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Bayern-Ei-Skandal:Chronologie des Versagens

Diese Bilder, die offenbar im Bayern-Ei-Stall in Ettling aufgenommen wurden, zeigen zerrupfte Hennen, sterbende Tiere und immer wieder Kadaver.

(Foto: Soko Tierschutz)

In Europa brechen Salmonellen aus, die Spuren führen zur niederbayerischen Firma Bayern-Ei. Und was tun die Behörden? Sie sehen weg, verzögern, verharmlosen.

Hunderte Menschen erkrankten, zwei starben - und die Spur führt nach Niederbayern: Nach den jüngsten Recherchen von SZ und dem BR-Politikmagazin Kontrovers zu einem mutmaßlich von der Firma Bayern-Ei ausgelösten europaweiten Salmonellenausbruch im Sommer 2014 wächst die Kritik an den Behörden. Längst geht es nicht mehr nur um den größten und womöglich skrupellosesten Hühnerhalter Bayerns, sondern um das offenkundige Versagen bayerischer Behörden, allen voran des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Die Staatsanwaltschaft Regensburg ermittelt gegen den Eigentümer der Firma Bayern-Ei, hält es sich aber offen, gegebenenfalls auch gegen bayerische Behörden zu ermitteln.

Diesen Donnerstag müssen sich LGL-Präsident Andreas Zapf und Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf (CSU) im Umweltausschuss des Landtags den Fragen der Abgeordneten stellen. Ungereimtheiten gibt es in der Bayern-Ei-Affäre viele. Manche sind Kleinigkeiten, viele Ungeheuerlichkeiten. Zusammen ergeben sie das Bild von Behörden, die offenkundig versagt, bis zum Ende verharmlost, ja womöglich sogar vertuscht haben.

Sieben lange Wochen

Bei einer Routinekontrolle am 18. Februar 2014 nimmt das Landratsamt Dingolfing-Landau Eier aus dem Ettlinger Stall von Bayern-Ei zur Untersuchung mit. Am nächsten Tag werden die Proben ans LGL geschickt. Ein Salmonellentest ist nach Auskunft eines amtlich zugelassenen Labors normalerweise eine Sache von fünf Tagen. Allerdings vergehen beim LGL sieben Wochen, bis das Ergebnis vorliegt: Salmonellen auf den Eierschalen. Kurz darauf erkranken in Großbritannien - einem jener Länder, in die Bayern-Ei-Eier geliefert werden - die ersten Menschen an Salmonellose. Hätte das LGL schneller gearbeitet, wäre dies womöglich zu verhindern gewesen.

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Im April 2014 werden erneut Proben genommen, diesmal vergehen sechs Wochen, bis das Ergebnis vorliegt: Salmonellen. Die Abnehmer von Bayern-Ei werden nicht alarmiert. Kurz darauf stirbt in einer Klinik in Birmingham ein 88-jähriger Mann. Als Todesursache steht in seinem Obduktionsbericht: Blutvergiftung durch Salmonellose. Tod durch Salmonellen.

Beschwichtigungsversuche

Hunderte Menschen erkranken in diesen Wochen an ein- und demselben Salmonellentyp: in Großbritannien, Luxemburg, Österreich, Frankreich. Wie sich herausstellt, wird der mysteriöse Ausbruch ausgelöst durch eine in Deutschland besonders seltene Form von Salmonellen vom Typ Salmonella enteritidis PT14b. Genau dieser Erregertyp wird plötzlich auch vermehrt aus Bayern gemeldet. 73 Prozent aller deutschen PT14b-Fälle, die dem Robert-Koch-Institut im Sommer 2014 übermittelt werden, kommen aus Bayern, besonders aus den Landkreisen um die Bayern-Ei-Betriebe. Das LGL beschwichtigt. Erst mal müsse geprüft werden, ob sich die Fälle auf "eine konkrete lokale Eintragsquelle" zurückführen lassen. Experten in Großbritannien haben das innerhalb einiger Wochen erledigt. Das LGL hingegen will das Ganze "in den kommenden Jahren" beobachten.

A-Eier oder B-Eier?

