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Unterricht in Zeiten der Pandemie:Es muss nicht Mebis sein

Kultusministerin Eisenmann besucht Gemeinschaftsschule Leutenbach

Im Fall von corona-bedingten Schul- oder Klassenschließungen haben viele Lehrerinnen und Lehrer Programme und Ideen für kreativen Distanzunterricht entwickelt.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Wenn der Schulbesuch coronabedingt ausfällt, soll das Internetportal Mebis einspringen - sofern es denn funktioniert. Etliche Lehrerinnen und Lehrer haben unterdessen längst Alternativen für ihre Schüler geschaffen.

Von Anna Günther und Jakob Wetzel

Groß war die Aufregung vor den Ferien, weil die Lernplattform des Schulnetzwerks Mebis überlastet war. Viele fragten: Wie soll so Distanzunterricht funktionieren? Ministerpräsident Markus Söder stellte dem Kultusminister ein Ultimatum - nach den Ferien müsse es laufen. Für die meisten Schüler dürfte es mit Wechsel- und Distanzunterricht weitergehen. Lernen ist aber nicht abhängig von Mebis, es gibt viele Programme und Ideen für kreativen Distanzunterricht. Eine Auswahl.

Digitale Spielwiese

Unterrichtet seit 2014 Tablet-Klassen: Johanna Uhl-Martin.

(Foto: privat)

Englands Industrialisierung als Zeitreise, verarbeitet in Instastory-Beiträgen für die Klasse. Ein London-Reiseführer, ein internationales Kochbuch, eine Weltkarte zu "Gapyear-Reisen" - Distanzunterricht ist für die Lehrerin Johanna Uhl-Martin und ihre Schüler am Schweinfurter Walter-Rathenau-Gymnasium nicht Schrecken, sondern Spielwiese. Die Mebis-Ausfälle vor den Ferien berührten die Englisch- und Deutschlehrerin nicht. Ihre Schüler sollen Fakten im Buch nachlesen oder recherchieren, Erkenntnisse fließen in digitale Projekte.

"Ich halte meine Kinder prinzipiell dazu an, produktiv-kreative Aufgaben aus den eigentlichen Arbeitsaufträgen zu machen", sagt Uhl-Martin. Als Chat-Story, Cartoon-Video oder fiktive Socialmedia-Beiträge. Das mache mehr Spaß, und Jugendliche lernten, selbständig und verantwortungsvoll mit digitalen Medien zu arbeiten. Neuen Stoff und Arbeitsaufträge erklärt Uhl-Martin in Distanzwochen in einer digitalen "Live-Lesson", danach arbeiten die Schüler in kleinen Gruppen, am Ende wird alles zusammengeführt. Uhl-Martin ist derweil immer im Chat erreichbar.

Mit einem selbsterstellten Reiseführer lässt sich Gelerntes anwenden.

(Foto: privat)

Spricht sie von digitalem Unterricht, sagt sie "Megaleidenschaft" und "Berufung". Sie unterrichtet seit 2014 Tablet-Klassen, hat zum informellen Lernen durch Mediennutzung promoviert und bildet Pädagogen fort. Sie sagt wie viele der digitalaffinen Lehrer, die sich im #Twitterlehrerzimmer und unter #bayernedu austauschen, dass digitale Methoden kein Hexenwerk sind. Pädagogen müssten sich trauen, Kinder brauchten ein Gerät. Fertig. Apps wie der "Bookcreator", mit dem Kochbuch und Reiseführer entstanden, sind kostenlos, Inspiration und Rat gibt es im Twitterlehrerzimmer. Einige der Pädagogen erstellten im Frühjahr ein Gratis-E-Book mit Beispielen und Tipps: (https://visual-books.com/hybrid-unterricht-101/)

LateinLex

Plinius der Jüngere hat spannende Briefe geschrieben, etwa an Tacitus: Dem berichtete er vom Ausbruch des Vesuv im Jahr 79, als auch Pompeji verschüttet wurde. Doch das auf Latein lesen, alleine, weil die Schulen geschlossen sind? Christian Firsching, Lehrer am Münchner Maximiliansgymnasium, hat mit seiner zehnten Klasse im Frühjahr etwas Neues versucht: ein Online-Lexikon namens "LateinLex". Lehrer können da digitale Arbeitsblätter erstellen, das Programm hilft beim Übersetzen. Nikolaus Deiser, ein Vater, hat es entwickelt, die Klasse hat es erprobt.

Besonders ist: Das Programm erkennt nicht nur Vokabeln, sondern gibt auch Hinweise auf die grammatikalische Form. Es nehme den Schülern nicht die Arbeit ab, helfe ihnen aber, sagt Firsching. Auch Schüler mit kleinem Wortschatz könnten leichter an Sätzen knobeln. Tatsächlich habe er von ihnen gehört, sie seien damit länger drangeblieben. "LateinLex" ist kostenlos und frei zu nutzen; Lehrer müssen sich unter lateinlex.de anmelden. Im Präsenzunterricht habe er das Programm noch nicht eingesetzt, es gehe nur online, sagt Firsching. Er bräuchte ein digitales Klassenzimmer. Aber im nächsten Distanzunterricht will er wieder auf "LateinLex" setzen. Für seine neunte Klasse steht Caesars "Gallischer Krieg" auf dem Programm.

Montessori digital

So digital, ist das noch Montessori? Das wurde Julia Thurner oft gefragt. Für die Englisch- und Spanischlehrerin ist klar: "Ja, weil wir so unsere Ziele besser erreichen: Individuell fördern und individuelle Lernumgebungen für jedes Kind schaffen." Thurner arbeitet seit 2014 mit digitalen Methoden an der Montessorischule Herzogenaurach. Viel habe sie ausprobiert, sei dafür auch belächelt worden. Thurner machte weiter, bildet heute Kollegen fort.

