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Ehrenamt und Beruf:Doppelt im Einsatz

Für Lehrgänge an den staatlichen Feuerwehrschulen - hier eine Löschvorführung am Standort Geretsried - müssen Einsatzkräfte oft Tage oder auch mal Wochen von ihren Arbeitgebern freigestellt werden.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Wenn der Feueralarm kommt, gibt es für die Freiwilligen immer öfter Probleme mit dem Verlassen des Arbeitsplatzes. Doch es gibt auch offiziell "ehrenamtsfreundliche Betriebe".

Von Johann Osel

Es gibt bei ihnen in der Firma gar kein Diskutieren, sagt Theo Vorndran. "Wenn der Alarm kommt, dann können unsere Leute weg. Und aus." Elf der mehr als 200 Mitarbeiter bei Vorndran Metallbau in Kleinwenkheim im Landkreis Bad Kissingen sind bei Freiwilligen Feuerwehren im Umkreis aktiv; und Vorndran selbst ist Mitglied, "seit der Jugendzeit". Da liegt es nahe, dass man die Ehrenamtlichen unkompliziert für ihr Engagement freistellt. Und mehr: Der Familienbetrieb unterstützt Feuerwehren finanziell wie materiell, so etwa bei einem Feuerwehrhausbau. "Mit Herzblut dabei", so hieß es neulich bei einer Ehrung durch Innenminister Joachim Herrmann in Erlangen - Vorndran und weitere Arbeitgeber aus Nordbayern sind seitdem offiziell "ehrenamtsfreundliche Betriebe".

Die Auszeichnung soll laut Minister ein Bewusstsein für die Rolle der Firmen schaffen. "Schutz und Hilfe für die Bevölkerung zu jeder Tages- und Nachtzeit kann es nur geben, wenn hinter den vielen ehrenamtlichen Helfern Arbeitgeber stehen, die ihren Beschäftigten trotz möglicher Auswirkungen auf den Betriebsablauf den Rücken freihalten." Die Ehrungen hält Herrmann wechselnd in verschiedenen Regionen des Freistaats ab. Gerade in der Pandemie seien Zusammenhalt und "unbeirrbarer Einsatz für andere" gefragt. Und für Betriebe hätten solche Mitarbeiter auch Vorteile, sie brächten "Leistungsbereitschaft, Teamfähigkeit und Stressresistenz" mit; ganz abgesehen von Kenntnissen in Notfällen.

Bei den freiwilligen Feuerwehren in Bayern mit mehr als 300 000 aktiven Frauen und Männern ist die Freistellung oft ein Dauerthema: also die Vereinbarkeit von Löschen, Retten, Bergen, Schützen - und Arbeiten. Das betrifft Alarmierungen in der Dienstzeit und Zeit für Fortbildungen. "Viele Bürger glauben ja, unsere Leute machen das hauptberuflich und sitzen auf der Wache. Dabei sind 98 Prozent der Dienstleistenden Freiwillige", sagt Johann Eitzenberger, Vorsitzender des Landesfeuerwehrverbands (LFV) und quasi Bayerns oberster Feuerwehrmann. In Wahrheit müssten viele am Arbeitsplatz "von einer Sekunde auf die andere weg, um zu helfen". Der LFV hat das mal gut in einer Kampagne illustriert, "Doppelt im Einsatz". Bilder mit geteilten Gesichtern, zum Beispiel links als Feuerwehrmann mit Helm und Schutzkleidung, rechts als Handwerker im Blaumann.

Gesetzlich ist die Sache eigentlich geregelt, im Landesfeuerwehrgesetz: Während des Feuerwehrdienstes ist man zur Arbeitsleistung nicht verpflichtet; die "rechtzeitige" Mitteilung einer Absenz ist aber erwünscht. Und: Arbeitnehmern dürfen aus dem Feuerwehrdienst "keine Nachteile im Arbeitsverhältnis" sowie in der Sozialversicherung erwachsen. Der Arbeitgeber ist wiederum verpflichtet, für Zeiten der Freistellung den Lohn fortzuzahlen. Den Ausfall können sich Firmen von Kommunen erstatten lassen; volljährige Schüler sind bei Einsätzen vom Unterricht befreit.

