Nur 83,6 Prozent der Delegierten haben Markus Söder beim Dezember-Parteitag wieder zum CSU-Vorsitzenden gewählt. Ein ziemlich schlechtes Ergebnis, das für Söder auch Gutes hatte. Weil danach alle über die „Watschn“ für den Parteichef schrieben und wenige über die Frechheit, die Söder sich selbst erlaubte. „Keine Frage, wir erwarten uns nicht viel von dir, aber viel Geld nach Bayern, liebe Doro, hä hä, das wäre schön“, sagte Söder in seiner Parteitagsrede. Ja, wirklich.
Dorothee Bär hat da sogar ein wenig gelächelt, in der ersten Sitzreihe. Sie hat ihrem Nachbarn etwas zugeflüstert oder zugeflucht, und vielleicht rührte das Lächeln ja daher, dass ihr Stimmzettel schon bereitlag, um sich wenig später ganz diskret an Söder zu rächen.
Seit Mai 2025 ist Dorothee Bär Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Was für eine Wendung im Lebenslauf einer Frau, die schon erledigt zu sein schien, nachdem sie die CSU bei der Bundestagswahl 2021 in eine schwere Niederlage geführt hatte, wenn auch nur formal, als Spitzenkandidatin. Die CSU-Delegierten wählten ihre Parteivize danach zwar wieder, aber mit recht vernichtenden 69,7 Prozent. Umso erstaunlicher ist das Comeback, das Bär nun hingelegt hat.
Los ging dieses Comeback mit ihrem Erststimmenergebnis, daheim im Wahlkreis Bad Kissingen. 50,5 Prozent. Keine Direktkandidatin, kein Direktkandidat konnte bei der Bundestagswahl 2025 ein besseres Ergebnis holen. Natürlich fanden sich in der CSU sofort welche, die sagten, dass dies nicht so sehr an Bär gelegen habe. Sondern eher an der AfD, die in Bad Kissingen verbummelt hatte, einen Direktkandidaten anzumelden. Da ist sicher was dran, aber nicht bei allen hätten sie in der CSU so betont, dass auch glückliche Umstände eine Rolle spielten.
Zu hochtourig, zu laut, lästern manche CSU-Männer über Dorothee Bär. Zu krachert, zu hohe Absätze, finden einige CSU-Frauen. Meist folgt der Hinweis, dass auch inhaltlich Substanz fehle, aber das löscht nicht den Eindruck, dass die Partei mehr ein Problem mit der Person hat als mit der Bundesministerin. Zumal kaum jemand, der Bär für unqualifiziert hält, dieselbe Qualifikation für ihren Job in Berlin hätte.
23 Jahre im Bundestag, ein halbes Leben, Bär ist 47. In den Ampeljahren war sie Vizefraktionschefin der Union, davor fast vier Jahre im Kabinett, als Digital-Staatsministerin unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Ein Alibi-Posten, kaum Einfluss, auch darüber haben sie gelästert. Und trotzdem, wäre das Bundeskabinett die freie Wirtschaft, CSU-Chef Söder hätte die Bewerberin Bär diesmal kaum ablehnen können, ohne zu riskieren, dass ihr Fall vor dem Arbeitsgericht landet.
Dass derselbe Mann, der Bär befördert hat, nun so abschätzig über seine Ministerin spricht, hat weniger mit Bär zu tun, als mit Söders fatalem Hang, andere lächerlich zu machen. Alles nur Spaß? Selbst wenn, hilfreich ist es halt nicht für Bär, wenn der eigene Chef sagt, dass er wenig von einem erwartet. Weder für ihr Ansehen in der CSU noch für ihre Rolle als Bundesministerin, in der sie bei jeder Gelegenheit beteuert, eben nicht nur „viel Geld nach Bayern“ zu lotsen.
In Berlin scheint sich Bär dann auch wohler zu fühlen als auf dem CSU-Parteitag, wo sie diesmal wieder die wenigsten Stimmen aller fünf Parteivizes bekam (74,6 Prozent). Wer sie im Ministerium besucht, erlebt eine Frau, die den Eindruck macht, als wäre nicht nur ihre Aufgabe gewachsen. Die Fachministerinnen und -minister der Länder, hört man, loben ihren Fleiß, ihren Humor, ihre Strategie. Und das Tempo, mit dem die Hightech-Agenda beschlossen wurde: Milliarden für Quantencomputer, künstliche Intelligenz, Fusionsenergie.
Sicher, wer Zukunftsvisionen verkaufen darf, hat es leichter als ein Bau- oder Verkehrsminister, der die Versäumnisse der Vergangenheit reparieren muss. Das Handelsblatt nennt Bär „Zuversichtsministerin“, die Wirtschaftswoche prophezeit, dass von ihrer Performance „eine Menge abhängen dürfte“ für den Standort Deutschland. Gott sei Dank, es gibt sie noch, die Erwartungen an Dorothee Bär.


