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Bayern-Ei-Prozess:Alles sehr unappetitlich

Beginn im Prozess um den Bayern-Ei-Skandal

Der frühere Geschäftsführer der Firma Bayern-Ei Stefan Pohlmann (M.) mit seinen Anwälten im Sitzungssaal im Landgericht Regensburg.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)
  • Stefan Pohlmann, dem Ex-Geschäftsführer der Firma Bayern-Ei, droht eine lange Haftstrafe.
  • Das Gericht in Regensburg muss klären, ob er für einen folgenschweren Lebensmittelskandal verantwortlich ist.
  • Im Prozess berichten Zeugen über gravierende Hygienemängel. Pohlmann schweigt zu den Vorwürfen.

Da sitzt er und sagt kein Wort. So geht das seit Beginn dieses Gerichtsverfahrens. Wer Stefan Pohlmann so zuschaut beim Schweigen, dem schießt zwangsläufig diese Frage in den Kopf: Woher wohl die Eier stammten, die bei Familie Pohlmann auf den Frühstückstisch kamen? Aus der eigenen Fabrik? Man kann es sich schwer vorstellen. Nicht, wenn das alles stimmt, was die Zeugen sagen. Einer nach dem anderen betritt den Gerichtssaal, einer nach dem anderen berichtet über Sauereien. Zwischenfazit nach elf Prozesstagen: alles sehr unappetitlich. Und: Es läuft nicht unbedingt gut für Eierfabrikant Pohlmann.

Landgericht Regensburg, Freitag, Tag elf im Bayern-Ei-Prozess. Auf dem Zeugenstuhl: Istvan Szabo, Salmonellen-Experte beim Bundesinstitut für Risikobewertung. Sein Fachwissen soll dem Gericht helfen, die zentrale Frage zu klären: Ist Pohlmann, Ex-Geschäftsführer der Firma Bayern-Ei, verantwortlich für einen folgenschweren Lebensmittelskandal? Mitte 2014 erkrankten mehr als 180 Menschen aus Deutschland, Österreich und Frankreich an Salmonellen.

Vor Gericht in Bayern Zeuge wies bereits 2015 auf Hygienemängel hin
Bayern-Ei-Prozess

Zeuge wies bereits 2015 auf Hygienemängel hin

Bereits vor vier Jahren kritisierte der damalige Produktionsleiter in mehreren E-Mails die Zustände in den Betrieben der Firma Bayern-Ei. Vor Gericht wollte sich der Mann nicht dazu äußern.

40 Fälle führt die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage auf. Alle Patienten waren mit dem gleichen Salmonellentyp infiziert, alle sollen Eier oder Speisen aus Eiern der Firma Bayern-Ei gegessen haben. Ein 94-Jähriger ist gar gestorben. Pohlmann droht eine lange Haftstrafe. Die Anklage wirft ihm Verstöße gegen das Tierschutzrecht vor, Betrug, gefährliche Körperverletzung und Körperverletzung mit Todesfolge.

"Absolute Salmonellenfreiheit ist nicht herstellbar", sagte Pohlmann-Anwalt Ulrich Ziegert zu Prozessbeginn. Ist das so? Das will der Richter jetzt vom Salmonellen-Experten wissen. Na ja, sagt Istvan Szabo, es gebe da schon Möglichkeiten, das Salmonellenrisiko zu minimieren. Man könne etwa den Stall ordentlich reinigen und desinfizieren. Man könne Hühnerkot rasch entfernen, auch kranke und tote Tiere müssten zügig raus aus den Ställen. Man könne vermeiden, dass zu viele Hühner auf zu engem Raum leben. Minutenlang zählt Szabo auf, was man alles gegen Salmonellen tun könnte. Wer ihm zuhört, fragt sich: Gibt es irgendwas, das in den Bayern-Ei-Hühnerställen nicht falsch gelaufen ist?

