655 Euro monatlich für Miete und Mobilität – und das bei einem Durchschnittseinkommen von gerade einmal 975 Euro. Was die mehr als 800 Azubis in einer Umfrage der DGB-Jugend Bayern mit dem Titel „Wie wir wohnen wollen“ angegeben haben, klingt nach prekären Verhältnissen – zumal fast 45 Prozent der Befragten mehr als 16 Kilometer zwischen Wohnort und Ausbildung zurücklegen. Wie geht es den Azubis in Bayern also? Sechs junge Menschen erzählen.
„Es wäre schön, wenn unser Dorf besser an den ÖPNV angebunden wäre“

- Kit Müller, 20 Jahre
- wohnt mit Vater, Bruder, 13, und Katze in einem Haus in Mallersdorf-Pfaffenberg
- Ausbildung in der Elektronik im weltweiten Außendienst
„Von mir aus kommst du mit dem ÖPNV gar nicht weg. Wenn man mit dem Zug fahren will, muss man zum Bahnhof mit dem Auto fahren. Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, nach Neutraubling bei Regensburg zu ziehen. Dort sind mein Betrieb und meine Schule. Aber dann habe ich die Wohnungspreise gesehen. Da wäre fast mein ganzes – oder sogar mehr als mein ganzes – Ausbildungsgeld für die Wohnung draufgegangen. Dann kannst du nicht wirklich selbständig sein.
Im Winter fahre ich mit dem Auto zu Ausbildung und Betrieb. Im Dunkeln am Bahnhof herumzulaufen, ist nämlich nicht das Angenehmste. In der Früh muss ich eher losfahren, weil da immer Stau ist. Wenn ich Pech habe, fahre ich eine Stunde. Auf dem Weg nehme ich eine Freundin mit, die dieselbe Ausbildung macht. Sie ist 16 und hat nur ein 45er-Auto. Sie war ganz aktiv am Schauen, dass sie jemand mitnehmen kann.
Die ganze Situation ist ziemlich anstrengend. Es gibt auch Tage, an denen ich in der Früh merke, ich bin noch so müde. Jetzt so lange Auto fahren, das ist nicht die beste Idee. Es wäre schön, wenn unser Dorf besser an den ÖPNV angebunden wäre.“
„Ich hätte mir gewünscht, ausziehen zu können“

- Elanur Aktürk, 19 Jahre
- wohnt mit ihrer alleinerziehenden Mutter in einer kleinen Wohnung in Röthenbach an der Pegnitz
- Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik
„Mein Zimmer ist recht klein – acht Quadratmeter. Die Küche ist gleich rechts von meinem Zimmer und das kleine Wohnzimmer gleich links davon. Ich habe weder Ruhe noch Privatsphäre. Telefonieren mit meinen Freunden kann ich nicht, weil immer dieses Gefühl da ist, dass dann jemand zuhört. Freunde lade ich nur ein, wenn meine Mutter arbeitet und nicht zu Hause ist. Sie ist Krankenschwester.
Freunde von mir haben eine wohlhabendere Familie, die bekommen Unterstützung von den Eltern und können alleine wohnen. Mit meiner Mutter verstehe ich mich natürlich gut. Aber ich hätte mir auch gewünscht, ausziehen zu können. Auch, um Verantwortung zu übernehmen. Es ist ein unerfüllter Traum für mich. Ich habe aber großes Glück, dass ich nah an Betrieb und Schule wohne. Andere, die die Ausbildung machen, müssen viel länger fahren.“
„Was ich cool fände, wäre, wenn es mehr Azubi-Wohnheime gäbe“

- Lielle Hartung, 19 Jahre
- wohnt aktuell noch zu Hause in Röthenbach an der Pegnitz, zieht aber bald in eine WG
- Ausbildung zur Chemielaborantin
„Ich wollte ausziehen wegen der Entfernung zu Schule und Betrieb und um mal diese Unabhängigkeit von den Eltern zu haben. Ich bin jetzt fast 20 und kann eigentlich meine Entscheidungen komplett ohne meine Eltern treffen. Und trotzdem hatte ich immer so im Hinterkopf: Okay, dann rede ich noch mal mit meinen Eltern.
Ich ziehe bald nach Nürnberg in eine christliche Mädels-WG. Die WG dort ist nur zehn Minuten von der Schule entfernt. Ich zahle 400 Euro Miete. Mein Zimmer hat 20 Quadratmeter. Da ist das Preis-Leistungs-Verhältnis einfach schon richtig gut. Ich hatte auf jeden Fall Glück bei der Wohnungssuche. Die Vermieter sind in meiner Kirchengemeinde, durch sie bin ich auf das Zimmer aufmerksam geworden. Außerdem habe ich ein Azubi-Stipendium bekommen. Das umfasst 300 Euro finanzielle Unterstützung monatlich. Und ich bekomme mein Kindergeld.
Wenn ich dieses Stipendium nicht hätte, müsste ich wirklich rechnen oder meinen aktuellen Lebensstandard herunterfahren, auch wenn ich keinen hohen Lebensstandard habe. Das Stipendium ist, zumindest bei der Stiftung, bei der ich bin, nur ein Pilotprojekt. Das finde ich total schade. Was ich cool fände, wäre, wenn es mehr Azubiwohnheime gäbe, ähnlich wie Studentenwohnheime, wo es vergünstigten Wohnraum gibt. Dort hätte man auch die Möglichkeit, Azubis aus anderen Berufsfeldern kennenzulernen. Das finde ich total spannend.“
„Hoffe, mir vom zu Hause ersparten Geld für viele Monate Miete leisten zu können“
- Emma Ludewig, 19 Jahre
- wohnt mit ihren Eltern und zwei Geschwistern in Altdorf
- Ausbildung zur Steuerfachangestellten
„Meine Arbeit ist zu Fuß zehn Minuten von unserem Zuhause entfernt. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Familie, daher ist es für mich momentan eigentlich perfekt so, wie es ist. So kann ich auch noch mehr Zeit mit meinen kleinen Geschwistern verbringen.
Ich habe die Möglichkeit, mein Ausbildungsgehalt über meine gesamte Ausbildung hinweg anzusparen, da ich so gut wie keine Abgaben habe. Dadurch, dass ich jetzt zu Hause wohne und das Geld, was ich durch die Ausbildung verdiene, sparen kann, hoffe ich darauf, dass ich mir von diesem Geld für viele Monate Miete für eine Wohnung leisten kann, wenn ich nächstes Jahr zum Studieren ausziehe.“
„Man muss hier in München auch aufs Geld schauen“

