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Start im Wintersemester:Wie die Hochschulen in Bayern sich wandeln

'Seniorenwohnung der Zukunft'

Die Toilette in einer Forschungswohnung der Fachhochschule Kempten ist mit Geräten ausgestattet, die Blutzucker, Blutdruck und Puls messen. Die Hochschule arbeitet an einer 'Seniorenwohnung der Zukunft'.

(Foto: dpa)

Zahlreiche bayerische Hochschulen bieten neue Studiengänge für neue Berufsbilder. Gerade in den Bereichen Digitalisierung und Pflege werden immer spezifischere Bachelorstudiengänge angeboten.

Dass sich die meisten Fachhochschulen schon vor Jahren in "Hochschulen für angewandte Wissenschaften" umbenannt haben, ist Programm: Der Name drückt den Anspruch aus, eine besonders praxisorientierte Ausbildung zu bieten. Zudem reagieren die Hochschulen recht schnell auf den Wandel in der Gesellschaft, indem sie schon bei den Bachelorstudiengängen immer spezialisiertere Angebote machen, von denen einige auch berufsbegleitend belegt werden können.

17 staatliche und acht nicht-staatliche Fachhochschulen gibt es in Bayern. Knapp 138 000 Studierende waren dort im vergangenen Jahr immatrikuliert. Viele Hochschulen werden ihr Portfolio zum kommenden Semester im technischen Bereich um Berufsbilder erweitern, die durch die Digitalisierung entstanden sind. Zweites großes Trendthema ist und bleibt die Gesundheitsbranche. Im Herbst 2020 soll es an sieben bayerischen Hochschulen neue Studienangebote zur Pflege geben. Schon zum kommenden Semester werden die folgenden Bachelorstudiengänge starten:

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Hebammenwesen

Bisher fand die dreijährige Hebammenausbildung fast ausschließlich an speziellen Hebammenschulen statt, die an Krankenhäuser angegliedert sind. Nun bereiten mehrere Hochschulen in Bayern einen Bachelorstudiengang vor, in dem sich Interessenten in sieben Semestern zu Geburtshelfern ausbilden lassen können. Der Studiengang verbindet ein wissenschaftliches Studium mit einer praxisbezogenen Ausbildung. Schon im kommenden Wintersemester soll es an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg und der katholischen Stiftungsfachhochschule München losgehen. Die Hochschule Landshut plant, im Wintersemester 2020/21 mit dem Studiengang Hebammenwesen zu beginnen.

Arztassistenz

Der Ärztemangel in Deutschland wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen, weil viele noch praktizierende Mediziner in den Ruhestand gehen und zu wenig ausgebildete Ärzte nachfolgen. Die Ostbayerische Technische Hochschule (OTH) Amberg-Weiden reagiert auf dieses Problem mit der Ausbildung zur "Physician Assistance - Arztassistenz", ein Berufsbild, das in den USA deutlich bekannter ist als hierzulande. Absolventen sollen administrative, aber auch medizinische Aufgaben übernehmen und Ärzte entlasten, indem sie beispielsweise Wunden versorgen, Behandlungen dokumentieren, Visiten organisieren oder auch das OP-Management übernehmen. Momentan ist die OTH Amberg-Weiden die einzige staatliche und damit gebührenfreie Hochschule, die für dieses Berufsbild ein Bachelorstudium anbietet. Beim medizinischen Teil der Ausbildung arbeitet die Hochschule mit regionalen Kliniken zusammen.

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Digitalisierung in der Medizin

Mit dem Fitnessarmband kann man seinen Herzschlag überwachen, ohne allzu schnell mit der zugehörigen App überfordert zu sein. Im Gesundheitswesen ist die Sache um einiges unübersichtlicher: Von der Diagnostik über neue Entwicklungen für die Telemedizin, von Assistenzsystemen für Pflegebedürftige bis zum Datenaustausch mit der Krankenkasse werden Praxen, Krankenhäuser und Heime mit immer neuen digitalen Angeboten überschwemmt. Viele Kliniken, Ärzte und Manager sind überfordert mit der Frage, welche neuen Geräte und welche Software wirklich sinnvoll sind. Um passgenaue Lösungen zu entwickeln - und um entscheiden zu können, was tatsächlich nützliche Innovationen sind, ist Fachwissen in den Bereichen Medizin, Softwareentwicklung und Technik hilfreich.

Solche interdisziplinär geschulten Experten bilden künftig mehrere Hochschulen aus, wobei sie unterschiedliche Schwerpunkte setzen: Mal geht es mehr um die Entwicklung, mal mehr um die Anwendung. Die Technische Hochschule Aschaffenburg bietet den Studiengang "Medical Engineering and Data Science" an der Fakultät Ingenieurwissenschaften an. Die Hochschule Kempten hat den Studiengang "Gesundheits- und Pflegeinformatik" an der Fakultät Informatik eingerichtet. Und bei der OTH Amberg-Weiden ist der Studiengang "Digital Healthcare Management" an der Fakultät für Wirtschaftsingenieurwesen aufgehängt.

