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Großprojekte:Wars das jetzt mit den Großprojekten?

Der Wille, die WAA mit allen Mitteln durchzusetzen, begann in Politik und Wirtschaft zu bröckeln. Nach dem Tod von Franz Josef Strauß im Oktober 1988 verkündete die Wirtschaft den Ausstieg aus Wackersdorf, auch in der CSU fand sich kein Befürworter mehr. Heute steht auf dem riesigen Baugelände zwar keine Fahrradspeichenfabrik, sondern ein Innovationspark mit 3000 Beschäftigten. Wackersdorf ist Symbol geblieben - dafür, dass keine Regierung auf Dauer gegen die Bevölkerung Politik machen kann.

Demonstration gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf, 1986

Die WAA in Wackersdorf war für Franz Josef Strauß unverzichtbar, obgleich die Auseinandersetzungen am Bauzaun eskalierten.

(Foto: SZ Photo/dpa)

Im Gegensatz zu Wackersdorf war der Widerstand gegen die dritten Startbahn am Münchner Flughafen freilich weder gewalttätig noch von überregionaler Bedeutung. Die CSU stand - anders als bei Stoibers Lieblingsspielzeug Transrapid - nahezu ausnahmslos dahinter. In Franken war die Startbahn-Diskussion den meisten Menschen zumindest egal. Im direkten Flughafen-Umland musste die CSU dafür umso mehr Prügel einstecken: In Freising, der Kommune, die am stärksten vom Ausbau betroffen gewesen wäre, ist sie inzwischen politisch marginalisiert, hier stellt die einst stärkste Kraft nur noch vier der 40 Stadträte.

Die Geschichte der Großprojekte in Bayern zeigt freilich auch, dass die Staatsregierung zwar stur sein kann. Wenn sie dann aber irgendwann erkennt, dass sie auf verlorenem Posten steht, gibt sie nach. So war es auch beim Donauausbau mit Staustufen: Nach der Fertigstellung des babylonischen Main-Donau-Kanals blieb der Abschnitt zwischen Straubing und Vilshofen als eine mitunter schwer passierbare Engstelle übrig, die nach Ansicht der niederbayerischen CSU vor allem mit riesigen Staustufen beseitigt werden sollte.

Beeindruckt von den Protesten, sprach sich Ministerpräsident Horst Seehofer 2013 dann doch für einen sanften, naturnahen Ausbau der Donau aus - ohne Staustufen. In diesem Sommer erfolgte der Spatenstich. Auch hier mussten sich Naturschützer, Anwohner und kritische Bürger immer wieder sagen lassen: "Ihr habt keine Chance, die Staustufen kommen." Am Ende haben sie doch etwas bewirkt. Der Donauausbau erfolgt sanfter, natürlicher und flussfreundlicher als einst geplant.

Wars das dann mit den Großprojekten? Gibt es nach dem Aus für die dritte Startbahn nur noch Radlwege oder ein paar Umgehungsstraßen? Keineswegs. Die Infrastrukturprojekte des 21. Jahrhunderts sehen nur anders aus als in den Achtzigerjahren - und sie sind mindestens so teuer. Die neuen Autobahnen sind nicht aus Asphalt, sondern aus Kupfer und Stahl. Sie heißen SuedLink und SuedOstLink. Sie sollen möglichst bald nach Abschaltung des letzten Atomkraftwerks 2022 Windstrom aus Nord- und Ostdeutschland nach Bayern und Baden-Württemberg transportieren.

Und natürlich sind auch sie höchst umstritten. Der Unterschied zur früher ist: Die CSU, allen voran der damalige Parteichef und Ministerpräsident Horst Seehofer, sind den Widerständlern schon am Anfang weit entgegengekommen. Sie haben in Berlin durchgesetzt, dass der SuedLink und der SuedOstLink unterirdisch verlegt werden - um Anlieger und Landschaften möglichst zu schonen.

Und mit der Klimakrise warten schon die nächsten Herausforderungen - und damit neue Großprojekte: Der Wald in Bayern muss dringend umgebaut werden, damit er der Hitze und Schädlingen standhält. Oder aber der Kampf um das Wasser. "Franken beginnt zu verdursten", hat Ministerpräsident Söder am Mittwoch gewarnt. "Die Wasserversorgung wird zu einem existenziellen Problem." Bayern braucht Wasserspeicher und ein System von Aquädukten, das Wasser vom feuchten Süden in den Norden liefern kann. Das klingt teuer.

Alles Jahrhundertaufgaben für die CSU, wieder einmal.

© SZ vom 19.09.2020/lfr

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Von Peter Becker, Birgit Goormann-Prugger, Petra Schnirch und Kerstin Vogel

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