- Raphael Patocka, 17 Jahre
- ist mit 16 Jahren von zu Hause ausgezogen, wohnt jetzt in München
- Ausbildung zum Kunststofftechnologen
„Ich wohne in einem Jugendwohnheim in München. Ich bin mit der Jüngste. Es ist schon ein bisschen komisch, dass alle älter sind.
In meiner Ausbildung produzieren wir Teile für die Luft- und Raumfahrt. Das gibt es so nur in München. Deshalb musste ich von Waldershof hierherziehen. Meine Mutter war sehr stolz auf mich, dass ich das mache. Das gibt einem ein sicheres Gefühl. Sie wohnt mit meiner kleinen Schwester in Waldershof. Man träumt ja immer vom Alleinleben. Aber dann, wenn es wirklich erst mal so weit ist und man dann wirklich auszieht, ist es schon...
Am ersten Tag war ich sehr aufgeregt. Es war alles komplett neu und anders und so leer und einsam. Aber dann so nach den ersten Monaten, da lief es. Es gibt ein Pädagogen-Team. Es ist rund um die Uhr jemand erreichbar, wenn du einfach nur was auf dem Herzen hast oder irgendwas brauchst.
Ich mache alles selbst. Wäsche, Zimmer aufräumen, kochen. Man merkt schon, wie anders die Leute sind, die noch daheim wohnen und halt nicht so viel Verantwortung tragen müssen. Nudeln koche ich am häufigsten, weil es auch das Billigste ist. Man muss hier in München auch aufs Geld schauen. Ich habe ein relativ großes Zimmer und ein eigenes Badezimmer. Ich fühle mich echt sehr wohl. Es ist alles sehr, sehr modern. Später möchte ich in keiner WG wohnen. Ich bin ein sozialer Mensch, aber zu Hause möchte ich meine Ruhe haben.“
„Am Anfang war es irgendwie ein bisschen komisch“

- Barbara Karrer, 20 Jahre
- kommt aus Beyharting, wohnt während der Blockschulzeit aber im Wohnheim des Evangelischen Handwerkervereins in München
- Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau
„Hier ins Wohnheim darf man kommen, wenn man von zu Hause aus einen langen Fahrtweg nach München hat. Meine Schule ist eigentlich in Starnberg. Ich muss also trotzdem jeden Tag noch von München aus pendeln. Es ist aber nicht so weit, wie von zu Hause von Beyharting.
Schule habe ich alle zwei Monate, zwei Wochen am Stück. Ich komme dann immer hier ins Wohnheim. Am Anfang war es irgendwie ein bisschen komisch. Aber dann hat man hier auch viele Freunde gefunden. Mit meinen Klassenkameradinnen, die auch hierherkommen, kann ich zusammen lernen. Wir gehen auch mal zusammen ins Kino, feiern oder aufs Oktoberfest oder shoppen. Ich komme ja aus einem Dorf, deswegen ist das hier echt cool. Und es ist cool, immer wieder neue Menschen im Wohnheim kennenzulernen.
Ich teile mir zu dritt ein Zimmer. Wir haben uns immer viel zu erzählen. Aber wenn man so viel Zeit am Stück miteinander verbringt, dann passiert es schon manchmal, dass wir uns ein bisschen auf die Nerven gehen.
In der Woche zahle ich 6,50 Euro. Frühstück und Abendessen ist auch noch dabei. Theoretisch darf man auch über das Wochenende bleiben, wenn man zwei Wochen Schule am Stück hat. Es ist toll, dass es die Möglichkeit hier gibt. Die Nachfrage ist sehr groß und ich habe gehört, dass es schwer ist, einen Platz zu bekommen. Es ist fast immer ausgebucht. Bei mir kümmert sich die Schule um meinen Platz.“


