„Djähöi“, ruft Hannes Hibler und seine Stimme hallt über die Wiese. Der 15-Jährige sprintet los, als würde er einen Ball ins Tor schießen wollen. Doch nicht seine Freundesclique wartet auf der anderen Seite der Grünfläche, sondern seine Schafherde. Der Teenager aus Farchant im oberbayerischen Landkreis Garmisch-Partenkirchen ist Hobbyschäfer und Züchter.
Als Shakira, Rosalie, Theo und die anderen zwölf Schafe aus der Herde Hibler sehen, rennen sie ihm entgegen. Sie haben ihn an dem besonderen Lockruf erkannt, der in der Region viel verwendet werde, wie der junge Züchter erklärt. Die Glocken an den Halsbändern bimmeln über die Wiese, hinter den Bäumen blitzen die Alpen hervor. Der 15-Jährige schaltet den Strom des Zauns ab und klettert flink hinüber, um seine Herde zu begrüßen. Die Tiere scharen sich um ihn, ein junges Schaf stupst ihn immer wieder an und will gekrault werden. „Tut mir leid, ich hab euch heute kein Brot mitgebracht“, sagt Hibler.
Für ein paar Wochen im Hochsommer waren Hiblers Schafe auf Bergwiesen in den Alpen. Gerade stehen sie auf einer Anhöhe über Garmisch-Partenkirchen. Drei bis vier Mal die Woche ist er in der Schulzeit nach dem Unterricht mit seinem Fahrrad hergefahren, um zu schauen, ob es seinen Schafen gut geht. Vor ein paar Wochen hat er seinen Abschluss gemacht, jetzt hat er mehr Zeit, bis er im Herbst eine Ausbildung beginnt.
Im Sommer machten die Tiere aber vergleichsweise wenig Arbeit, sagt der junge Züchter. Im Frühjahr, Herbst und Winter gebe es dagegen viel zu tun. Da werden die Lämmer geboren, im Winter muss gefüttert werden, die Klauen wollen gepflegt werden. Gerade lernt der Teenager außerdem, wie er seine Schafe selbst scheren kann.

Kein typisches Hobby für einen 15-Jährigen, könnte man meinen. Doch Hibler kann sich nichts Schöneres vorstellen. „Man baut ja auch eine Bindung zu den Tieren auf und es macht Spaß, mit ihnen zu arbeiten“, sagt er. Er hat noch andere Hobbys wie Fußballspielen und Fingerhakeln, außerdem ist er Mitglied bei der Feuerwehr und im Trachtenverein. Da bleibt nicht mehr viel Zeit übrig. „Die Schafe haben schon eine hohe Priorität für mich“, sagt Hibler. „Wenn ich mich mit Freunden treffen will und dann lammt ein Schaf, muss ich das Treffen halt verschieben. Aber das ist kein Problem.“
Der 15-Jährige ist aber nicht nur Hobbyschäfer, er züchtet auch eine gefährdete Rasse: das gescheckte Bergschaf. Im Freistaat gibt es dem Landesverband bayerischer Schafhalter zufolge nur noch circa 500 Mutterschafe dieser Rasse. Die kugeligen schwarzen Flecken im Fell unterscheiden es von anderen Rassen, außerdem gilt es als besonders robust.