Am 9. Juli 2014 schicken die französischen Behörden eine Art Hilferuf über ein Schnellwarnsystem an ihre Kollegen in Europa: "Durch Lebensmittel verursachter Ausbruch von Salmonellose." Zwei Tage später werden erneut Proben in Ettling genommen. Am 1. August liegt das erste Ergebnis vor: Salmonellen. Das Landratsamt informiert weder die Öffentlichkeit, noch werden Eier zurückgerufen. Es erfolgen "keine weiteren Maßnahmen", so ist es auf amtlichen Dokumenten vermerkt. Später rechtfertigen sich die Behörden, die "Ausstallung" - also die turnusmäßige Tötung der Hühner - habe schließlich bereits begonnen. Außerdem habe Bayern-Ei zu diesem Zeitpunkt nur noch Eier der Güteklasse B ausgeliefert, die für die Kosmetikproduktion oder für industriell hergestellte und abgekochte Lebensmittel verwendet werden. Woher man dies wisse? Bayern-Ei habe dies mitgeteilt.

Quelle: SZ Grafik

Die Aussagen mehrerer Mitarbeiter legen jedoch nahe, dass womöglich weiterhin A-Eier ausgeliefert wurden. Seltsamerweise kann das LGL auch nicht genau sagen, wann Bayern-Ei versichert habe, nur noch B-Eier auszuliefern. Auf mehrmalige Nachfrage von SZ und BR verweigerte das LGL gar die Auskunft darüber, ob die angebliche Auskunft von Bayern-Ei schriftlich oder mündlich erfolgte und ob sie auf irgendeine Art dokumentiert wurde. Bayern-Ei äußerte sich am Mittwoch auf Anfrage nicht näher zu der Angelegenheit.

Die nächste Verzögerung

Im August 2014 wusste das LGL längst, dass es im Ausland eine seltsame Häufung von Salmonellose-Fällen gibt, und hatte dazu etliche Hinweise, dass Bayern-Ei-Eier die Ursache sein könnten. Auch wurden auf Eiern aus Ettling Salmonellen gefunden. Das LGL hätte also nur überprüfen müssen, ob es sich um denselben Salmonellentyp handelt. Die entsprechende Probe wurde aber erst mit einem Monat Verzögerung, am 13. August, zur Untersuchung an das Robert-Koch-Institut weitergeleitet.

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Am selben Tag stirbt ein 75-jähriger Österreicher. Salmonellen seien für seinen Tod "mitverantwortlich, wenn nicht alleinverantwortlich", heißt es bei der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit. Hätte das LGL die Proben schneller weitergeleitet, wäre das Ergebnis früher bekannt gewesen und eine weitere Auslieferung von Bayern-Ei-Eiern - etwa nach Österreich - hätte womöglich frühzeitig gestoppt werden können.

Kranker Stallbursche

Im Juli 2014 werden bei Bayern-Ei-Mitarbeitern Stuhlproben genommen. Am 1. August steht fest, dass ein Stallbursche des Ettlinger Hofes an Salmonellen genau jenes Typs erkrankt ist, der auch in Österreich und Großbritannien gefunden wurde und der eigentlich in Bayern nicht sehr häufig ist. Zu diesem Zeitpunkt sind im Ausland bei Erkrankten bereits Eier-Packungen von Bayern-Ei gefunden worden. In Warnmeldungen ist von "serious risk" die Rede, von ernstem Risiko also, da kann jede Information wichtig sein. Etwa jene, dass bei genau jenem Unternehmen, das ohnehin schon unter Verdacht steht, auch noch ein Mitarbeiter an ein- und demselben Salmonellentyp erkrankt ist. Bayerns Behörden informieren ihre Kollegen im Ausland jedoch erst mehr als zwei Wochen später darüber.

Genetischer Fingerabdruck

Das bayerische Verbraucherschutzministerium erfährt nach eigenen Angaben am 10. Juli von der Warnung aus Frankreich, drei Wochen später wird das Ministerium vom LGL informiert, dass Bayern-Ei mit den Salmonellosefällen in Österreich in Verbindung gebracht wird. Die Behörden in Großbritannien und Österreich sehen schon bald eine Verbindung von den Todesfällen zu Bayern-Ei und berufen sich dabei auf eine Rekonstruktion der Lieferwege und eine Art genetischen Fingerabdruck der Bakterien. Dieser sei nahezu identisch mit den Proben, die bei Bayern-Ei genommen wurden. LGL-Präsident Andreas Zapf spricht indes bis heute nur von der "Hypothese", dass Bayern-Ei der Ursprung des Salmonellen-Ausbruchs sei.