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Wetter in Bayern:Pünktliche Eisheilige

Der erste Frost

Wegen der Wettereinflüsse, etwa der Spätfröste, war die Beobachtung des Klimas früher für die Menschen überlebensnotwendig.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Alte Bauern- und Wetterregeln werden von so manchem Meteorologen verlacht: Doch in diesem Jahr richten sich Pankratius, Servatius und Bonifatius sowie die kalte Sophie wohl exakt nach dem Kalender.

Früher hatten die Eisheiligen eine Bedeutung, die in der aufgeklärten Gesellschaft von heute befremdlich wirkt. Die regelmäßig wiederkehrenden Wetterstürze im Mai waren in der einstigen Agrargesellschaft für viele Familien existenzbedrohend. Heute gelten die Eisheiligen jedoch als ein Relikt des Aberglaubens. Trotzdem werden sie in diesem Jahr ihrem Namen wieder einmal in vollem Umfang gerecht. Aller Voraussicht nach wird der Frühsommer am Montag jäh unterbrochen werden. Polarluft wird sich über das Land legen, sie wird Frost und Schnee mitbringen. In den Mittelgebirgen und in den Alpen könnte sich die Schneedecke bis in die Täler hinein erstrecken.

Dieser Wetterumschwung deckt sich wieder einmal passgenau mit dem Beginn der Eisheiligen, also mit den Gedenktagen der Heiligen Pankratius, Servatius und Bonifatius sowie mit der sogenannten kalten Sophie, die sich im Kalender vom 12. bis zum 15. Mai erstrecken. "Ein Wettersturz ist um diese Zeit nicht ungewöhnlich", sagt der Klimaexperte Martin Bohmann, der im niederbayerischen Eggerszell eine Wetterbeobachtungsstation betreibt. Im Mai sei wettermäßig vieles möglich, denn in Nordeuropa verharren Kaltluftreserven aus dem vergangenen Winter und in der Mittelmeergegend stauen sich warme Luftmassen. Die Luftmassengrenze führe genau über Deutschland. "Und jetzt verdrängt eben die polare Luft die warmen Strömungen."

Weil dieses Phänomen schon im Mittelalter beobachtet wurde, brachte man es mit jenen Heiligen in Verbindung, die an diesen Tagen im Kalender stehen, und man nannte sie die Eisheiligen. Die sich die gesamte nächste Woche hinziehende Abkühlung bestätigt die alte Bauernregel und die über Jahrhunderte währende Wettererfahrung voll und ganz.

Der Meteorologe Jörg Kachelmann hält vom Phänomen Eisheilige trotzdem nicht sehr viel. Das belegt schon die Überschrift eines in seinem "Wetterkanal" publizierten Aufsatzes. "Warum es keine Eisheiligen gibt" lautete der Titel der Schrift, in der die Aussage des Titels mit einem auf Messdaten gestützten Rückblick bis ins Jahr 1950 belegt werden soll. Demnach gibt es in der Phase der Eisheiligen keine Häufung von kalten Wetterlagen mit Luft- oder Bodenfrost.

Überdies verweist der Meteorologe Fabian Ruhnau darauf, dass die Eisheiligen wegen der Kalenderreform von Papst Gregor XIII. von 1582 eigentlich zehn Tage später angesetzt werden müssen. Damals wurden einfach zehn Tage gestrichen, weshalb so manche Bauern- und Wetterregel nicht mehr taggenau zutrifft, darunter die Eisheiligen. Ruhnau schlussfolgert, nach dem 20. Mai sei die Wahrscheinlichkeit von Frösten noch viel geringer als zehn Tage zuvor. Andere Wetterbeobachter sagen jedoch, es kühle vom 21. bis zum 23. Mai überdurchschnittlich oft ab, was sie auf die verschobenen Eisheiligen zurückführen.

Einigermaßen sicher ist nur, dass der Mai unberechenbarer ist als andere Monate. "Man kann das Phänomen Eisheilige nicht pauschal abstreiten", sagt Bohmann. Nachtfröste seien um diese Zeit fast normal, vor allem in Bayern. Dass es in den vergangenen Jahren um diese Zeit ziemlich häufig Kälteeinbrüche gab, das belegen Bohmanns Messungen zumindest für Ostbayern. Auch im Mai 2019 war es sehr frisch. "Es war der einzige Monat, an dem es im Jahresmittel zu kalt war", sagt Bohmann. "Alle anderen Monate waren dagegen viel zu warm." Seinen Beobachtungen zufolge tritt ein Kälteeinbruch von Ende April bis Mitte Mai zu 70 bis 80 Prozent ein.

Es verwundert deshalb nicht, dass die alten Wettersprüche gerade auf dem Land nach wie vor Vertrauen genießen. Schließlich gaben sie ja bereits ihren komplett vom Wetter abhängigen Vorfahren in Zeiten ohne Versicherung, Medien und Klimamessung Orientierung und Hoffnung. In diese Regeln sind Erfahrungen aus Zeiten eingeflossen, in denen die Beobachtung des Klimas für die Menschen überlebensnotwendig war. Im Grunde genommen bilden die Bauernregeln die Essenz von über Generationen hinweg gesammelten Überlebensfragen und Ängsten: Bringen wir die Ernte durch, geht die Saat auf, erfriert das Obst an den Bäumen?

Auch wenn diese Volksweisheiten uralte Beobachtungen abbilden, so müssen sie sich dennoch an den immer präziser werdenden Erkenntnissen der Meteorologie messen lassen. Der Brauchtumsexperte Michael Ritter (Landesverein für Heimatpflege) sagt deshalb, man dürfe die Bauernregeln nicht überbewerten. "Die Tendenz ihrer Aussage ist oft zutreffend, ein Postulat kann man daraus nicht ableiten. Dahinter stecken Erfahrungswerte, keine Gesetzmäßigkeiten."

In diese Richtung argumentieren auch die Meteorologen vom Deutschen Wetterdienst, die tagesbezogene Bauernregeln für eher unbrauchbar halten, allgemeine Wetterregeln wie die Siebenschläferphase und das Weihnachtstauwetter aber schon, da sich um diese Zeiten die Luftzirkulation oft großflächig umstellt. Auffällig ist indessen, dass die Eisheiligen zumindest terminlich dem Klimawandel trotzen.

Bohmanns Messungen zeigen, dass die Durchschnittstemperatur in Ostbayern jetzt zehn Grad beträgt, früher waren es 7,5 Grad. Die Baumblüte setzt immer früher ein, das Aprilwetter ist verschwunden, die Vegetationszeit wird immer länger. Die Kälte und der Mai aber gehen untrennbar Hand in Hand.

© SZ vom 09.05.2020/lfr
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