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Coronavirus:Physiotherapeuten fühlen sich im Stich gelassen

Olympiastützpunkt Bayern in München, 2014

Bayerns Physiotherapeuten dürfen aktuell nur noch "medizinisch dringend erforderliche" Anwendungen anbieten.

(Foto: Florian Peljak)

Wegen der Ausgangs­beschränkung bleiben viele Patienten zu Hause, einige Behandlungen sind gänzlich untersagt. Praxisbesitzer fordern nun einen Rettungsschirm von der Politik.

Es ist still geworden in der Praxis der Physiotherapeutin Anna-Maria Wagner (Name geändert). Noch vor wenigen Wochen war es gar nicht so leicht, bei ihr einen Termin zu bekommen. Aus den sechs Kabinen, stets voll belegt, ertönten Stimmen, Patienten erzählten aus ihrem Alltag, einige klagten über ihre Schmerzen, andere machten Scherze - wirklich ruhig war es nie. Nun ist es erschreckend ruhig. "Viele der Patienten, besonders die älteren und die mit einem schwachen Immunsystem, haben jetzt Angst. Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. "Wir ja genauso", sagt die 56-Jährige. Nur noch die Hälfte der Patienten kommt derzeit in ihre Praxis zur Behandlung. Auch das bereitet Anna-Maria Wagner Sorgen. "Drei Monate halten wir das durch", sagt sie.

Aber dann? Wagner und ihre kleine Belegschaft, zu der auch ihre 23-jährige Tochter Clara gehört, müssen demnächst Kurzarbeit anmelden. Kommt da nicht der Gedanke auf, gleich für längere Zeit zuzumachen? Wagner, fest verwurzelt mit ihrer oberbayerischen Wahlheimat, schüttelt den Kopf: "Wir haben doch einen Versorgungsauftrag zu erfüllen. Wir haben für die Patienten da zu sein, die uns gerade in diesen harten Zeiten brauchen", sagt sie.

Dieser Personenkreis ist drastisch kleiner geworden, und das liegt längst nicht nur an der um sich greifenden Angst vor Corona - und schon gar nicht daran, dass jetzt weniger Menschen körperliche Beschwerden hätten. Viele von Wagners Patienten dürfen die Praxis gar nicht mehr betreten - es sei denn, die Behandlung dort ist "medizinisch dringend erforderlich". So steht es in den Allgemeinverfügungen der Staatsregierung zur vorläufigen Ausgangsbeschränkung. Was aber dürfen Bayerns Physiotherapeuten dann noch behandeln?

Aus dem Gesundheitsministerium heißt es: "Medizinisch dringend erforderlich sind insbesondere diagnostische oder therapeutische Maßnahmen, die der Abwendung von lebensbedrohlichen Gefahren für die körperliche oder seelische Unversehrtheit oder von Krankheitsfolgen dienen und keinen Aufschub erlauben." Als "dringend erforderlich" gilt überdies die Linderung von Schmerzzuständen oder die Aufrechterhaltung elementarer Lebensfunktionen. Die Entscheidung darüber treffe im Einzelfall der behandelnde Arzt. Clara Wagner, die Tochter der Chefin, hätte es gerne konkreter gehabt. Solche Informationen fand sie bei einem der Berufsverbände. "Akute Schmerzsyndrome, neurologische Ausfälle, akute lymphatische Versorgung im Sinne einer komplexen Entstauungstherapie", heißt es etwa im Infobrief des VDB-Physiotherapieverbandes. Weitere Gespräche ergaben: Erlaubt sind auch Behandlungen, die nach Operationen zur Vermeidung bleibender Schäden dringend geboten sind. Etliche solcher Patientinnen und Patienten, auf die diese Indikationen zutreffen, kommen aber nicht mehr in den Genuss physiotherapeutischer Maßnahmen. "Wir haben in den Altenheimen ringsum eine ganze Reihe von Patienten. Aber in die Heime kommen wir augenblicklich nicht mehr rein", sagt Wagner. Als Begründung dafür reicht ein Wort: Corona.

"Was kommt noch alles auf uns zu?", fragen sich Wagner und ihre Tochter. Diese Unsicherheit sei quälend. "Die Krankenhäuser bekommen einen Rettungsschirm. Was ist mit uns Physiotherapeuten?", sagt die 23-jährige Clara Wagner. Sie fühle sich von der Politik alleingelassen. Ihre Mutter nickt. "Diese Sorgen höre ich derzeit aus vielen Praxen", sagt Markus Norys, der bayerische Landesvorsitzende des Verbands Physio Deutschland. Krankenhäuser, das zweifle auch keiner an, seien systemrelevant. "Aber auch wir sind für die Versorgung der Patienten wichtig, auch wir brauchen einen Rettungsschirm." Geboten sei überdies, dass die Physiotherapeuten jetzt ebenfalls ausreichend mit Desinfektionsmitteln und Mundschutz versorgt werden.

Anna-Maria Wagner und ihre Tochter hatten sich mit solchen Artikeln rechtzeitig eingedeckt. Doch damit hatten sie nicht gerechnet: Etliche der Desinfektionsmittel waren auf einmal weg, geklaut. Aber, so appelliert auch Markus Norys: Jetzt gelte es, nach vorne zu schauen. Einige Physiotherapeuten sind da gerade sehr kreativ. Eine Praxis in München etwa bietet nun "physiotherapeutische Betreuung online" an - per Video-Konferenz. Auch Clara Wagner denkt darüber nach.

© SZ vom 25.03.2020
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