Johann Eitzenberger vom Landesfeuerwehrverband.

(Foto: LFV Bayern)

Nun ist rechtzeitiges Bescheidgeben bei Alarm unmöglich - und die Chefs müssen auch Betriebsabläufe aufrecht erhalten. Bestimmte Gewerke und Dienstleistungen können schlecht unterbrochen werden, eine Verkäuferin, die allein im Laden steht, kann nicht zusperren, in Fabriken sind Fertigungsschritte verbandelt - fehlt einer, steht womöglich das Band still. Ein Arzt kann Patienten nicht mitten im Ultraschall liegen lassen. Insofern, hört man in Feuerwehrkreisen, wird vielerorts doch erst mal verhandelt. Oder Vorgesetzte grummeln.

"Es ist da wie so oft im Leben: Gesetzlicher Anspruch ist das eine, die Praxis das andere", sagt Eitzenberger, der Kreisbrandrat in Garmisch-Partenkirchen ist. Viele Betriebe agierten vorbildlich, manche ließen sich nicht mal den Ausfall kompensieren; aber nicht überall herrsche ein "feuerwehrfreundliches Klima" - und leider gebe es nicht selten Diskussionen. Was auch an fehlender Planbarkeit liege: Mal könne es in einem Ort über Monate keine Brände oder Unfälle geben, dann seien es aber vielleicht zwei, drei Einsätze in einer Woche. Er kenne eine Bäckerei mit vielen Feuerwehrleuten in der Backstube. Wenn da nachts was passiere, gebe es die Semmeln am Morgen eben später. Eitzenberger rät zum offenen Gespräch mit den Chefs. Um klarzustellen: "Es ist ein Dienst an der Gesellschaft." Der Verband sensibilisiere für das Thema.

Blaulichtempfang 'Sicheres Bayern'

Theo Vorndran, Chef mit Herz fürs Ehrenamt.

(Foto: StMI)

Ohne weitere Anreize für Betriebe, wie Prämien oder Steuererleichterungen, werde das Problem kaum lösbar sein, glaubt Andreas Dittlmann, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Passau. Auch wenn es wohlgesonnene Firmen gebe, "ist in vielen Betrieben die Personaldecke mittlerweile so dünn gestrickt, dass man meist nicht gehen kann" - sowohl für den Einsatz als auch für Lehrgänge an Feuerwehrschulen, um die immer komplexeren Aufgaben zu meistern. Hinzu komme in der Fläche das Problem, dass oft weit weg vom Wohnort gearbeitet und gependelt wird; hier habe die Pandemie und Arbeiten im Homeoffice zeitweilige Besserung gebracht. "Richtig einfach ist es nur bei Feuerwehrleuten im öffentlichen Dienst", sagt Dittlmann, ansonsten "oft problematisch". Und ein Selbständiger könne sich bei den pauschalen Erstattungen zum Beispiel eine Woche auf Lehrgang kaum leisten. "Gut, dass es bei uns so viele positiv Verrückte gibt, die einiges in Kauf nehmen für die Feuerwehr."

Die Auszeichnung für ehrenamtsaffine Firmen betraf auch andere Tätigkeiten, die Hundetherapiestaffel der Malteser etwa oder den Tierschutz - wo der Beistand der Arbeitgeber noch relevanter ist. Das Gros aber stellt die Feuerwehr. Einer der geehrten Chefs definierte seine Rückendeckung für die Einsatzkräfte ganz praktisch: "Ich freue mich einfach, wenn ich die Leute gehen lasse und sie können helfen. Und vielleicht brauch' ich die ja auch mal selber."

© SZ vom 30.11.2020/vewo/van
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