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Das Leben auf dem Berg hat nicht nur Sonnenseiten, sagt Georg Mair aus Gaißach. Und dennoch würde er es nicht missen wollen. Leuten, die mit einer Auszeit auf der Alm liebäugeln, kann er ein paar grundlegende Ratschläge geben.
„Mein Uropa hat mir ein geschecktes Bergschaf geschenkt, da war ich gerade mal fünf“, erzählt Hibler. So sei er auf diese Rasse gekommen. Seitdem wünscht er sich zum Geburtstag und zu Weihnachten immer neue Schafe für seine Herde. Seit Hibler neun Jahre alt ist, züchtet er sie auch selbst. Neben dem Tierwohl und seiner persönlichen Bindung zu den Schafen, motiviert den 15-Jährigen vor allem ein pragmatischer Gedanke bei dem Hobby: „Ich will dazu beitragen, dass die Rasse erhalten bleibt“, erklärt Hibler. „Gescheckte Bergschafe gibt es nicht so viele und sie sind schwerer zu züchten, weil noch mehr zusammenpassen muss.“
Ein gut gezüchtetes geschecktes Bergschaf müsse zum Beispiel dichte Wolle und eine Mischung von nahezu 50 Prozent weißer und dunkler Scheckung, die sauber voneinander getrennt ist, besitzen. Allerdings eigene sich nicht jedes Schaf zur Zucht, manche werden auch geschlachtet. Wichtig sei eine gute Linie, daher kaufe und verkaufe er seine Böcke auf Bockmärkten. Gerade hat er nur Bock Theo in seiner Herde. Die Böcke müssen ständig ausgetauscht werden, um weiterzüchten zu können, sagt Hibler. Inzest ist bei einer guten Zucht nicht erlaubt. Die Wolle der Schafe verkauft der Teenager an eine lokale Gärtnerei, die daraus Dünger-Pellets herstellt.
Auch Hiblers Vater Hans ist im Nebenerwerb Schafzüchter. Allerdings für eine andere Rasse. Von ihm hat Hibler viel gelernt. Teil der Familientradition zu sein, ist für den Nachwuchsschäfer ein wichtiger Aspekt. Seine Eltern befürworten das Hobby: „Er ist weg vom Computer und lernt, direkt Verantwortung zu übernehmen. Das finden wir gut“, sagt seine Mutter Sandra.

Finanzieren kann Hannes Hibler sein Hobby auch mit den Zuschüssen des Freistaats. So erhält er zum Beispiel die Förderung zur Erhaltung gefährdeter einheimischer landwirtschaftlicher Nutztierrassen. Das Geld aus den Förderungen fließt bei Hibler in das Futter und die Haltung der Tiere.
Trotzdem sei das Hobby für viele nebenberufliche Schäfer mit einigen Kosten verbunden, sagt Martin Bartl, Geschäftsführer vom Landesverband für bayerische Schafhalter. „Wir hatten daher starke Einbrüche in den Schafzahlen in den letzten 20 Jahren. Seit ein paar Jahren stabilisieren sich die Zahlen in Bayern aber wieder einigermaßen.“ Aktuell gebe es etwa 210 000 Mutterschafe bei circa 6300 Betrieben in Bayern. Das liegt laut Bartl an der Schaf- und Ziegenhalteprämie, die Bayern 2020 eingeführt habe. Auch Hibler erhält diese Prämie für seine Schafe. „Es ist wichtig, gerade auch für junge Leute eine Subvention und einen Anreiz für die Schafhaltung zu schaffen. Schafe sind nämlich wichtig für den Naturschutz und die Biodiversität“, erklärt Bartl.
Schafzucht und Herdenhaltung seien ein oft unterschätztes, aber relevantes Hobby. Denn gerade für die Landschaftspflege sei es unerlässlich. Ohne die Beweidung von Alm- oder Bergwiesen, die viele Touristen in der Region anziehen, würden laut Bartl viele Flächen innerhalb von drei bis vier Jahren verbuschen. Gerade dort, wo keine Maschinen hinkommen können, pflegten Schafe das Gelände.
Immer wenn Hibler über die Wiese läuft, trottet ihm seine Herde hinterher und blökt laut. Hauptberuflich möchte der 15-Jährige aber nicht Züchter oder Schäfer werden. Im September beginnt er seine Ausbildung zum Elektriker. Er wolle sich noch ein zweites Standbein aufbauen. Um seine Herde kümmert er sich weiterhin in seiner Freizeit.
Auf der Wiese hat Hibler für heute alles abgecheckt: Die Schafe haben noch genug Gras und der Strom auf dem Zaun hat genug Spannung. Der Jugendliche verabschiedet sich von Shakira, Rosalie, Theo und den anderen. Ein Schaf in der Mitte der Herde mäht wie zur Verabschiedung laut. „Das ist schon schee“, sagt Hibler, als er sich noch mal umdreht und einen letzten Blick auf die Herde wirft, bevor er hinter den Bäumen verschwindet. Morgen wird er wieder kommen.

