Bayern-Ei:Salmonellenskandal: Behörden wussten von durchgesickerten Kontrollterminen

Bayern-Ei

Die Firma Bayern-Ei nahe Aiterhofen spielt die Hauptrolle in Bayerns größtem Lebensmittelskandal.

(Foto: Armin Weigel/dpa)
  • Ein Amtstierarzt der Regierung von Niederbayern soll Bayern-Ei-Chef Stefan Pohlmann telefonisch vor Kontrollen am Firmenstandort Ettling gewarnt haben.
  • Der Tierarzt bestreitet die Vorwürfe, Pohlmann selbst schweigt - wie auch in den vergangenen zwei Jahren.
  • Es waren jedoch sowohl beim Landratsamt als auch bei der Bezirksregierung eine ganze Reihe von Menschen darüber informiert, dass Pohlmann geplantermaßen unangekündigte Kontrolltermine im Voraus bekannt waren.

Von Andreas Glas und Christian Sebald, Landshut

Es ist Montagvormittag, als Bayern-Ei-Chef Stefan Pohlmann, 45, den Saal des Landshuter Amtsgerichts betritt. Seit zwei Jahren ist der Skandal um salmonellenverseuchte Eier in der Welt, seit zwei Jahren schweigt Pohlmann. Er ist ein großer Mann, er muss den Kopf einziehen, um sich nicht am Türrahmen zu stoßen. Drei Minuten dauert sein Auftritt, seine Aussage besteht darin, dass er wieder nichts sagen möchte. Dann steht er auf, duckt sich wieder durch die Tür und verschwindet.

Pohlmann kam nicht als Beschuldigter ins Gericht, er kam als Zeuge im Prozess gegen einen Amtstierarzt der Regierung von Niederbayern. Die Staatsanwaltschaft Regensburg warf dem 57-Jährigen vor, den Bayern-Ei-Chef im September 2014 am Telefon vor Kontrollen am Firmenstandort Ettling (Landkreis Dingolfing-Landau) gewarnt zu haben. Ob es das Telefonat gab und worüber gesprochen wurde, wissen nur Pohlmann und der angeklagte Tierarzt.

Doch während der eine schweigt, streitet der andere das Telefonat ab. Am Ende spricht der Richter den Tierarzt frei, weil das Telefonat "nicht mit einer für eine Beurteilung ausreichenden Sicherheit nachzuweisen ist". Auch die Aussagen von mehr als einem halben Dutzend Zeugen bringen keine Aufklärung. Eines aber wird beim Prozess deutlich: Mehrere Behördenmitarbeiter wussten davon, dass Pohlmann gewarnt war - trotzdem fand drei Tage später die Kontrolle statt, die eigentlich unangekündigt sein sollte.

Es geht um den 19. September 2014, einen Freitag. Wegen des Salmonellenverdachts lieferte Bayern-Ei zu jener Zeit nur Eier der Güteklasse B aus, die vor allem für industriell hergestellte und abgekochte Lebensmittel verwendet werden. Bevor Pohlmann wieder Eier an Supermärkte verkaufen durfte, musste er bei Kontrollen nachweisen, dass sein Ettlinger Betrieb frei von Salmonellen ist. An jenem Freitag also rief Pohlmann im Dingolfinger Landratsamt an und fragte, wann die nächsten Kontrollen geplant seien.

Das könne und dürfe er nicht mitteilen, sagte Lebensmittelkontrolleur B. nach eigener Aussage. Zehn Minuten später rief Pohlmann noch einmal an, diesmal bei Kontrolleur F., und teilte ihm mit, dass er nun mit dem Tierarzt der Bezirksregierung telefoniert und der ihm gesagt habe, dass die Kontrolle am Montag, 22. September, stattfinden werde.

Daraufhin, sagt der Kontrolleur, habe er seinen Vorgesetzten informiert. Dieser Vorgesetzte sagt wiederum aus, seine eigene Vorgesetzte informiert zu haben, dass Pohlmann gewarnt sei. Und diese gibt bei Gericht wiederum zu Protokoll, die Bezirksregierung über Pohlmanns Anruf informiert zu haben. Am Ende waren sowohl beim Landratsamt als auch bei der Bezirksregierung eine ganze Reihe von Menschen informiert - aber niemand unternahm den Versuch, die angekündigte Kontrolle zu verschieben. Mit dem Ergebnis, dass Pohlmann wohl vorbereitet war und womöglich bei der Hygiene nachgebessert hatte, als die Kontrolleure kamen, um Laborproben von Eiern, Staub und Hühnerkot zu nehmen. Im Betrieb habe es "stark nach Desinfektionsmittel gerochen", gibt einer der Kontrolleure des Landratsamt vor Gericht zu Protokoll. Das sei "ungewöhnlich".

Hört man den Behördenmitarbeitern so zu, die vor Gericht aussagen, entsteht der Eindruck, dass das Landratsamt die Verantwortung bei der Regierung sah und umgekehrt - und dass sich deshalb niemand zuständig fühlte, die Kontrolle kurzfristig auf einen Termin zu verschieben, mit dem Pohlmann nicht so eindeutig rechnen konnte. Am Ende des ersten Prozesses im Bayern-Ei-Komplex bleibt also ungeklärt, ob es bei den Behörden eine undichte Stelle gibt - und falls ja, wo sie ist. Für die Maulwurf-Theorie gebe es "keine Gewissheit", sagte der sichtlich unzufriedene Richter.

Der Fall Bayern-Ei ist einer der größten Lebensmittel-Skandale im Freistaat. Kontaminierte Eier hatten im Sommer 2014 einen europaweiten Salmonellen-Ausbruch mit wenigstens einem Toten und fast 200 Erkrankten verursacht. Obwohl die Erreger wiederholt in Pohlmanns Großstallungen festgestellt worden waren, lieferte die Firma weiter Zigtausende Eier aus. Hierzulande erkrankten 86 Menschen, in Österreich 95, von denen einer starb, in Frankreich sechs. Diese Zahlen dürften nur ein Teil des tatsächlichen Ausbruchs sein: Auch in Großbritannien sind wohl etliche Personen erkrankt. Ihre Zahl ist aber nicht erfasst, weil die Behörden nicht länderübergreifend kooperierten.

Zwar hat die Staatsanwaltschaft Regensburg im Januar Anklage gegen Pohlmann erhoben, doch hat das Landgericht noch nicht über die Zulassung entschieden. Pohlmann, der zwischenzeitlich in U-Haft saß, wird unter anderem Körperverletzung mit Todesfolge, gefährliche Körperverletzung, und "vorsätzliches Inverkehrbringen gesundheitsschädlicher Lebensmittel" vorgeworfen. Zudem wird gegen einige Bayern-Ei-Mitarbeiter und einen weiteren Tierarzt ermittelt, der am Landratsamt Straubing-Bogen arbeitet und Pohlmann ebenfalls vor Kontrollen gewarnt haben soll.

© SZ vom 27.06.2017/libo
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