Da sind zum Beispiel die E-Mails, die Richter Michael Hammer am zweiten Prozesstag vorlas. Eine ging im Mai 2015 an den damaligen Bayern-Ei-Chef Pohlmann. Darin berichtet ein früherer Produktionsleiter von zahlreichen Milben in den Hühnerställen. In einer zweiten Mail an einen anderen Kollegen beschwert er sich über tote und sterbende Tiere in den Gängen der Bayern-Ei-Fabrik in Ettling (Landkreis Dingolfing-Landau). Bei seiner Aussage im Gericht sagte der Produktionsleiter dagegen, dass die Ställe "sauber, ordentlich und gepflegt" gewesen seien.

Tote Tiere, Maden, Würmer, schlechtes Hygienemanagement

Am dritten Prozesstag sagte die stellvertretende Leiterin der Ettlinger Hühnerfarm aus. Sie gab zu, alte Eier neu verpackt und das Haltbarkeitsdatum gefälscht zu haben. Den Auftrag dafür habe sie "von oben" bekommen. Und sie sei angewiesen worden, Zählgeräte zu manipulieren. Bis zu 30 000 Eier seien manchmal ungezählt durch die Maschinen gelaufen. Die Vermutung der Zeugin: Die niedrigeren Zahlen sollten eine Überbelegung des Hühnerstalls vertuschen.

Tote Tiere, Maden, Würmer, schlechtes Hygienemanagement - von diesen oder ähnlichen Missständen berichteten auch andere Bayern-Ei-Mitarbeiter im Gerichtssaal. Selbst eine Amtsveterinärin, die mehrfach zur Kontrolle in der Farm in Ettling war, erzählte von Missständen. Das ist ja ebenfalls ein Vorwurf, der im Raum steht: Dass die Behörden bei der Kontrolle des Großbetriebes versagt haben. Und auch diese Frage soll der Prozess klären: Ist Fabrikant Pohlmann vorab über Kontrollen informiert worden?

Einer, der die Antwort kennen könnte, ist Josef K. Der Amtstierarzt steht im Verdacht, Pohlmann vor unangekündigten Kontrollen gewarnt zu haben. Auch K. war kürzlich als Zeuge geladen. Er verweigerte jedoch seine Aussage. Eine frühere Mitarbeiterin heizte derweil den Verdacht an. Die Packstation sei nur gereinigt worden, "wenn Kontrollen angekündigt waren", sagte die Frau bei ihrer Zeugenaussage.

Interessant dürften die Aussagen der Zwischenhändler sein

Auch mit Blick auf die angeklagten Körperverletzungen gibt es Indizien gegen Pohlmann. Etwa den Bericht einer englischen Gesundheitsbehörde, die Bayern-Ei für den europaweiten Salmonellenausbruch verantwortlich macht. Ein Genforscher und ein Seuchenexperte, die im Prozess aussagten, sehen ebenfalls eine Verwandtschaft zwischen den Salmonellen, die bei den Erkrankten nachgewiesen wurden und denen, die Ermittler in den Eierfabriken fanden. Doch beide Experten konnten nicht ausschließen, dass die Erreger ihren Ursprung woanders hatten.

Auch Pohlmanns Verteidiger argumentieren, dass es keinen Beweis für eine Verbindung zwischen Krankheitsfällen und kontaminierten Eiern aus den Bayern-Ei-Fabriken in Ettling und Niederharthausen (Kreis Straubing-Bogen) gebe. Zudem habe die Firma ihre Eier über Zwischenhändler vertrieben "und die werden von einer ganzen Reihe von Betrieben beliefert. Was dann irgendwo landet, das lässt sich nicht zurückverfolgen", sagte Anwalt Ziegert.

Aus Sicht der Pohlmann-Verteidiger könnten die kontaminierten Eier also auch aus anderen Betrieben gekommen sein. Interessant dürften deshalb die Aussagen der Zwischenhändler sein, die im November auf dem Plan stehen. Danach treten die Erkrankten als Zeugen auf, knapp 30 Personen. Bis ein Urteil fällt, könnte es bis ins Frühjahr dauern.

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