastenspeise zu verzehren, längst ist das Fleischverbot von der katholischen Kirchen gelockert worden.

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Viele Pfarrgemeinden veranstalten im Laufe der 40 Tage ein Fastenessen zugunsten von notleidenden Menschen, das ist nicht nur ehrenwert, sondern war für ein Dorfkind früher auch eine spannende Sache, schon deswegen, weil auswärts essen außerhalb von Familienfesten nicht vorgesehen war. Es sollte im Pfarrheim nach dem Sonntagsgottesdienst ein einfaches Mahl geben, was es genau war, das rückt die Erinnerung leider nicht mehr raus. Sehr wohl ist aber hängengeblieben, dass wir jenen unbekannten "armen Kindern", denen wir vor Ostern wie vor Weihnachten Teile unseres Taschengelds zukommen ließen, nachher noch mehr voller Mitgefühl zugetan waren. Denn sollten sie diese Speise - im Rückblick betrachtet vermutlich ein nicht im vertrauten Sinne gewürzter Linseneintopf - dauernd essen müssen, so wären sie wirklich arm dran. Fanden wir. Sogar aus Oberpfälzer Perspektive, wo ganze Generationen mit Kartoffeln großgezogen worden sind.

Heute ist so ein Fastenessen nicht unbedingt karg; es gibt "eine reichhaltige Gemüsesuppe mit und ohne Würstel" (Neunburg vorm Wald), Lüngerl und Kartoffelsuppe (Zenting) oder ein Käsebuffet wie im genannten Meitingen. Die Solidarität ist ja das Schöne dabei und die Gemeinschaft. Wie das siebengängige Fischmenü mit Austern, Kaviar und Seeteufel zum Karfreitag mit der Idee des Verzichts zusammengeht, dafür baucht es allerdings schon die Lektion Bescheißen für Fortgeschrittene.

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