Wirtschaft in Bayern:Zwischen Geduld und Galgenhumor

Coronavirus - Bayern

Doch keine Lockerungen: die Außengastronomie in Bayern muss geschlossen bleiben.

(Foto: dpa)

In manchen Gegenden hätte die Inzidenz am Montag weitere Lockerungen erlaubt: Kino, Sport, Außengastronomie. Doch das Gesundheitsministerium zog die Notbremse. Die Reaktionen sind unterschiedlich.

Von Thomas Balbierer, Florian Fuchs, Olaf Przybilla und Lisa Schnell

Sie hatten schon alles hergerichtet, sagt Hannelore Groh, 63, Wirtin vom Gasthof Krone in Eichstätt. Die Terrasse hatten sie eingedeckt, schon Werbung gemacht auf Facebook, endlich mal wieder eingekauft. "Es ist alles da", sagt Groh, "nur die Gäste dürfen wir nicht begrüßen." Das Fleisch, die Salate, sie weiß auch nicht genau, was sie damit jetzt machen soll. Einfrieren, was geht, selber essen. "Die Corona-Figur haben wir eh schon", sagt sie, den Galgenhumor offensichtlich auch. Lustig nämlich findet sie das alles schon lange nicht mehr: "Was man nicht verarbeiten kann, die Salate etwa, das kannst du in die Tonne treten." Das seien schon wieder finanzielle Einbußen. Seit November haben sie geschlossen, geben nur noch Essen-To-Go raus. Seitdem fiebern sie auf den Tag hin, der am Montag kommen sollte und jetzt doch nicht kam.

Das Gesundheitsministerium hat alle weiteren Öffnungen gestoppt. Landkreise mit einer Inzidenz unter 100 hätten eigentlich Theatern, Kinos, manchen sportlichen Aktivitäten und Außengastronomie wieder den Betrieb erlauben können. Angesichts des landesweiten Anstiegs der Corona-Infektionszahlen könne bayernweit jedoch nicht mehr von "einer stabilen Lage" die Rede sein, die den Vorgaben nach für Öffnungen ebenso notwendig ist, heißt es aus dem Ministerium. Deshalb sind nun vor allem Gewerbetreibende in Landkreisen mit niedriger Inzidenz vor den Kopf gestoßen, auch wenn viele Verständnis äußern. Und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger ließ am Freitag verkünden: "Wir brauchen eine Öffnungsperspektive auch oberhalb des 100er-Inzidenzwertes".

Wirtin Hannelore Groh sagt, ihre Gäste seien ebenso euphorisch gewesen wie sie. Bis Mittwoch hatte sie Reservierungen. Da soll ja schönes Wetter werden. "Da kannst dann deine Tische anschauen, deine schöne Dekoration und nichts machen", sagt Groh. Aber wie es anders gehen soll, das wisse sie auch nicht. Wenn jetzt nur sie aufmachten im Landkreis Eichstätt, dann könnten ja auch Gäste aus Gegenden mit weit höheren Inzidenzen kommen. "Wie will man das denn kontrollieren?", fragt Groh und dann, ganz am Schluss mit einem Seufzer: "Es geht halt nicht anders."

Sehr ähnlich sieht das auch Petra Meyer, wenngleich sie "auf Kohlen" sitze. Die Burgwirtin hat auf der Weißenburger Wülzburg richtig viel Platz, sie kann die Außensitzplätze weit auseinanderstellen. Und natürlich hat sie sich darauf eingestellt, am Montag zu öffnen. Egal wie, auch wenn's schneien sollte. Mit Decken gehe alles und die Leute "wollen halt einfach raus, das merkt jeder", sagt Meyer - zumal im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen, wo die Infektionslage schon seit Wochen eher entspannt ist. Und jetzt? Wieder nichts. Es gebe da schon schwere Momente im Leben einer Wirtin, sagt Meyer, aber die "Perspektive der Politik" verstehe sie schon auch. Wenn nun die Leute aus Kulmbach und Hof - wo das Virus weiter wütet - einfach einen schönen innerfränkischen Ausflug ins schöne Weißenburg machen würden? "Schon schwierig", sagt Meyer.

