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Bildung in Bayern:Als hätte es dieses Schuljahr gar nicht gegeben

Coronavirus - Testpflicht an Schulen

Eine gewisse Fingerfertigkeit brauchen Schülerinnen und Schüler schon, wenn sie den Corona-Schnelltest in der Klasse durchführen. Aber auch hierbei gilt: Übung macht den Meister.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

70 Prozent der bayerischen Schüler müssen wieder daheim lernen, für den Rest gelten strenge Hygieneauflagen. Fachleute fürchten, dass die Wissenslücken nach einem Jahr Corona nicht mehr geschlossen werden können.

Von Anna Günther

Die Ruhe nach dem Sturm ist bemerkenswert: Vor und in den Osterferien war der Widerstand gegen die Testpflicht an Schulen enorm. Lehrer fürchteten Chaos und Corona-Infektionen bei den Selbsttests der Kinder in den Klassen. Eltern kritisierten das Stigma positiver Ergebnisse. Seit einer Woche gilt die Testpflicht in Bayern, nur mit negativem Testergebnis dürfen Kinder in die Schule. Wer sich weigert, muss daheim lernen.

Hörte man sich in dieser ersten Testpflicht-Woche um, war das Fazit der Schulleiter gemessen am Protest erstaunlich klar und positiv: kein Problem, läuft gut, die Kinder machten prima mit, die Lehrer auch. Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) zog schon am Dienstag ein positives Fazit. Er setzt darauf, dass die Schulen "mit Testen und Impfen" weiter offen gehalten werden können. Viel Lärm um nichts, also?

Ganz so einfach ist es nicht. Der Protest gärt abseits der Schulen weiter, mehrere Online-Petitionen von Eltern gegen Tests in Schulen laufen - für Testen daheim, für Spuck-Pool-Tests. Damit die Testerei überhaupt pünktlich am ersten Schultag funktionierte, sei der Aufwand enorm gewesen, sagen Schulleiter. Manch Rektor rief Lehrer in den Ferien herbei, weil die Test-Kits spät geliefert wurden. Umpacken, Sortieren, Ausprobieren.

Bei Walter Baier, Chef des Gymnasiums in Bruckmühl, war es so knapp, dass er am Montag den Unterricht der fünften bis zehnten Klassen ausfallen ließ. Lehrer und Schulleitung übten im Rollenspiel das Überwachen der Tests. Dafür habe es danach reibungslos geklappt, sagt Baier.

Andere nutzten das Video der Augsburger Puppenkiste und des Kultusministeriums für Leichtigkeit im Alltag und zur Aufklärung: Die Selbsttest-Anleitung von Dr. Kasperl und Erwin, dem Erdmännchen, ist längst ein Hit. Man konnte dem Clip am Freitag dabei zusehen, wie sich die Zahl der Aufrufe auf die Million zubewegte. Beliebt nicht nur bei den Jüngsten: "Das Kasperle läuft auf allen Monitoren in der Schule, die Schüler finden das super", sagt Kurt Ritter, Direktor des Johann-Michael-Sailer-Gymnasiums im schwäbischen Dillingen an der Donau. Ritter hatte mal wieder alle im Haus, die Abiturienten komplett, die Jüngeren im Wechsel.

Tests bringen mehr Sicherheit, darin sind sich die Schulleiter einig. Faktisch und fürs Gefühl von Lehrern wie Schülern. Wie viele Selbsttests positiv waren, wird nicht erfasst. Schulleiterverbände sprechen von äußerst niedrigen Zahlen. Laut Kultusministerium sind derzeit 0,15 Prozent der 1,7 Millionen Schüler, also etwa 2500 Kinder, wegen eines positiven Corona-Tests nicht im Präsenzunterricht. Mehr Sicherheit für Schule trotz hoher Inzidenz, darauf hoffen einige. Denn ein Problem jenseits der Test-Proteste ist, dass viele Schüler seit Mitte Dezember erst zwei, drei Tage in der Schule waren. Und für die meisten wird es bis Pfingsten beim Distanzunterricht bleiben. Denn die Infektionszahlen steigen stetig an.

