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Die Frau in Rot:"Ich war immer sehr isoliert"

Dinah Radtke ist auf den Rollstuhl angewiesen, und dennoch: Wenn es gilt, um die Rechte von Menschen mit Behinderung zu kämpfen, ist sie vorne mit dabei.

Dinah Radtke ist auf den Rollstuhl angewiesen, und dennoch: Wenn es gilt, um die Rechte von Menschen mit Behinderung zu kämpfen, ist die 72-jährige Erlangerin vorne mit dabei. Rot ist ihre Lieblingsfarbe. Die stehe für Energie.

(Foto: Dietrich Mittler)

Dinah Radtke wuchs in einer Zeit auf, in der Menschen mit Behinderung ein eigenständiges Leben abgesprochen wurde. Später arbeitete sie an der UN-Behindertenrechtskonvention mit. Ein Porträt.

Dinah Radtke liebt Farben - Rot aber besonders. Kupferrot sind ihre Haare, in hellem Rot leuchtet die Tischdecke. Und am Kleiderhaken im Flur hängen mindestens fünf Mäntel: Sie alle sind rot, durchdringend rot, orangerot, kadmiumrot, zinnoberrot. "Ich verbinde das mit Licht, mit Energie", sagt die 72-Jährige. Wenn sie mit ihrem Elektrorollstuhl und ihrer achtjährigen Schäferhündin Elina unterwegs ist, dann kennen sie die Erlanger Marktfrauen schon von Weitem. "Das ist doch die Frau im roten Mantel", sagt eine von ihnen, "die mit dem Hund." Es lässt sich nicht leugnen: Dinah Radtke, Ehrenbürgerin der Stadt Erlangen, sticht sofort hervor. Daheim, auf dem Marktplatz, und auf internationaler Bühne. Ihr Lebenslauf - zwei volle Seiten - kündet von ihrem Kampf für die Rechte der Menschen mit Behinderung, insbesondere jene der Frauen. Und von ihrer Mitarbeit in Gremien in Berlin, Paris, Peking, Winnipeg und New York.

Radtkes Gesicht leuchtet, und das liegt nicht nur an der Deckenlampe über dem Küchentisch. Ihre Geschichte beginnt mit diesem Satz: "Ich war immer sehr isoliert." Die schwere Zeit in ihrer Kindheit und Jugend fing damit an, dass sie plötzlich ein Bein hinterher zog. Da war sie drei Jahre alt. Mit zwölf konnte sie nicht mehr gut laufen, mit 14 hatte sie einen Rollstuhl. Diagnose: spinale Muskelatrophie - ein Muskelschwund, der durch einen fortschreitenden Zerfall von motorischen Nervenzellen im Rückenmark verursacht wird. "Meine Pubertät war ziemlich schrecklich. Ich war immer allein", sagt sie. Die Schwestern gingen zum Tanzen, Reiten, Fechten. Sie saß zuhause. "Die Eltern, mein Vater Neurologe und meine Mutter Krankenschwester, dachten, ich sterbe ganz jung", sagt sie. Sie lacht. Es ist ein gehauchtes Lachen, weil ihr nun im Alter auch das Atmen schwerfällt: "Aber ich lebe ja immer noch."

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Nicht jeder hätte ihr das vergönnt. Das sogenannte Dritte Reich war zwar Vergangenheit, aber in einigen Köpfen lebte es weiter. Während eines Zoobesuchs in Nürnberg registrierte Dinah Radtke einmal, wie eine alte Frau ihren Blick auf sie und ihren Rollstuhl richtete und raunte: "Unter Hitler hätte es so was nimmer gegeben." In der Zeit des Nationalsozialismus wurden etwa 300 000 Menschen mit Behinderung umgebracht worden. "Sie wurden als unnütze Esser bezeichnet", sagt Radtke. Und sie, das Mädchen aus gutem Hause, sah sich nun in der Nachkriegszeit einer Gesellschaft gegenüber, die - wenn sie es gut zu meinen glaubte - für Menschen wie sie spezielle Einrichtungen baute: Heime, Sonderschulen, Werkstätten. "Man dachte einfach nicht daran, dass Menschen mit Behinderung auch am Leben in der Gesellschaft teilnehmen sollten oder könnten", beschreibt Radtke den damaligen Zeitgeist.

