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König von Togo:Im Exil in Oberbayern

Auf dem adventlichen Münchner Marienplatz ein beliebtes Fotomotiv: Manuela und ihr Mann Jules Salam, besser bekannt als König von Togo.

(Foto: Stephan Rumpf)

Jules Samlan ist König eines Stammes in Togo, lebt aber wegen des Regimes im Landkreis Ebersberg. Im Advent sieht man ihn als Aktionskünstler, bei Nacht regiert er seine 40 000 Untertanen - per Whatsapp.

Wie in aller Welt macht er das? Südtogo regieren, von Süddeutschland aus? Die Regierungserklärung des "Königs von Togo" klingt wie das Setting zu einer Komödie: Am Tag geht er in die Arbeit, als Gehilfe in einer Metzgerei in Herrmannsdorf bei Glonn. Und nachts, erzählt er, wenn die Nachbarn schlafen, sitzt der König in seiner Erdgeschosswohnung in Grafing vor dem Handy und löst Probleme in Westafrika. "Ich mache das alles über Whatsapp", sagt er. "Schriftlich und mit Sprachnachrichten." Anders gesagt: Der König von Südtogo regiert seine 40 000 Untertanen von Oberbayern aus per Handychat.

Regieren ist ein großes Wort, vielleicht zu groß, zumal der König von Togo alias Jules Samlan in seinem Heimatland politisch nie Einfluss hatte. Samlan ist tatsächlich der Thronfolger seines Vaters, die Macht in Togo liegt jedoch seit Jahrzehnten beim Präsidenten. Samlan, gelernter Kunstmaler, hat sich durch regierungskritische Gemälde mit dem Regime angelegt, in der Folge ergriff er die Flucht. Bis heute, erzählt er, habe er in Togo Einreiseverbot. Deswegen lebt der 51-Jährige in Bayern im Exil. Und sagt: "Trotzdem kann ich meinen Leuten helfen."

Ein Dezembertag am Münchner Marienplatz, Tassen klirren, Nusstüten rascheln - Mandeln, Menschen, Mäntel. Und zwei Farbtupfer: Eine Gestalt in Santa-Claus-Kluft neben einer Frau in einer Ganzkörper-Tanne aus Wolle: König Samlan und seine Frau, Königin Manuela. Mit ihren Verkleidungen fallen sie überall auf, die beiden sind die Attraktion dieses Abends. Fast überfallartig kommen die Leute auf sie zu, Glühweinspritzer landen auf den Kostümen. Die Standardfrage: "Hätten Sie kurz Zeit für ein Selfie?" Dabei müsste es eigentlich lauten: Wärt Ihr so gütig für ein Lichtbild, Eure Majestät?

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Der König zeigt sein weißes Lächeln, während er mit einem Strohhalm Tee aus der Tasse zuzelt, anders lässt sich mit Rauschebart nicht trinken. Dass die wenigesten hier wissen, wer die beiden sind, "das macht nix", sagt er. "Es geht drum, dass die Leute eine Gaudi mit uns haben." Einige fragen nach und erfahren mehr. "Wir gehen jedes Jahr über den Christkindlmarkt und versuchen, die Leute glücklich zu machen", sagt Manuela, die in allen Farben blinkt und schillert. "Alles selbst gehäkelt", sagt sie. Es solle als Danksagung verstanden werden. "Dafür, dass uns die Menschen das ganze Jahr unterstützt haben."

Zwei Wochen später in Grafing, der Donnerstag vor Weihnachten. "Le Courage du Togo", steht am Briefkasten der Samlans, so heißt ihr Spendenprojekt zugunsten Samlans Stamm. Die Wohnung ist mit Götterstatuen vollgestellt, afrikanische Kunst an der Wand, in der Ecke steht ein togolesisches Holzgefäß mit riesigen Stampfern. "Damit mache ich Fufu", sagt Königin Manuela, also togolesischen Brei aus Kochbananen. Es geht ins Wohnzimmer, die Zentrale des Königspaars und ihrer Projekte. Jedes Jahr lassen sie einen 40-Fuß-Container gefüllt mit Kinderrollstühlen, Schubkarren, Brillen, Nähmaschinen oder Verbandsmaterial an die Südküste Togos verschiffen. Mehr als eine Lkw-Ladung gespendeter Waren. Der letzte Container über Bremerhaven ist rechtzeitig vor Weihnachten angekommen.