Frau Lehrerin, wie sie leibt und lebt: Julia Thurners Schüler haben im digitalen Raum direkten Kontakt zu ihr - über einen Avatar, der so aussieht wie sie.

(Foto: privat)

Selbständiges Arbeiten sind ihre Schüler gewohnt, das ist üblich in der Montessoripädagogik, ebenso wie Ästhetik. Ihr digitales Klassenzimmer gestaltet sie "ansprechend", richtet den Lernraum in MS Teams so ein, dass Kommunikation und Kollaboration der Schüler im Mittelpunkt stehen. Es gibt Nebenkanäle für Kleingruppen, sie kann ihnen virtuell über die Schulter schauen. Die "kosmischen Erzählungen", mit denen Maria Montessori Interesse für Naturwissenschaft wecken wollte, reichert Thurner mit QR-Codes an, die zu Erklärvideos und Quellen führen. In der digitalen Klasse finden Schüler Übungsmaterial, können per Quiz Vokabeln abfragen und gemeinsam Texte schreiben.

Auch Thurner setzt auf Projekte, aber das Wichtigste im Distanzunterricht sei Kontakt. Sie spielt kurze Spielchen zu Beginn, lässt etwa den Hintergrund in Teams die Stimmung der Kinder spiegeln. Aber jenseits der Spielerei könne jeder Lehrer Kontakt über Chats halten und so Aufgaben verschicken. Steter Kontakt motiviere Schüler viel eher, daheim zu arbeiten, als "wenn man ganz vom Radar verschwindet".

Vorleben und Ausprobieren

Die Entführung Hanns Martin Schleyers durch die RAF, nachgespielt an der Spielekonsole, präsentiert als Videoprojekt. Das ist cooler als ein Referat. "Ein Riesenaufwand", sagt Andreas Oswald, Zweiter Konrektor der Realschule Schöllnach. Einer, der sich lohne, den seine Schüler gern übernehmen. Exen hat Oswald in Geschichte für diese Projekte abgeschafft. Montags geht das Wochenthema online, daheim wie in der Schule, gearbeitet wird stets im digitalen Raum. Im Distanzunterricht beginnt Oswald den Tag mit "kurzer Ansprache", dann arbeiten die Schüler an Projekten. Für Fragen ist er bis 17 Uhr im Chat erreichbar.

Andreas Oswald ist Zweiter Konrektor der Realschule Schöllnach.

(Foto: privat)

Digitale Methoden sind in Schöllnach Alltag, die Realschule ist vielfach ausgezeichnet, hat Verwaltung, Elternkommunikation und Klassenbücher digitalisiert, W-Lan und schnelles Internet. Die Schule setzt auf Freiwilligkeit, Eltern und Lehrer ziehen mit. Oswald und seine Kollegen nutzen mehrere Digitalplattformen, sind so unabhängiger. Kinder müssen nicht mehr schleppen, die Bücher sind auf dem Tablet gespeichert.

Über Nacht ging das nicht: Oswald spricht von einem Prozess, seit 2010 experimentieren sie mit Tabletklassen. Technik muss funktionieren, klar. Aber "die Schulleitung muss vorleben, Zweifler vom Nutzen überzeugen", sagt Florian Nigl. Seine Schüler dürfen Hefte digital führen: "Ich sehe genau, was sie machen und kann sie korrigieren." Vieles sei auf die Distanz möglich: Physik- und Chemieexperimente filmt Nigl live, schreibt den Hefteintrag ins digitale Kursbuch. Die Realschule hat ihren Youtube-Kanal für Erklärvideos, aber es gehe auch einfacher, sagt Oswald: Lehrer könnten Folien zeigen und dazu Kommentaren einsprechen.

Lernfilme aus dem Gartenhaus

Dass sie Lernfilme drehen wollte, sei rasch klar gewesen, sagt Ulrike Schneidemann. Alles andere sei für kleine Kinder zu leselastig. Schneidemann unterrichtet an der Münchner Herterich-Grundschule. Derzeit hat sie eine vierte Klasse, im Frühjahr hatte sie dieselben Kinder in der dritten. In den Osterferien ging sie in ihr Gartenhäuschen und begann zu drehen, mit dem Handy. Am Ende sind es 35 größere Filmchen geworden.

Ulrike Schneidemann

(Foto: privat)

Schneidemann ist nicht alleine zu sehen: Die frühere Lehrerin ihrer Klasse, längst im Ruhestand, habe gleich mitgemacht. "Uns war klar: Wenn die Kinder ihre ehemalige Lehrerin sehen, freuen sie sich." Sie verwandelten das Gartenhaus in ein "Lernstüberl", eine war Lehrerin, die andere spielte Schülerin. Sie sortierten Satzglieder oder wechselten Spielgeld, um subtrahieren zu üben. Die Filme heftete Schneidemann an eine digitale Pinnwand, dazu Arbeitsblätter, Briefe oder selbstgesungene Lieder wie den "Daheim Time Song".

Anstrengend sei es gewesen, aber habe großen Spaß gemacht, auch den Kindern. Die hätten sich sogar sonntags heimlich die Filme für die Woche angesehen, erzählen Eltern. Lücken im Lernstoff habe sie später nicht festgestellt, sagt Schneidemann. Die Eltern waren ebenfalls angetan: Bei einer Umfrage des Gemeinsamen Elternbeirats der Münchner Grundschulen lobten mehrere die Projekte der Herterichschule, Schneidemann voran.

© SZ vom 04.01.2021/kafe/van
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