Aber, es waren ja nicht alle so: "Der Freund meiner Schwester war ziemlich intellektuell. Der hat sich mit mir über Literatur unterhalten und hat immer gesagt: In der Dinah, da steckt was, die ist intelligent.'" Auch die Eltern förderten sie, wo sie nur konnten. Den Schulbesuch hatte Radtke aufgrund ihrer Behinderung abbrechen müssen. Die daraus resultierende noch größere Isolation ließ nur zwei Antworten zu: Kapitulation vor der Einsamkeit oder Ausbruch! Sie entschied sich für den Ausbruch, und damit wäre im Grunde bereits ihr ganzes weiteres Leben erzählt. Radtkes Blick sagt aber: So schnell geht das nicht. Dem Blick folgen Worte: "Ich war damals sehr schüchtern", sagt sie. Doch zum Glück, das Telekolleg hielt Einzug. Dinah Radtke erwarb auf diesem Weg die Mittlere Reife. Sie begann Sprachen zu lernen, denn mit diesem Wissen hätte sie Nachhilfe geben können. Damit andere Kinder zu ihr nach Hause kommen. Doch dieser Plan wurde nie umgesetzt. Aber das war ihr erster Ausbruchsversuch aus der Isolation.

"Meine Eltern haben mir in dieser Zeit sehr geholfen, ich bin dann in eine Fremdsprachenschule nach Füssen gekommen. Das erste Mal von zu Hause weg. Und allein? "Die anderen Mädchen waren alle nicht behindert, aber sie haben mich immer mitgenommen, und da war ich nicht mehr isoliert", sagt Radtke. Noch aber war sie nicht die, als die sie die Welt heute kennt. Der Weg dorthin fing in Erlangen an: Gerade in der Ausbildung an der Universität zur Übersetzerin für Englisch und Französisch, wurde Radtke die Wohnung gekündigt. "Meine Wirtin behauptete, ich hätte zu viel Besuch, meine Gäste würden ihre Stühle durchsitzen und den Teppich abwetzen", erzählt sie. Kurzum: Wohnungssuche - gemeinsam mit einer Freundin, die ebenfalls im Rollstuhl saß. "Die Leute haben uns gesehen, haben gar nicht mehr zugehört, was wir wollten und haben gesagt: Wir geben nichts!" Rumms, Tür zu.

Nur mithilfe des Oberbürgermeisters fand Radtke eine Wohnung

Dinah Radtke erzählte dem Studentenpfarrer von diesen Erlebnissen. Der beteiligte sich von der Kanzel herab an der Wohnungssuche, ohne Erfolg. Die Freundin drängte, zum Oberbürgermeister zu gehen. Radtke bekam die Wohnung. "In der bin ich jetzt seit 40 Jahren", sagt sie. Die junge schüchterne Frau wurde nun voll vom Geist der 1968-er Zeit erfasst, gründete mit anderen den Verein "Studenteninitiative Behinderte". Elf Jahre später war sie - gar nicht mehr so schüchtern - dabei, als in Erlangen der Verein "Zentrum für selbstbestimmtes Leben Behinderter" entstand. Ziel: Beratungsarbeit für Menschen mit Behinderung. Grundsatz: Stimmrecht nur für Mitglieder mit Behinderung. Es folgte die Gründung der Dachorganisation "Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland". Die Internationale Vereinigung der Menschen mit Behinderung wurde auf sie aufmerksam, Radtke wurde zweite Vorsitzende der Sektion Europa. Und schließlich arbeitete sie in New York als zweite Vorsitzende der Weltorganisation "Disabled Peoples' International" an der UN-Behindertenrechtskonvention mit.

"Das war harte Arbeit", sagt sie. Klar, dass darauf weitere Initiativen folgten - und damit auch Orden und Auszeichnungen, neuerdings auch eine Bezirksmedaille. Indes, der Kampf geht weiter. "Muss", sagt Radtke. "Das Bundesgesundheitsministerium plant ein Gesetz, mit dem zuhause lebende Menschen mit großem Beatmungsbedarf in Heime abgeschoben werden sollen." Das sei "eine ganz üble Menschenrechtsverletzung", sagt sie. Ihr Gesicht glüht - vor Empörung.

© SZ vom 27.12.2019/lfr
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