Auf dem Tisch liegt das Smartphone, mit dem sie ihre Missionen koordinieren. Die Whatsapp-Liste der vergangenen Tage ist lang, eine der neuesten Nachrichten stammt von "Ivonne Togo". "Akpe kaka" - Vielen Dank. Ivonne ist die Kontaktperson am Hafen der Hauptstadt Lomé, sie hat den Container erst kürzlich in Empfang genommen, dafür bekommt sie vom König die Papiere für den Zoll zugeschickt. Die Zöllner machen oft Probleme, bisher kam der Container aber stets an. Ivonne mietet dann ein Fahrzeug und übernimmt die Verteilung. Eine Frau etwa bat um Waschschüsseln und Pulver. "Damit hat sie sich dann eine Wäscherei aufgebaut."

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Die Stube ist mehr Werkstatt als Wohnzimmer, es stapeln sich Gemälde, Modepuppen und Stoff. Drei Monate lang hat Manuela Samlan an den beiden Weihnachtskostümen gearbeitet, gerade bastelt sie Faschingskostüme aus Plastikbechern: Die Königin geht als Bienenwabe, der König als Allianzarena. "Vor dem FC Bayern hatte ich schon Respekt, als ich hier ankam", sagt Jules Samlan, das war 1996, als Franz Beckenbauer Bayern-Trainer war. Der König kam zum Kaiser, seither hat er Togo nicht mehr betreten. In München hat er dafür seine zukünftige Ehefrau kennen gelernt. Seine Ehefrau - und royale Stellvertreterin.

Manuela Samlan zeigt Fotos aus Togo. Da ihr Mann nicht ins Land darf, erledigt sie das. Ihre Bilder zeigen Menschen, die sich um eine Hütte mit Bananengrasdach versammelt haben, "da werden die frischen Waren gerade verteilt", sagt sie. Eine junge Fußballmannschaft, die in einheitlich blauer Kluft fürs Teamfoto posiert. "Den Trikotsatz hat der ASV Glonn gestiftet", sagt Manuela Samlan. Sie erzählt von den Menschen und ihrer Dankbarkeit, vom Bürgerkrieg und vom harten Regime des Präsidenten. Einmal habe ein Soldat ein Gewehr auf sie gerichtet, sagt sie: "Der wurde aber sofort von seinem Vorgesetzten ermahnt und versetzt."

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Der König ist geächtet, seine Königin aber willkommen? Die Samlans erklären das so: Gnassingbé Eyadéma, der Vater des derzeitigen Präsidenten Togos Faure Gnassingbé, hatte gute Verbindungen zu Franz Josef Strauß, der einst half, bayerisches Bier in Togo zu etablieren. Bis heute wird in einer Brauerei im Süden bayerisches Bier gebraut. Manuela Samlan sagt: "Als Staatsbürger Bayerns hat man in Togo einen besonderen Status."

In der Wohnung hängt ein Kalender: "21. Dezember, Kindertag" steht drauf. In voller Montur geht es am Samstag von 10 Uhr an vom Stachus bis zum Marienplatz; was ein weiter Weg ist, wenn man als Tanne und Santa Claus zwischen Glühweinzuzlern unterwegs ist. Es soll ihr letzter Auftritt dieser Jahr werden. Im Januar hebt die Königin dann nach Togo ab - während der König in der Grafinger Schaltzentrale des Nachts auf seine Art regiert.

© SZ vom 21.12.2019
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