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Gestrichene Faschingsferien in Bayern:Wenn Schulen ungehorsam sind

Sport statt Unterricht ist eine Variante, die es in dieser Woche gibt.

(Foto: mauritius)

Die Faschingsferien sind offiziell gestrichen, doch mancherorts begehren Lehrer und Schüler auf. In der Staatsregierung findet man den Eigensinn der Schulen nicht so amüsant.

Von Anna Günther

Das Aufbegehren gegen die Obrigkeit und das bewusste Brechen von Regeln ist Kern vieler Faschingstraditionen in Bayern. Ob die Herrscher das je wirklich witzig fanden, ist nicht überliefert. Dagegen kann man schon annehmen, dass Frankenfasching-Fan und Ministerpräsident Markus Söder (CSU) es nicht so lustig findet, dass einige Schulen in Bayern sich seiner Ansage bewusst widersetzen, nach dem Motto: Wenn die Regierung schon die Ferien streicht, dann gibt es halt Schule in abgespeckter Variante - Anweisung aus München hin oder her. Denn in der Faschingswoche laufen Distanz- und Wechselunterricht weiter wie bisher, hieß es in der vergangenen Woche dazu von Schulminister und Ministerpräsident. Nach den vielen Wochen im Distanzunterricht sollen diese fünf Tage genutzt werden, um Stoff aufzuholen und zu üben. Punkt.

Im Geist des Faschings kann es amüsieren, dass Schulen sich widersetzen. Kaum ein System ist so hierarchisch. Viele Schulleiter sind überzeugt, dass der Distanzunterricht sehr anstrengend ist und Schüler, Lehrer und Eltern Pause brauchen. Weil die Schulaufsicht aber selten mit Humor auf Regelbrüche reagiert, bleiben sie lieber anonym. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass elf Wochen amorpher Online-Unterricht relativ schwierig sind", sagt der Direktor eines niederbayerischen Gymnasiums. Der Wunsch, das Tempo in der Faschingswoche zu drosseln, sei von Schülern, Eltern und Lehrern klar kommuniziert worden. Und nur weil die Schule etwas von der Regel abweiche, bedeute das nicht, dass man Ferien mache und ignoriere, was das Ministerium sagt. "Wir haben die Anregung des Kultusministeriums jedenfalls gerne aufgenommen und lassen jetzt die im Distanzunterricht erlernten Dinge üben und wiederholen."

An seiner Schule gebe es in der Faschingswoche halt Schüler, die weniger Videokonferenzen haben - oder gar keine. Die Kinder könnten ausschlafen und sich freier einteilen, wann sie arbeiten. Eine Realschule in Oberbayern gönnt ihren Schülern an Rosenmontag und Faschingsdienstag "wenigstens eine kleine Verschnaufpause": Lehrer sollen keine Hausaufgaben aufgeben. Eine Grundschule in Schwaben verordnet an diesen Tagen nur ein Sportprogramm daheim und Schlittenfahren für die Notbetreuungskinder. Das sind nur drei Beispiele von vielen.

"Dass ein Lehrer Hausaufgaben geben muss, steht nicht in der Schulordnung"

"Wie anstrengend Online-Unterricht wirklich ist, kann sich niemand im Kultusministerium und kein Politiker vorstellen", sagt auch Walter Baier, Chef der Direktorenvereinigung Gymnasien und Schulleiter in Bruckmühl. Er habe seinen Lehrern "klipp und klar gesagt", dass sie arbeiten müssen. Aber dass Kollegen raten, ein "bisschen Dampf rauszunehmen", könne er sich gut vorstellen. Das bedeute nicht, dass Klassen nichts tun. "Wenn ein Lehrer in dieser Woche keine Hausaufgaben aufgibt, würde ich ihn nicht dafür kritisieren. Das ist seine pädagogische Verantwortung. Und dass er Hausaufgaben geben muss, steht nicht in der Schulordnung", sagt Baier. Für ihn ergibt das Zeit-zum-Wiederholen-Argument der Regierung sowieso keinen Sinn: Weil gerade keine Ausflüge oder Klassenfahrten stattfinden, hätten Schulen mehr Unterrichtszeit denn je.

In der Staatsregierung findet man den Eigensinn der Schulen nicht so amüsant: Auf die Ferienpläne angesprochen, sagte Schulminister Michael Piazolo (FW) in der vergangenen Woche: "Das ist so nicht vorgesehen", die Regeln seien klar. Um diese durchzusetzen, haben einige Ministerialbeauftragte in den vergangenen Tagen Schulen abtelefoniert, erzählt ein Direktor. Die Regierung von Oberbayern rief die Schulämter in einer E-Mail dazu auf, Schulen zu melden, die "Unterricht light" durchführen. Nur, Regeln zu überwachen, ist originäre Aufgabe der Schulaufsicht und wenn diese nicht eingehalten werden, ist an gleichwertige Verhältnisse nicht zu denken.

In der Landtags-SPD löste der E-Mail-Aufruf zum "Petzen" Entrüstung aus. Simone Strohmayr kritisierte dies wie auch den "aggressiven Kurs" des Schulministers scharf. Statt "Drohungen" bräuchte es ein Konzept für benachteiligte Schüler. Maximilian Deisenhofer (Grüne) spricht von "autoritärem Säbelrasseln" und nennt "die Söder-Idee", die Ferien zu streichen, "Bockmist". Die Schulen kennen die Regeln, die Ausgestaltung des Unterrichts erfolge vor Ort, heißt es dazu aus dem Kultusministerium. "Wir gehen allerdings selbstverständlich davon aus, dass unsere pflichtbewussten Lehrkräfte im Sinne der Schülerinnen und Schüler wie in den vergangen Wochen verantwortungsbewusst ihrem Beruf nachgehen."

© SZ vom 16.02.2021/sonn, kafe
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