Im lichtdurchfluteten Innenhof des bayerischen Innenministeriums sitzt Mhadi Alhasan am Mittwoch in der sechsten Reihe. Zu seiner Linken sein Vater, zu seiner Rechten sein Freund Can Cinar, der wie er und 31 andere Bürger an diesem Vormittag die „Medaille für Verdienste um die Innere Sicherheit“ verliehen bekommt. Kurz: eine Courage-Medaille. Alhasan in hellblauem Anzug, die Haare gegelt, Cinar in dunklem Anzug und mit einer kleinen metallenen Feder als Anstecker. Beide seien sie aufgeregt, sagen sie, vor allem aber glücklich, dass es damals nicht anders ausgegangen ist.
Alhasans und Cinars mutiger Einsatz ereignete sich vor zwei Jahren in einer Sommernacht. Alhasan, damals 18 Jahre alt und Cinar, 23 Jahre, waren gegen zwei Uhr nachts gemeinsam mit dem Auto auf dem Nachhauseweg. Sie fuhren durch die Augsburger Innenstadt, als sie in einer dunklen Straßenecke auf eine Rangelei aufmerksam wurden. Zwei Männer und eine Frau schienen sich körperlich anzugreifen, zwischen ihnen flackerte immer wieder das Licht einer Taschenlampe auf. „Ich wusste nicht gleich, ob es wirklich etwas Ernstes war, aber ich hatte kein gutes Gefühl“, sagt Alhasan.
Er und sein Freund vertrauten auf ihre Intuition und fuhren an den Straßenrand, um nachzusehen. Die Frau sei dann direkt auf sie zugerannt. Alhasan erkannte, dass die Frau voller Blut war. „Ich wusste sofort, dass sie von den Männern verletzt wurde“, sagt er. Einer der Täter rannte weg und Alhasan setzte hinterher. Cinar hielt den zweiten Täter davon ab, erneut auf die Frau loszugehen und verständigte die Polizei. Alhasan ergriff in wenigen Minuten den fliehenden Mann. „Ich habe überhaupt nicht nachgedacht, ob es nicht auch für mich gefährlich sein könnte“, sagt er rückblickend. „Ich hielt den Täter fest. Zehn Minuten später kam die Polizei“, sagt Alhasan. „Das waren sicher 20 Minuten, Bruder“, hakt sein Freund Cinar ein.
So richtig scheinen die beiden immer noch nicht glauben zu können, was in dieser Nacht geschah. Dank ihrer Hilfe wurde eine Frau, die als Nachtwächterin tätig war, vor einer Vergewaltigung bewahrt. Can Cinar und Mhadi Alhasan waren später auch Zeugen vor Gericht, erzählen sie, der Angreifer sei verurteilt worden. Die Frau selbst habe nicht erscheinen können, zu traumatisiert sei sie noch von dem Vorfall gewesen. Alhasan erklärt sich sein selbstloses Handeln mit seinem Glauben. „Wer einem Menschen das Leben rettet, der hat die ganze Menschheit gerettet“, sagt er, so stehe es im Koran. Cinar nickt, er kommt aus der Türkei, sei auch gläubiger Muslim.

Unter den 33 Menschen, die für ihren mutigen Einsatz ausgezeichnet werden, ist auch die 41-jährige Jolanta Murdzia. Sie nahm eine ähnlich selbstlose Verfolgungsjagd wie Alhasan auf sich und bewahrte damit eine Mutter und deren Kleinkind vor einem Übergriff. Im Winter vor zwei Jahren war sie mit ihrem damals zweijährigen Sohn auf ihrem üblichen Einkaufsweg in Mering bei Augsburg. Bereits auf dem Parkplatz vor dem Geschäft habe sie einen jungen Mann bemerkt, der in einem Auto saß und sie bedrohlich ansah. „Ich hatte kein gutes Gefühl“, erinnert sich Murdzia.
