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Mundart für Kinder:Vom Singal bis zum Riassl

Das Lernbuch "Meine erschdn tausad Weadda af Boarisch" zeigt die Melodik, aber auch die Grenzen des Dialekts

Von Hans Kratzer, Passau

Die Menge jener Kinder und Jugendlichen, die sich im Dialekt verständigen, schmilzt schneller dahin als die Gletscher. Bereits vor mehr als 20 Jahren hat der Sprachwissenschaftler Bernhard Stör in seiner Dissertation dokumentiert, dass die Münchner Jugend zu 98,5 Prozent dialektfrei redet. Diese Quote dürfte sich mittlerweile auf 99,9 Prozent erhöht haben. Dieser Trend strahlt längst auch in die Region hinaus. Nur die weiter entfernten Landstriche und die Dörfer gelten zum Teil noch als dialektale Beharrungsgebiete.

Umgekehrt steigt die Zahl derer, die den Dialekt retten wollen, sei es als Mundartdichter oder als Bühnenkasperl, unaufhaltsam an. Das ist freilich ein sicheres Indiz dafür, dass die Dialekte Stress haben und ihnen langsam die Luft ausgeht. In solchen Zeiten ist es durchaus mutig, ein Bairisch-Lernbuch für Kinder zu veröffentlichen. Der Verleger Walter Sauer aus Neckarsteinach und der aus der Nähe von Passau stammende Autor Hans Göttler haben jedenfalls den nötigen Optimismus aufgebracht. "Meine erschdn tausad Weadda af Boarisch" heißt das Bilderbuch, das sich von der Anmutung her an ein gerade ins Lesealter hineinwachsendes Publikum richtet. Junge Menschen, die sich über die gerade einen Boom erlebende mundartliche Rapmusik für das Thema begeistern könnten, wird man damit nicht mehr erreichen.

Das Thema Mundart leidet darunter, dass sich viele berufen fühlen, der Sache einen Schub zu verleihen, ihr aber keinen guten Dienst erweisen, weil sie den Dialekt nur krachert anwenden, fürs Schenkelklopfen. Das fein austarierte und eigenständige bairische Sprachsystem wird damit schwer drangsaliert, obwohl es bis in die Antike zurückreicht und schon deshalb einen unersetzlichen Wert auch für kommende Generationen besitzt. Insofern hat der Verlag mit Hans Göttler den richtigen Autor gewählt. Göttler war Jahrzehnte lang Dozent für Didaktik und Literatur des Deutschen an der Uni Passau, als Niederbayer ist er des dort gebräuchlichen Idioms überaus mächtig. Einen Namen gemacht hat er sich als Erforscher, Herausgeber und vortragender Interpret altbayerischer Literatur, besonders der Werke von Wilhelm Dieß und Emerenz Meier. Göttler übersetzte auch die Geschichte von Max & Moritz mit feiner Note ins Bairische: "Und schupdiwup! Scho geht's dahi: / Ad Häh schwebts erschde Fedavieh!" Bei dem aktuellen Wörterbuch setzte aber nicht ein vorgegebener Text den Rahmen, sondern die weltweit populären Zeichnungen des britischen Bilderbuchillustrators Stephen Cartwright. So schön sie anzuschauen sind, so sehr stellten sie Göttler offensichtlich vor das Problem, dass es für viele Begriffe aus dem Krankenhaus, aus der Schule oder aus der Tierwelt im Bairischen keine eigene Benennung gibt. Astronaut, Benzin, Hund, solche im Buch aufgeführte Wörter klingen hier nicht anders als im Standarddeutschen. Auch der Roboter wird nicht bairischer, wenn man Robodda schreibt.

Zum Glück gibt es im Buch genügend andere Fälle, für die Göttler originelle Entsprechungen fand. D'Singal, wie die Küken heißen, heben bei der Lektüre sofort die Laune, das Verb weinen wird zu drenzn, reden zu schmaddsn, und der Elefant hat einen Riassl. Verdienstvoll ist auch, dass er für die allgegenwärtigen Murmeln das Wort Schusser anbietet. Dass er Polizei mit Funkstreifn umschreibt, ist wohl Göttlers Kindheitserinnerungen zuzuschreiben. Anfang der Sechzigerjahre lief im Bayerischen Fernsehen die herrliche Serie "Funkstreife Isar 12". Im Begleittext schreibt Göttler, die bairische Mundart sei mit ihrer Melodik eine der schönsten auf der Welt. Auf so klangvolle und im Buch genannte Wörter wie Bleame (Blumen), Impn (Bienen), Dockan (Mädchen) und Schdiang (Treppe) trifft das hundertprozentig zu. Auf Allerweltswörter wie Radiagummi, Kompjuta und Tie-Schört aber eher nicht.

Hans Göttler, Meine erschdn tausad Weadda af Boarisch, illustriert von Heather Amery und Stephen Cartwright, Edition Tintenfass, 16 Euro

© SZ vom 21.10.2020
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