Intelligent Systems Engineering

Zu dem boomenden Berufsfeld "Künstliche Intelligenz" bietet die Technische Hochschule Ingolstadt als eine der ersten Fachhochschulen in Deutschland einen Bachelorstudiengang an.

(Foto: Manjunath Kiran/AFP)

An der Schnittstelle zwischen Elektrotechnik und Informatik ist das neue Ingenieurstudium "Intelligent Systems Engineering" der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg angesiedelt. Der ideale Studienanfänger interessiert sich für moderne Mikrocomputertechnik, programmiert gerne und experimentiert schon mal mit elektronischen Bauteilen herum. Nach dem Studium sollen die Absolventen programmierbare Bauteile entwerfen, die heute fast überall zum Einsatz kommen, von der Waschmaschine übers Smartphone bis zum autonom fahrenden Auto. Auch intelligente Regelsysteme für die Energiewirtschaft (Stichwort "Smart Grid") sind ein Anwendungsbereich.

Künstliche Intelligenz

Bislang ist "Künstliche Intelligenz" nur als Vertiefungsrichtung studierbar, nun bietet die Technische Hochschule Ingolstadt als eine der ersten Fachhochschulen in Deutschland einen Bachelorstudiengang zu dem boomenden Berufsfeld an. Schließlich gilt künstliche Intelligenz als Schlüsseltechnologie von morgen. Die Studierenden sollen lernen, Softwaresysteme zu entwickeln, die Aspekte menschlicher Intelligenz nachbilden: Etwa Programme zur Spracherkennung, zur Interpretation großer Datenmengen, aber auch interaktive Systeme, die sich auf ihre Benutzer einstellen und zum Beispiel in der Robotik eingesetzt werden können.

Datenschutz und IT-Sicherheit

Datenschutz und Datensicherheit sind Themen, mit denen sich die Unternehmensleitung, die Rechtsabteilung und IT-Experten beschäftigen müssen. Die Hochschule Ansbach reagiert darauf mit einer interdisziplinären Ausbildung zu Experten für technischen Datenschutz und IT-Sicherheit, bei der alle drei Bereiche abgedeckt werden. Die Absolventen sollen sich mit Kryptografie, Hacking und Netzwerksicherheit genauso auskennen wie mit dem Datenschutzrecht. Sie sollen auch wissen, wie Unternehmen Daten rechtskonform verwenden und dabei möglichst wirtschaftlich handeln können.

Chemtronik

Im Kempten können Studierende den Bachelorstudiengang Verfahrenstechnik und Nachhaltigkeit belegen und sich unter anderem mit dem Klimawandel und Plastikmüll im Ozean befassen.

(Foto: AP)

Die Technische Hochschule Rosenheim hat einen Ableger im schönen Städtchen Burghausen, wo sie einen großen Bedarf an Fachkräften für die Chemieindustrie ausgemacht hat. Schließlich liegt Burghausen im sogenannten bayerischen Chemiedreieck mit etwa 20 000 Mitarbeitern bei 18 Unternehmen der chemischen Industrie. Die zur Gemeinschaft "ChemDelta Bavaria" zusammengeschlossenen Firmen waren an der Entwicklung des neuen Studiengangs Chemtronik beteiligt. Ausgebildet werden Ingenieure der Automatisierungstechnik, die auf chemische und pharmazeutische Anlagen spezialisiert sind und auch das digitale Handwerkszeug beherrschen - um später einzelne Anlagen optimieren zu können oder sie intelligent zu vernetzen.

Verfahrenstechnik und Nachhaltigkeit

Nicht erst seit den Demonstrationen gegen Klimawandel und Plastikmüll in den Ozeanen ist es eine gute Idee, schon bei der Produktion von Gegenständen auf Nachhaltigkeit, den schonenden Umgang mit Ressourcen und die Wiederverwertbarkeit von Material zu achten. Im Kempten können Studierende sich im Bachelorstudiengang Verfahrenstechnik und Nachhaltigkeit damit von Anfang an befassen. Im Vergleich zur klassischen Verfahrenstechnik werden hier Recyclingprozesse, Wasserwirtschaft und Umwelttechnik eine stärkere Rolle spielen. Nach dem Studium sollen die Studierenden später die Produktion eines Unternehmens nachhaltiger und kostengünstiger gestalten. Der siebensemestrige Studiengang ist der Fakultät Maschinenbau zugeordnet.