Nach ihrem Einkauf bemerkte sie, wie dieser Mann aus seinem Auto ausstieg. Er sei immer schneller hinter einer Frau mit Kinderwagen hinterhergelaufen. „Ich bin dann sofort hinterher“, erzählt sie. Die Frau bog in eine Straße ein, dicht gefolgt von dem Mann. „Plötzlich hörte ich einen Hilfeschrei und lief schneller in ihre Richtung.“ Als Murdzia die Straße erreichte, war der Mann bereits umgekehrt und wieder in Richtung Parkplatz gelaufen. Sie habe dann auch Angst bekommen, dass er sie aus dem Hinterhalt angreifen könnte. Sie eilte zurück, um Hilfe zu rufen. Sie habe aber nicht gut genug Deutsch gesprochen und niemand habe sie ernst genommen. Also rief sie ihren Mann an, der die Polizei verständigte. Geistesgegenwärtig konnte Murdzia noch ein Foto des Nummernschildes vom Auto des Mannes machen, bevor dieser wegfuhr. Dieses half der Polizei bei der Fahndung.
Bei der Feierstunde am Mittwoch werden viele solcher Geschichten vorgetragen. Es sind Situationen, in denen Menschen beleidigt oder verletzt werden, dabei sogar in Lebensgefahr geraten. Manche der Helferinnen und Helfer wurden in ihrem Einsatz selbst verletzt, leiden bis heute unter den Folgen. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Kriminalstatistik in Bayern 21 580 Fälle der Körperverletzung, ein Anstieg um 4,7 Prozent. Häufig sind Frauen die Opfer, die von Männern angegriffen wurden.
„Sicherheit gibt es nicht zum Nulltarif“, sagt der bayerische Polizeipräsident Michael Schwald. Und ergänzte: „Die couragierten Bürger, die heute ausgezeichnet werden, sind Vorbilder für uns alle“. Die Medaille aus Silber sei aber nicht nur ein Dankeschön an diese Bürger, sondern auch ein Signal an die breite Bevölkerung, sich füreinander einzusetzen.
„Zivilcourage bedeutet, in entscheidenden Momenten für das Richtige einzustehen“, sagt der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Es sei wichtig, auch in schwierigen Situationen nicht wegzuschauen, sondern zu handeln, denn: „Alltagsmut tut Bayern gut!“. Herrmann erinnerte an den Einsatz von Dominik Brunner im September vor 15 Jahren. Brunner hatte Jugendliche vor einem gewalttätigen Übergriff in der S-Bahn beschützen wollen. Am Bahnhof Solln wurde er von zwei Angreifern brutal verprügelt und starb wenig später an einem Herzstillstand. Seit Brunners Einsatz findet die Vergabe der Courage-Medaille im September statt.
Die ausgezeichneten Bürgerinnen und Bürger:
Anne Hillreiner und Jasmin Hochleitner, München; Saeed Ebadi und Nathalie Wertich, München; Klaus und Angelika Meusel, München; Nikolay Pulev, München; Franz Wacker, München; Daniel und Marina Scheitenberger, München; Daniel Reisinger, Karlsfeld; Philip Mayer und Maximilian Heinrich, Ruhpolding; Stefan Frank, Ismaning; Emre Karali, Fürth; Falk Zweigle, Nürnberg; Justus Schneller und Dwayne Mensah, Ansbach; Andre Rettel und Thomas Schumann, Erlangen; Jehat Jusuf und Renas Ahmad, Nürnberg; Rudolf Zeller, Kleinheubach; Patrick Reining und Till Wolf, Aschaffenburg; Mhadi Alhasan und Can Cinar, Ausgburg; Jolanta Murdzia, Mering; Hynek Bednar, Tino Hinderlich und Zoltan Nagy, Meitingen-Herbertshofen; Adama Tamba, Neu-Ulm; Van Long Hoang, Würzburg.

