Die Lebenswege des Jerusalemer Dichters Jehuda Amichai und der Historikerin Edith Raim aus Landsberg am Lech haben sich nie gekreuzt. Doch aus ihrer Begegnung mit seinem Werk erwuchs eine tiefe Verbundenheit – und 2010 das Buch „Zwischen Krieg und Liebe“. Die Autorin Renate Eichmeier und Raim gaben das Buch heraus, um den Lyriker von Weltrang, zehn Jahre nach seinem Tod, auch in Deutschland einem größeren Publikum bekannt zu machen. Raim erzählt darin von Verfolgung und Exil der Hanovers aus Würzburg, der Familie des Dichters, der 1924 in der bayerischen Stadt geboren worden ist. Ein Gedicht Amichais gibt Orientierung bei dem Versuch einer Annäherung an das Werk und das Leben von Edith Raim.
Amichai schrieb: „An dem Ort, an dem wir recht haben, //werden niemals Blumen wachsen//im Frühjahr. Der Ort, an dem wir recht haben, //ist zertrampelt und hart//wie ein Hof. //Zweifel und Liebe aber//lockern die Welt auf//wie ein Maulwurf, wie ein Pflug. //Und ein Flüstern wird hörbar// an dem Ort, wo das Haus stand, // das zerstört wurde.“ Nicht dass Raim sich jemals angemaßt hätte, sich in das jüdische Wir hineinzustehlen. Aber mit Empathie und Achtung vor den Überlebenden der Shoah trug sie dazu bei, an vielen fast schon vergessenen Orten des deutschen Menschheitsverbrechens das Flüstern, von dem Amichai schrieb, hörbar zu machen.
Einmal gefragt, ob sie wie manche ihrer Kollegen den Zeitzeugen als den „größten Feind des Historikers“ ansehe, schüttelte sie mit ernster Miene den Kopf. Dann brach sie in Lachen aus – „ja, wenn man nicht richtig zuhören kann“. Sie konnte es. Dafür ließen die Überlebenden sie in ihre „inneren Archive“ (der israelische Maler Samuel Bak).

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Aus diesen Begegnungen entstand 2008 eine Sammlung biografischer Skizzen jüdischer ehemaliger Häftlinge in dem Dachauer KZ-Außenlagerkomplex bei Kaufering und Landsberg am Lech. Raim konfrontierte die Leser mit Gesichtern und Stimmen von Geretteten, die, damals noch Kinder und Teenager, durch Zwangsarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie vernichtet werden sollten. Von den zwischen Juni 1944 und April 1945 etwa 30 000 verschleppten Menschen überlebte vermutlich jeder Zweite nicht.
Vom Flüstern an den Orten, die einst jüdischen Familien eine Heimstatt waren, erzählt das Buch „Das leere Haus. Spuren jüdischen Lebens in Schwaben“ (2012). „Sie hatte immer das Wichtigste im Blick: die Menschen mit ihren Schicksalen“, sagte die Landtagsabgeordnete Gabriele Triebel (Grüne), Präsidentin der Europäischen Holocaustgedenkstätte Stiftung, in ihrer Grabrede auf ihre Vizepräsidentin Raim. In ihrer Dissertation „Die Dachauer KZ-Außenkommandos Kaufering und Mühldorf“ von 1992 – heute noch das Standardwerk – schrieb Raim: „Der Tod vieler Menschen war nicht umsonst, wenn wir ihrem Opfer einen Sinn geben: diese Geschichte von Leiden und Tod als Mahnung und Warnung aufzufassen. Wir haben die Pflicht, uns ihr zu stellen…“
Viel Anerkennung erfährt sie auch für ihre Habilitationsschrift „Justiz zwischen Diktatur und Demokratie: Wiederaufbau und Ahndung von NS-Verbrechen in Westdeutschland 1945–1949“. Und dann, 2021, das letzte große Werk: „Es kommen kalte Zeiten. Murnau in Oberbayern 1919–1949“. Auf 750 Seiten entfaltet Raim ein Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert am Beispiel der Kleinstadt, die bereits in den 1920er-Jahren zu einer Hochburg des nationalsozialistisch-völkischen Wahns geworden ist.
Sie beherrschte die Kunst, im Kleinen das Große sichtbar zu machen. Stefan Paulus, ein Freund und Historiker, sagte in seiner Grabrede dazu: „Das war eine ihrer großen Begabungen, ja eine Art Visitenkarte ihrer Professionalität…“ Und sie verstand sich auf eine klare, prägnante, lebendige Sprache, die mitunter literarische Qualität hatte. Eine Frucht ihrer Begeisterung für Literatur.

