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Vor dem Parteitag:Der neue Duft der CSU

Nach der Kommunalwahl in Bayern - CSU

In Umfragen sei die CSU bei den jungen Wählern "wieder deutlich stärkste Kraft", sagt Generalsekretär Markus Blume.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Die Christsozialen wollen nicht mehr länger nach Leberkäs-Etage riechen. An diesem Wochenende ziehen sie eine Zwischenbilanz ihrer Bemühungen.

Von Roman Deininger und Andreas Glas

Markus Söder hat Konsequenzen gezogen aus den erbärmlichen 37,2 Prozent seiner CSU bei der Landtagswahl 2018. "Wenn Bayern sich verändert", verkündete er, "muss die CSU sich verändern." Beim Parteitag im Oktober 2019 gab der Vorsitzende die Parole aus, die CSU müsse "jünger, weiblicher und digitaler" werden. An diesem Samstag trifft sich die CSU wieder zum Parteitag, virusbedingt nur online. Wie weit ist Söder mit der Modernisierung gekommen? Eine Bilanz in Schlagworten.

Jünger

Generalsekretär Markus Blume, 45, ist Mitte der Neunzigerjahre in die Partei eingetreten. Damals, er war Anfang zwanzig, "wurde Edmund Stoiber als Captain Future der CSU beworben", sagt Blume. Unter Ministerpräsident Söder spüre er wieder "dieses Modernitätsversprechen". Dieses Versprechen muss die CSU auch dringend wieder ausstrahlen, bei der Landtagswahl 2018 verlor sie die meisten Stimmen bei Erstwählern (minus 13 Prozent), während vor allem die Grünen in dieser Gruppe zulegten (plus zwölf).

In Umfragen, die die Partei im Sommer selbst in Auftrag gegeben hat, sei die CSU bei den jungen Wählern "wieder deutlich stärkste Kraft", sagt Blume, selbst bei den Allerjüngsten. Das habe mit den Themen zu tun, die die CSU immer stärker herauskehrt, etwa die nun beschleunigte Hightech-Agenda und natürlich den Klimaschutz. Den Trend, dass die CSU die Jungen verliert, habe man im vergangenen Jahr "umkehren können", sagt Blume. Wie ernst es der CSU auch bei der Verjüngung des eigenen Personals ist, kann sie womöglich nach der Bundestagswahl beweisen, wenn mit Horst Seehofer, 71, und Gerd Müller, 65, zwei ältere Minister ausscheiden.

Weiblicher

Eine schwere Schlappe hat Söder bislang als CSU-Chef erlebt. Zwar kann er als Ministerpräsident für sich reklamieren, in seinem Kabinett auf CSU-Seite Geschlechterparität erreicht zu haben: fünf Ministerinnen sitzen fünf Ministern gegenüber. Doch beim Versuch, die Frauenquote in der Partei auszuweiten, verweigerten ihm die Delegierten beim Parteitag im Oktober 2019 die Gefolgschaft.

Dass die CSU dennoch auf dem richtigen Weg sei, sieht Generalsekretär Blume durch die Kommunalwahl im März belegt: etwa 55 Prozent der CSU-Stimmen stammten da von Wählerinnen. Ein wichtiger Grund dafür, sagt Blume, sei Söders neuer, insgesamt sanfterer Kurs: Gerade bei weiblichen Wählern "macht auch der Ton die Musik". Früher habe man die Frauen mit "extrem kräftiger Wortwahl" auch mal "verschreckt". Bei den Mitgliedszahlen ist jedoch allenfalls eine hauchzarte Aufwärtsentwicklung zu erkennen: Von gerade einmal 21,1 Prozent Frauenanteil hat es die CSU in einem Jahr auf 21,3 Prozent gebracht.