In dieser Woche war in 22 der 96 Regionen Bayerns Wechselunterricht in Kleingruppen und mit Abstand für alle Schüler möglich. Am Freitag, Stichtag für die kommende Woche lagen laut Robert-Koch-Institut 17 über 200 und vier Regionen unter der 100er-Grenze. In den Landkreisen Lindau, Tirschenreuth und Miltenberg sowie in Bamberg ist von Montag an Wechselbetrieb erlaubt. Überall sonst dürfen nur die Abschlussklassen, Viert- und Elftklässler in die Schulen. Bayernweit werden dann 70 Prozent aller Schüler daheim lernen.

"Es wird jede Woche schlechter, in der die Kinder nicht in der Schule sind"

Die Folgen sind aus Sicht vieler Pädagogen fatal: Mädchen und Buben sind im Dauer-Distanzunterricht kaum zu motivieren. Niemand wisse, was vom Stoff hängen bleibt. Die Eindrücke dieser Woche ermuntern da nicht. "Die Achtklässler in Französisch sind auf dem Niveau der siebten Klasse, Vokabeln und Sprachpraxis sind weg. Als hätte es dieses Schuljahr gar nicht gegeben", sagt Walter Baier. Eindrücke, die viele Kollegen bestätigten, sagt der Chef der Direktorenvereinigung Gymnasien.

Die Abschlussklassen sind kein Problem, die Lücken der jüngeren Schüler dagegen seien enorm, "was in diesem Jahr verloren ging, können wir nicht mit Ferien- oder Brückenkursen auffangen". Dieses Konzept des Kultusministers reiche nicht aus. Man müsse die Realität anerkennen und neu denken, sagt Baier. "Es wird jede Woche schlechter, in der die Kinder nicht in der Schule sind." Er plädiert dafür, die Schüler im Herbst neu zu sortieren. Ein Wiederholungsjahr für alle lehnt Baier ab. Zu groß seien die Unterschiede zwischen Schülern und Schulen. Wiederholen für alle bestrafe jene, die gut zurechtkommen.

In Schwaben vertraut Direktor Ritter auf die Nachholkurse und Beratung der Eltern, deren Kinder wiederholen sollten. Der Aufwand sei zwar hoch, aber Distanz- und Wechselbetrieb laufen gut. Seine Schule ist bestens ausgestattet, das ist nicht die Regel. Auch Ulrich Anneser, Chef der Erzbischöflichen Mädchenrealschule Franz-von-Assisi in Freilassing, bleibt tapfer-positiv und hofft auf Schulalltag im September, um aufzuholen.

Mühsamer ist für ihn wie für viele Schulleiter die ständige Auseinandersetzung mit Corona-Leugnern, Maskengegnern und Test-Verweigerern. Anzeigen und Drohungen sind Alltag. Anneser muss sich sogar mit Nazi- und Faschismusvergleichen auseinandersetzen. "Es ist abstrus, was die Leute sich einfallen lassen, um gegen Masken, Tests und die Pandemiebekämpfung vorzugehen", sagt er. Die Juristen der Erzdiözese München und Freising seien dran.

Kultusminister Piazolo weiß um das Problem. Er sicherte den Schulleitern Rückendeckung und Rat zu. Bei Maskengegnern klappt das mäßig: Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof kam zu dem Schluss, dass Schulärzte zweifelhafte Atteste gegen die Maskenpflicht prüfen müssten. Lehrer und Juristen könnten Atteste fachlich schlicht nicht beurteilen. Das Gesundheitsministerium spricht dagegen von Einzelfallentscheidungen und sieht "keine Veranlassung für die Schaffung neuer Regelungen".

© SZ vom 17.04.2021/syn
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