Mai 1985. Eine junge zielstrebige Frau, sie ist 19, studiert an der LMU in München Geschichte, Germanistik und Politische Wissenschaften, später dann noch an der Princeton University im US-Bundesstaat New Jersey. Die Studentin verfolgt aufmerksam die erinnerungspolitischen Debatten jener Zeit. Martin Broszat, Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, entfacht mit seinem „Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus“ eine Kontroverse. Er wirft dem israelischen Historiker Saul Friedländer vor, als Shoah-Überlebender keinen objektiven Blick auf die Geschichte haben zu können, den Broszat, der 1944 noch in die NSDAP eingetreten war, für sich beansprucht. Das missfällt Raim. Das ist nicht ihr Weg. „Mit Empathie, Klarheit und moralischer Haltung hat sie sich für Wahrheit und Verantwortung eingesetzt – auch wenn es unbequem war“, sagt Triebel.
Unbequem war Raim schon in der Schule. Für den Wettbewerb Deutsche Geschichte forschte sie über die Kauferinger Außenlager, die vor ihrer Haustür lagen. Auch vor der Haustür anderer, nur wollten nicht alle sehen. Es war ein prägendes Erlebnis, nicht nur wegen des ersten Preises. Seit der 7. Klasse war für sie klar: Ich studiere Geschichte. Sie blieb unbequem, vor allem für den Freistaat Bayern. Bis heute, 80 Jahre nach Kriegsende, hat die Politik nichts oder kaum etwas getan, um auf dem Areal von Kaufering VII, des letzten erhaltenen von den elf Lagern, eine Gedenkstätte und ein Dokumentationszentrum zu errichten. Bis zuletzt forderte Raim das. Ihre zwei Jahre jüngere Schwester Eleonore erinnert sich: „In der beschaulichen Kleinstadt Landsberg am Lech galt Edith als Nestbeschmutzerin. Aber das war ihr bis zuletzt wurscht.“ Edith habe ihr erklärt, man müsse am Morgen im Spiegel das Gesicht eines anständigen Menschen sehen.
Diese Geradlinigkeit hat ein Vorbild. Wann immer es möglich war, besuchten die beiden Schwestern an den Wochenenden die Gräber ihrer Eltern Elisabeth und Ernst Raim. Für Edith waren die beiden, wie sie schrieb, „Leitstern und Orientierung“. Ihr Vater, der stets eine Fliege trug, war Sudetendeutscher aus Nordböhmen und als Sozialdemokrat im Widerstand gegen Hitler. Er weigerte sich standhaft, die Reichsangehörigkeit zu beantragen, und wurde als 15-Jähriger zur Zwangsarbeit verschleppt. Auch er engagierte sich für eine Gedenkstätte Kaufering VII, bis er 2015 starb.
Ein Jahr später ging Edith Raim als Senior Fellow an das renommierte Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien in Wien. Das Institut würdigte sie als „großartige Historikerin und großartigen Menschen“. Zuletzt lehrte sie an der Uni Augsburg und leitete seit 2024 das Public-History-Projekt „Nazi Crimes Atlas“ von Wolfgang Hauck – eine umfassende digitale Kartierung der Tatorte, die Interesse an den NS-Verbrechen in der eigenen Nachbarschaft wecken sollen. Im Januar 2024 hatte Raim noch auf einer Demo gegen rechts in Landsberg gesprochen. Im November dann die schreckliche ärztliche Diagnose.
Eleonore Raim sagt, sie habe ihre Schwester und zugleich eine Freundin verloren, einen Menschen, der empathisch von Kindesbeinen an gewesen sei, großzügig, bescheiden aber selbstbewusst und anderen mit Respekt begegnete. Und voller Humor. Die Treffen mit ihr waren ein Erlebnis, über ihre scharfzüngigen Kommentare zur Erinnerungspolitik ließ sich aller Ärger weglachen – sie selbst liebte es zu lachen. „Meine Schwester war mit sich im Reinen. Sie sagte zu mir, mache dir keine Sorgen. Ich hatte ein wunderschönes Leben. Noch am Morgen ihres Todestages hat sie herumgeblödelt.“ Es war der 1. Juli. Ein paar Wochen später, am 31., wäre Edith Raim 60 Jahre alt geworden.