Digitaler

Wenn Generalsekretär Blume über die digitale CSU spricht, dann klingt er manchmal ein bisschen wie Neil Armstrong, als der den Mond betrat. "Für uns ist das ein großer Schritt", sagte Blume in dieser Woche wieder, als er das neue, digitale Sendestudio in der Parteizentrale vorstellte. Von dort aus wird die CSU nicht nur ihren virtuellen Parteitag bestreiten, sondern künftig all ihre Kanäle in den sozialen Medien füttern. Und seit dieser Woche ist die CSU die erste deutsche Partei, die neben der klassischen Mitgliedschaft eine Online-Mitgliedschaft anbietet. Ortsungebunden und ohne Stimmrecht, aber immerhin.

"Erste digitale Volkspartei" will die CSU sein, auch so ein Satz, den Blume fast mantrahaft vor sich herträgt. Aber lässt sich dieser Anspruch auch in Zahlen messen? Eindeutig, sagt Blume, und berichtet, dass Parteichef Söder in den sozialen Medien "das größte Fanwachstum" aller Spitzenpolitiker in Deutschland habe. Söders Netzgefolgschaft habe sich im vergangenen Jahr verdoppelt. Was Blume nicht sagt: Dass das weniger mit der CSU-Digitalstrategie zu tun haben dürfte als allgemein mit Söders Popularität, die ja in allen Umfragen messbar ist. Hängt bei der CSU also auch im Digitalen alles am Chef? Nicht nur, Beispiel Instagram: Dort hat auch die Partei ihre Abonnenten binnen eines Jahres in etwa verdoppelt, auf knapp 41 000.

Grüner

Söder scheint sich weiterhin wohl zu fühlen in seiner Rolle als Bienenversteher und Baumflüsterer, die er ja auch flexibel genug interpretiert, um sich Kaufprämien für Verbrennerautos vorstellen zu können. Teile der CSU-Basis tun sich schwerer mit der plötzlichen Ergrünung ihrer Partei. Man könne das alte Kernklientel der CSU, Bauern und Jäger, doch nicht einfach so verraten, grummeln die Kritiker.

Manche sehen sogar den konservativen Kern ihrer Partei bedroht. Mit offenem Widerspruch sieht sich Söder trotzdem nicht konfrontiert - sogar die traditionell geprägte Landtagsfraktion fällt momentan vor allem mit Folgsamkeit auf. Den Anführer Söder will niemand beschädigen, zudem hat Corona die Debatte auf Eis gelegt. Aber wer weiß, was passiert, wenn sich dem Unbehagen vieler Mitglieder mal ein Ventil bietet, wie die Abstimmung über die Frauenquote.

Herzlicher

Er sei "enttäuscht", hat Markus Söder neulich gesagt. Und zwar ausgerechnet über den Mann, den er vor ein paar Monaten noch hofiert hat, Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz. In den Jahren des Asylstreits kam der kompromisslose Kurz bei der CSU deutlich besser an als Angela Merkel, die weniger hartherzige Kanzlerin der Schwesterpartei. Dass die CSU herzlicher werden möchte, steht in keinem ihrer Programme. Man darf es trotzdem als programmatisch betrachten, dass Söder nun "mehr Herzlichkeit" fordert, wenn sich Österreich weigert, Menschen aus dem abgebrannten Flüchtlingslager Moria aufzunehmen.

Söder dagegen hat der Aufnahme von 1500 Menschen rasch zugestimmt. Er hat seine Lehren gezogen aus dem Asylstreit mit der CDU - und den Wahlen, bei denen die CSU auch deshalb Stimmen verlor. Man kann Söder also glauben, dass er das Wort "Asyltourismus" inzwischen bereut. In seiner Partei gibt es immer noch einige, die dem strengen Kurs gegenüber Migranten nachhängen. Das zeigen auch manche Anträge, die beim Parteitag behandelt werden: Burka verbieten, Doppelstaatlichkeit abschaffen, Zusammenarbeit mit dem Moscheeverband DITIB beenden. Söder legt eine neue Herzlichkeit an den Tag. Die Herzen der Partei fliegen ihm dafür aber noch lange nicht zu.

© SZ vom 26.09.2020/syn
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