Süddeutsche Zeitung

Kriminalstatistik 2022:Bayern verzeichnet immer mehr Straftaten im Internet

Lesezeit: 3 min

Der Freistaat ist sicher, beteuert der Innenminister, doch in der virtuellen Welt steigt die Kriminalität stark an. Von Betrug bis Sexualgewalt ist alles dabei.

Von Johann Osel und Jan Werner

Der dämpfende Corona-Effekt auf die Kriminalität in Bayern ist restlos verflogen. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat am Mittwoch die Kriminalstatistik für das Jahr 2022 vorgestellt - das erste Jahr, in dem der Großteil der Pandemie-Maßnahmen wieder weggefallen ist. Daher betonte der Minister, dass man sich als Vergleichsmarke in erster Linie auf das Vor-Corona-Jahr 2019 beziehen müsse. Die "neue Normalität" bedinge, wie Herrmann es formulierte, alte Tatgelegenheiten.

Nur als Beispiel: Weil wieder mehr Leute ins Büro gehen, statt im Home-Office zu arbeiten, seien Wohnungseinbrüche wieder einfacher für die Täter geworden. Über alle Deliktsarten hinweg hat es 2022 im Freistaat 4260 Straftaten je 100 000 Einwohner gegeben. Deutlich mehr als im Vorjahr 2021. Verglichen mit 2019 ist das aber ein leichter Rückgang von 1,9 Prozent. Ausländerrechtliche Delikte wie illegale Einreisen werden in der Gesamtstatistik stets ausgeklammert. "In Bayern leben, heißt sicherer leben", sagte der Minister, man lasse etwa keine Clan-Kriminalität wie Berlin zu.

Grundtenor der Statistik: Während es in vielen klassischen Deliktsfeldern in der realen Welt teilweise nur marginale Schwankungen gibt, wurden in der digitalen Welt Höchststände erreicht. Mit Besorgnis betrachten die Polizeibehörden, dass die Fälle von Internetkriminalität verglichen mit 2019 um mehr als 50 Prozent zugenommen haben - von Betrug und Erpressung bis Beleidigung und Sexualgewalt betrifft das nahezu die gesamte Bandbreite von Kriminalität. Gleichzeitig betonte der Minister aber, dass die Dunkelziffer noch höher sei, da viele Geschädigte die Delikte nicht anzeigten - weil sie sich keine Aufklärung versprächen. Doch immerhin 52,5 Prozent der Verbrechen im Netz konnten 2022 aufgeklärt werden, sagte Herrmann. Das ist gleichwohl niedriger als die Aufklärungsquote bei allen Delikten (64,4 Prozent), bei Kapitalverbrechen wie Mord und Totschlag liegt sie traditionell sogar um die 90 Prozent.

Noch signifikanter ist der Anstieg im Bereich der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, darunter fallen Belästigung, Exhibitionismus, Verbreitung pornografischer Schriften oder Missbrauch und Vergewaltigung. Um 77 Prozent haben die Zahlen im Vergleich mit 2019 zugelegt. Sie steigen seit Jahren, maßgeblich hierfür war einerseits eine Änderung des Strafrechts, die dazu geführt hat, dass mehr Delikte angezeigt werden. Unter der Losung "Nein heißt nein" ist die Gesellschaft sensibler geworden. Die Entwicklung hängt andererseits mit der Verbreitung von Smartphones und Messenger-Diensten zusammen, ein Großteil der Delikte betrifft zudem Kinderpornografie.

Viele solcher Fälle landen mittlerweile über internationale Ermittlungen und spezielle Rechercheportale bei bayerischen Behörden an. Um in diesem Bereich zielgerichtet arbeiten zu können, macht sich Herrmann für eine rasche Ausgestaltung der Gesetzgebung zur IP-Adressen-Speicherung stark. "Hinter den Inhalten im Netz steht der reale Missbrauch", sagte er.

Darüber hinaus gibt es den anhaltenden Trend zur "Schulhof-Kinderpornografie" - wo Jugendliche nicht nur Opfer sind, sondern solche Darstellungen bewusst oder unbewusst in Chatgruppen verbreiten. Herrmann versprach eine hohe Priorisierung in der Polizeiarbeit und mehr Prävention an Bayerns Schulen. Die innenpolitische Sprecherin der Grünen, Katharina Schulze, forderte mehr Bemühungen der Staatsregierung abseits von Justiz und Polizei. Ihr schwebt "eine Offensive zur Stärkung und zum Schutz der Kinder in Bayern" vor, über Jugendämter, Schulen und Kindergärten. "Davon ist aber nichts zu sehen."

Cannabis sei "keine ungefährliche Substanz"

Die Zahl der Drogentoten im Freistaat ist 2022 erneut gestiegen, von 255 auf 277 Menschen; etwa aufgrund von Metamphetamin, das als Speed oder häufig als Crystal Meth konsumiert wird. Die Einfuhr von Crystal hätten die Behörden als "Daueraufgabe" auf dem Schirm, sagte Herrmann, auch wenn inzwischen die Quelle zum größten Teil in den Niederlanden und nicht mehr Tschechien liege. Der Löwenanteil der Kriminalität gemäß Betäubungsmittelgesetz - gut 34 000 von 50 000 Fällen - betraf jedoch Cannabis. Die Staatsregierung wehrt sich gegen die von der Ampelregierung angestrebte Legalisierung, Herrmann unterstrich dies am Mittwoch, es sei "keine ungefährliche Substanz - es ist höchstgefährlich".

Eine Zunahme von 3,3 Prozent im Vergleich mit 2019 gab es bei Gewaltdelikten, also Mord, Totschlag, Raub sowie vor allem bei Körperverletzung. Bei den Raubstraftaten fanden mehr als 80 Prozent im öffentlichen Raum statt. Herrmann kündigte mehr Polizeipräsenz und Kontrollen an Kriminalitätsschwerpunkten an, auch sollen Videoüberwachungen ausgeweitet werden. Bürgerinnen und Bürgen sollen sich in Bayern ohne Angst bewegen können, "immer und überall".

Knapp 20 Prozent aller Straftaten waren 2022 Vermögens- und Fälschungsdelikte, eine leichte Abnahme. Herrmann ging explizit auf aktuell verbreitete Trickbetrugs-Maschen ein, wie falsche Polizeibeamte, Schockanrufe und den sogenannten Enkeltrick. Eine wichtige Rolle bei der Aufklärung komme hierbei den Medien zu.

Von insgesamt 256 035 Tatverdächtigen waren 93 375 nicht-deutsche Staatsbürger. Dies entspricht einer Steigerung von einem Prozent gegenüber 2019. "Nach wie vor spielt der Anteil an tatverdächtigen Zuwanderern eine wichtige Rolle", sagte Herrmann. An Asylbewerberunterkünften als Tatorten zählte man 5694 Delikte, verglichen mit dem Höhepunkt im Jahr 2016 (12 300) ein klares Minus. Trotzdem seien die Polizeieinsätze in Unterkünften weiter auf hohem Niveau; 11 500 Einsätze gab es 2022. "Wir brauchen qualifizierte Zuwanderer, aber nicht auf Kosten der Sicherheit", sagte Herrmann. Er stellte verstärkt Abschiebungen von Migranten ohne Aufenthaltsrecht in Aussicht.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5769545
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.