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Ehrung:"Den Blick vergess' ich bis heute nicht"

Verleihung Medaille für Zivilcourage im Innenministerium

Georg Köttner (links) und seine Frau freuen sich über die Verleihung der Medaille für Verdienste um die Innere Sicherheit.

(Foto: Florian Peljak)
  • Georg Köttner bewies Zivilcourage: Er griff ein, als ein Busfahrer versuchte, ein Mädchen zu missbrauchen.
  • Auch Uli H. und Pietro L. schritten ein, als eine junge Frau bedroht wurde.
  • Insgesamt 37 Frauen und Männer ehrte Innenminister Joachim Herrmann (CSU) mit der Medaille für Verdienste um die Innere Sicherheit.

Eigentlich wollten Uli H. und Pietro L., 49, nur mit den Kindern und den Hunden im Rosenheimer Hohenzollernpark spazieren gehen. Vor einem Jahr war das, mitten am Tag. Dann hörten sie, wie ein Mann eine junge Frau auf einer Parkbank anbrüllte. "Es war eine total bedrohliche Situation", sagt Uli H., 36. Dieser Mann schrie sie an, brüllte rechtsextreme Parolen und zeigte den Hitlergruß. Er hatte die Frau bereits geschlagen, drohte weiter, hob den Arm. "Für uns war sofort klar, dass man da eingreifen muss", sagt H. - das machten sie dann auch.

Weil sie nicht zögerten und der jungen Frau halfen, wurden Uli H. und Pietro L., deren volle Namen der Angreifer nicht erfahren soll, nun von Innenminister Joachim Herrmann (CSU) für ihre Zivilcourage geehrt. Er zeichnete insgesamt 37 Frauen und Männer am Donnerstag mit der Medaille für Verdienste um die Innere Sicherheit aus. Die Geehrten seien "großartige Vorbilder" für die gesamte Gesellschaft, weil sie "nicht nur hingeschaut haben, sondern tätig geworden sind" zum Schutz von anderen Menschen, sagte Herrmann.

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Die Auszeichnung wird seit 1994 verliehen, seit zehn Jahren immer rund um den 12. September. Denn an diesem Tag im Jahr 2009 starb Dominik Brunner. Der Familienvater wollte vier Kinder vor einem gewalttätigen Übergriff am S-Bahnhof Solln bei München beschützen und wurde von den jugendlichen Angreifern selbst niedergeschlagen und starb kurz darauf. "Hätten damals einige, die auch am S-Bahnhof Solln rumstanden, Dominik Brunner geholfen, wäre er vielleicht nicht zu Tode gekommen", sagte Herrmann. Er sei besonders stolz, dass die Preisträger den Mut aufgebracht hätten, obwohl sie sich zum Teil auch selbst in Gefahr gebracht hätten. Sieben von ihnen wurden beim Versuch zu helfen verletzt.

Zu ihnen gehört auch Pietro L. Der 21 Jahre alte Angreifer rannte damals auf die beiden Männer zu und schlug Pietro L. mit der Faust ins Gesicht, seine Lippe blutete. Zuvor trat er gegen einen Mülleimer und warf eine Glasflasche durch den Park. Pietro L. rief dem Mann zu, er solle sofort damit aufhören und die Frau in Ruhe lassen, woraufhin der Angreifer erst recht aggressiv geworden sei. "Jetzt im Nachhinein denkst du dir schon, das hätte auch schlecht ausgehen können. Was, wenn er ein Messer in der Tasche gehabt hätte", sagt Uli H., "und dann die weinenden Kinder nebendran". Gemeinsam gelang es den Männern, dem Angreifer den Arm auf den Rücken zu drehen und ihn mit den Knien auf den Kiesweg zu drücken. Auch am Boden, wehrte sich der 21-Jährige noch: "Wir mussten uns richtig auf ihn drauf stemmen", sagt H.

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Zum Glück riefen andere Passanten die Polizei. "Das kommt dir in dem Moment vor, wie eine Ewigkeit", erinnert sich H. Im Protokoll zeigten die Beamten H. später, dass sie innerhalb von wenigen Minuten am Einsatzort waren. Sie nahmen den 21-Jährigen fest und führten ihn ab. Er wurde wegen Volksverhetzung und Körperverletzung zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. "Dass der Täter gestellt werden konnte, ist nur den beiden Herren zu verdanken", sagte Martin Emig vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd.

Im überdachten Odeon des Innenministeriums wurde am Donnerstag auch der 51-jährige Georg Köttner aus Paunzhausen bei Pfaffenhofen auf die Bühne gebeten. Er hat ein Kind vor dem weiteren Missbrauch gerettet. Im Dezember 2017 bemerkte er einen abgestellten Kleinbus. Durch die Fensterscheibe sah er im Fahrgastraum ein zehnjähriges Mädchen sitzen. "Den Blick vergess' ich bis heute nicht - es hatte die Augen weit aufgerissen." Köttner verständigte sofort seinen Bekannten Martin Drexler, einen pensionierten Polizisten. Gemeinsam mit ihm betrat er den Bus und stoppte den 71-jährigen Schulbusfahrer, der dabei war, das Mädchen zu missbrauchen. Der Täter ist inzwischen zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden.

Uli H. und Pietro L. freuen sich über die Auszeichnung, sagen sie, seien aber auch verwundert, "welche Kreise das zieht und dass das nicht als ganz normal angesehen wird". "Es ist gut, was die beiden gemacht haben", sagt Polizeioberkommissar Emig, aber gerade körperlich dazwischen zu gehen, "das kann man nicht von jedem Bürger erwarten". Zivilcourage, ja bitte, aber ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Was man aber von jedem erwarten könne, sagte Emig, sei, das Handy in die Hand zu nehmen und die 110 zu rufen.