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Zweite Corona-Welle in Bayern:"Eine Zahl, die absolut beherrschbar ist"

Maßnahmen gegen Corona treten in München in Kraft

Das Alltagsleben wird wieder härter - bedingt durch steigende Corona-Infektionszahlen. Entsprechend wachsen Auflagen, so auch in München.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

In Bayern steigen die Infektionszahlen langsam an, 53 Corona-Patienten werden derzeit in Krankenhäusern beatmet. Fachleute sehen keinen Grund zu großer Besorgnis, nur in den Grenzregionen wächst die Angst vor Beschränkungen.

Von Anna Günther, Matthias Köpf, Dietrich Mittler und Johann Osel

Corona macht auch vor Klostermauern nicht Halt, und so mussten am vergangenen Freitag die Schwestern im Altenheim des Kloster Mallersdorf zu einem Corona-Reihentest antreten. Eine Pflegekraft hatte sich mit dem Virus infiziert. Die Ordensfrauen gehören angesichts ihres hohen Alters zur Risikogruppe, doch ihre guten Wünsche richten sich auch an die Menschen draußen. "Wir beten täglich, und in diesen Gebeten bitten wir auch darum, dass es keine zweite Corona-Welle geben wird - so wie die im Frühjahr", sagt Generaloberin Jakobe Schmid.

Steht Bayern vor einer zweiten Corona-Welle? Die aktuellen Zahlen des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) geben zumindest Hinweis darauf, dass die Fallzahlen ansteigen - und das liegt beileibe nicht nur daran, dass immer mehr Menschen den Corona-Test machen. Die Infektionsrate steigt definitiv an, wie aus der Positivrate in den LGL-Tabellen hervorgeht, die die Zahl der positiv Getesteten in Relation setzt mit der Gesamtzahl der Tests. Augenblicklich sind etwas mehr als ein Prozent der Getesteten mit dem Virus infiziert. Mitte Juli lag die Positivrate noch unter 0,5 Prozent.

Der Anstieg macht sich auch in Bayerns Krankenhäusern bemerkbar. Siegfried Hasenbein, Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, hat die Zahlen im Blick: Am Montagmorgen mussten in Bayern demnach 53 Patienten auf Intensivstationen beatmet werden. "Im Vergleich zum Frühjahr ist das eine Zahl, die absolut beherrschbar ist", sagt Hasenbein. Bayerns Kliniken hielten augenblicklich zwischen 4000 und 4200 Intensivbetten vor.

Mitte August mussten im Freistaat nur 18 Patienten beatmet werden. Steht Bayern vor einer zweiten Welle? Hasenbein hat mit dieser Fragestellung ein Problem: "Jeder definiert in den Begriff etwas anderes hinein", sagt er. Unter Fachleuten ist diese Frage umstritten. "Ja, die augenblickliche Situation macht mir Sorgen", sagt etwa der Infektiologe Bernd Salzberger. Er ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg. "Die Zahlen steigen jede Woche langsam an." Und: "Um uns herum - in Tschechien, Österreich und der Schweiz - ist eine klare zweite Welle vorhanden", sagt Salzberger.

Der Würzburger Virologe Lars Dölken möchte indes nicht von einer zweiten Welle sprechen. "Alle Coronaviren gehen im Winter hoch und im Sommer runter. Wir hatten einfach Glück, dass die Infektionen erst im März aufkamen - zum Ende der Saison. Wir müssen es jetzt schaffen, die Zeit bis Mitte April zu überbrücken", sagt er. Dass die kommenden Monate für viele Menschen hart werden, ist Dölken klar, trotzdem fordert er Disziplin.

Während die Fachleute diskutieren, wächst an Bayerns Grenzen die Verunsicherung. So auch im Grenzgebiet zu Tirol, seit das Robert-Koch-Institut das gesamte österreichische Bundesland zum Risikogebiet erklärt hat. In Orten wie dem direkt an der Grenze im Inntal gelegenen Kiefersfelden fragen sich die Menschen, wie sehr sich das auf den Alltag auswirken wird. So hat ein Paar seine Hochzeit wegen der Einschränkungen am Samstag kurzfristig von Kufstein ins bayerische Kiefersfelden verlegt. Der dortige Pfarrer sei spontan eingesprungen, erzählt Kiefersfeldens Bürgermeister Hajo Gruber.

Grundsätzlich gelten Regelungen, wie sie im Frühjahr nach der völligen Abriegelung der Grenze zu Österreich entwickelt worden waren: Wer sich weniger als 48 Stunden im Nachbarland aufgehalten hat, muss sich nach der Einreise nicht in Quarantäne begeben. Gleiches gilt für Menschen, die einen negativen Corona-Test vorweisen können, welcher aber ebenfalls nicht älter als 48 Stunden sein darf. Berufspendler damit sind weitgehend aus dem Schneider, Tagesausflügler ebenfalls. Sie sollten in Tirol aber möglichst nicht an irgendwelchen Großveranstaltungen teilgenommen haben, um nicht doch quarantänepflichtig zu werden.

Von einer "Hab-Acht-Stellung" und einem "etwas mulmigen Gefühl" beim Blick auf das Nachbarland Tschechien spricht der Tirschenreuther Landrat Roland Grillmeier. Acht Landkreise in der Oberpfalz, in Oberfranken und Niederbayern grenzen an Tschechien, für das es seit Kurzem eine Reisewarnung durch das Auswärtige Amt gibt. Die Corona-Zahlen in dem Land waren zuletzt stark angestiegen. Der Grenzverkehr hat für viele Kommunen in Ostbayern enorme Bedeutung, gut 18 000 Berufspendler aus Tschechien sind im Freistaat beschäftigt; allein im Kreis Tirschenreuth arbeiten gut 2500 Pendler aus Tschechien. Erste positive Fälle in dieser Gruppe gibt es schon dieser Tage. Grillmeier verweist jedoch auf die vom Freistaat lancierte Teststrategie - diese funktioniere gut, ebenso der Schutz in den Unternehmen. Der Landrat, dessen Kreis im Frühjahr als Hotspot bundesweit bekannt wurde, hofft, die Infektionsketten unterbinden zu können.

Hoffnung schadet nicht. Doch Corona bleibt unberechenbar, sagt der Erlanger Transfusionsmediziner Holger Hackstein, der mit Kollegen daran arbeitet, für schwerkranke Covid-19-Patienten eine Immun-Plasma-Therapie anbieten zu können. "Ich kann die Frustration vieler Menschen verstehen", erklärt er mit Blick auf die regional wieder anziehenden Reglementierungen. Am Ende aber sei "es doch sinnvoll, sich zu schützen".

© SZ vom 29.09.2020/kafe
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