Um es gleich zu sagen: Ästhetisch kann Wettkampfschnupfen nicht ganz mit Turmspringen, Eiskunstlauf oder Springreiten mithalten. Aber ein Sport ist es gewiss, daran lässt Alois Mußack keinen Zweifel aufkommen, weshalb er auch von Athleten spricht, wenn er die Teilnehmer der 54. bayerischen Meisterschaft im Schnupfen meint. Schließlich geht es hier um Fähigkeiten wie die richtige Nasen- und Dosenführung, um nur zwei Fachbegriffe zu nennen. Konzentration und Fingerfertigkeit sind auch gefragt. Niesen hingegen zählt als Anfängerfehler.
Das entscheidende Sportgerät sitzt allerdings in der Mitte des Gesichts: Ein Zinken, in dem man eine maximale Menge Schmalzler verräumen kann, ist von enormem Vorteil beim Schnupfen. Alois Mußacks Nase sieht immer noch tipptopp aus, obwohl er schon seit 1979 dem Hobby nachgeht, das in seiner Exklusivität allenfalls mit Gummistiefelweitwurf vergleichbar ist. „Ich bin immer noch ganz gierig darauf“, gesteht Mußack, der es im Laufe seiner Karriere zweimal zum Vizeweltmeister geschafft hat. Wobei man anmerken sollte, dass die Welt der Schnupfer vor allem aus Bayern besteht, mit einem Mittelpunkt in Schwaben und ein wenig Österreich drumherum.

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Auch deshalb richtet Mußacks Heimatverein „Wilde Rose Dingisweiler“ die bayerische Meisterschaft 2025 aus. Das Dorf liegt auf 776 Meter Meereshöhe im Allgäu, hat 58 Einwohner und zwei Aushängeschilder, wie Michael Sturm, der Bürgermeister der Marktgemeinde Ronsberg, in seinem Grußwort verrät: die Metzgerei Baur und den 1975 gegründeten Schnupferclub mit 136 Mitgliedern.
Sie haben sich für den großen Tag, wie auch ihre Gegner aus den anderen Vereinen, bestens vorbereitet: Am Mittwoch war noch Training im Schnupferstüble der Wilden Rose, berichtet Mußack, zwei Durchgänge haben sie geschnupft, mit anschließender Fehlerbesprechung.



Es kann also losgehen. Die Athleten treten jeweils in Sechsergruppen gegeneinander an, Männer und Frauen gemischt. Genau 60 Sekunden haben sie Zeit, sich fünf Gramm Schmalzler aus einer genormten Dose in die eingecremte Nase zu stopfen. Das sieht, nun ja, interessant aus. Was daneben geht oder an den Händen klebt, wird anschließend von Wettkampfrichtern zurück in die Dose gepinselt und abgezogen. Der Vollständigkeit halber sei hier noch erwähnt: 80 Prozent schnupfen nur mit einem Nasenloch. Wer beide Nüstern befüllt, geht das Risiko ein, dass sich ein Schmalzlerpfropfen löst.
Anschließend kommt der eher unappetitliche Teil der Veranstaltung. Draußen vor der Halle schnäuzen sich die Wettkämpfer an der Nasenputzstation die braune Soße wieder aus dem Sportgerät. So geht das Gruppe für Gruppe bis zum späten Abend.


Dann übernimmt die Musikkapelle Engetried die Bühne in der Mehrzweckhalle von Ronsberg. Das Sportevent geht nahtlos in eine Party über, was den Verdacht erhärtet, dass Wettkampfschnupfen in erster Linie doch ein Gesellschaftssport ist. Das bestätigt auch Regina Buffler, die schon zweimal deutsche Meisterin war, obwohl sie Schnupftabak im Grunde für ekelig hält: Bei den Schnupfern drehe sich alles um die Gemeinschaft. „Im Verein gibt es einen unwahrscheinlichen Zusammenhalt“, schwärmt sie.


Es ist schon nach Mitternacht, als endlich die Sieger in den Mannschafts- und Einzelwertungen bekanntgegeben werden. Bei den Frauen hat Regina Eder vom Schnupfclub Unterbuch gewonnen: Sie stopfte sich exakt 4,924 Gramm ins Nasenloch. Und bei den Männern siegte der Vorjahresmeister Erich Driendl von den Schnupffreunden Knodorf-Irsching mit 4,987 Gramm und maximalen 20 Sauberkeitspunkten. Sein Erfolgsgeheimnis? Training, Training, Training. Jeden Freitag. „Und die Nase passt auch“, sagt er. Routinier Mußack aus Dingisweiler belegt immerhin den dritten Rang.
Zum Abschluss der Ehrung nehmen alle in der Halle noch einmal Haltung an, die Kapelle spielt die Bayernhymne. Danach wird weiter gefeiert. Um fünf Uhr morgens, der Kalauer muss noch sein, haben die Letzten die Nase voll und gehen nach Hause.