Nicht alle sind so verständnisvoll, erzählt Leo Schrell. Der Landrat von Dillingen kommt gerade aus einer Sitzung mit Verbänden. Die Leute aus der Wirtschaft, berichtet er, haben keine gute Laune. "Wir hätten schon gerne geöffnet", sagt Schrell, er hat deshalb bereits am Mittwoch Öffnungen beim Gesundheitsministerium beantragt. Am Donnerstag folgte dann ein klärendes Gespräch mit Gesundheitsminister Klaus Holetschek, der ihm seine Sicht der Dinge schilderte. "Wir sind mit einem Tag Ausnahme seit fünf Wochen unter 50, die meiste Zeit davon sogar unter 35, und wir haben zusätzliche Konzepte entwickelt." Dillingen ist Modell-Landkreis für die Luca-App, die eine schnelle Kontaktnachverfolgung gewährleisten soll. Schrell baut auch auf Schnellteststationen in der Fläche. Doch es nützt alles nichts.

"Wir haben Fernsehen, DVD und Internet überlebt. Wir überleben auch das", sagt die Kinobetreiberin

Ob das unfair sei, darauf will der Landrat gar nicht eingehen. Aber die Leute in seinem Landkreis haben sich halt darauf verlassen, dass die Grenzen für die Inzidenzwerte nun auch gelten. Und jetzt ist kurzfristig wieder alles anders. Schrell fordert daher - genau wie sein Parteifreund von den Freien Wählern, Wirtschaftsminister Aiwanger -, dass nicht mehr der Inzidenzwert allein über Öffnungen entscheiden darf. Er hat da auch Ideen, die bayernweit immer öfter zu hören sind: Wie ist die Situation an örtlichen Krankenhäusern, wie die Auslastung der Intensivstation? Wie hoch ist der Anteil der Mutanten und ist die Infektionslage diffus oder lässt sie sich bei einem Anstieg klar auf ein Cluster begrenzen, das gut isoliert werden könne? Es brauche, fordert Schrell, mehr Freiheiten für die Verantwortlichen vor Ort, um auf ihre Situation reagieren zu können.

Der Landrat hofft nun auf die Bund-Länder-Beratungen am Montag, in seinem Landkreis üben sie sich derweil in Geduld. Im Filmcenter in Dillingen zum Beispiel wäre der kommende Donnerstag ein ganz besonderer geworden. Nach fast fünf Monaten hätte Claudia Mayr wieder Publikum im Kinosaal empfangen dürfen, über die Leinwand wären dann Kinderfilme geflimmert: "Jim Knopf 2" oder "Clara und der magische Drache". Daraus wird nichts, aber wenigstens schafft es die Betreiberin, sich mit der Staatshilfe über Wasser zu halten.

Sie müsse auch keine Mitarbeiter zurück in Kurzarbeit schicken, so Mayr, weil sie gar keine habe. "Wir bleiben positiv. Unser Kino besteht seit 82 Jahren. Wir haben Fernsehen, DVD und Internet überlebt. Wir überleben auch das." Ihre Kunden und das gute, alte Kinogefühl vermisst sie zwar schon. Doch ein kleines Kino am Land habe es schwer, im Alleingang zu öffnen, sagt sie. Schließlich würden die Filmverleiher neue Produktionen zurückhalten, bis die großen Kinos wieder öffnen. "James Bond würde sicher nicht für uns in Dillingen auf den Markt kommen." Um das Kinofeeling zu bewahren, verkauft sie freitags Popcorn to go, damit man auch im Heimkino rascheln und knuspern kann.

Auch die Sportler im Nachbarort Höchstädt bleiben geduldig. Von Montag an wäre laut bisheriger Öffnungsstrategie kontaktloses Training in Innenräumen sowie Kontaktsport im Freien wieder möglich gewesen. Doch die Verantwortlichen der Spiel- und Sportvereinigung Höchstädt hatten schon vor dem Nein des Gesundheitsministeriums beschlossen: Keine weiteren Öffnungen vor Ostern. Bislang trainieren draußen nur kleine Gruppen, etwa die Stockschützen. "Wir nehmen die Lage sehr ernst", sagt Vereinsvorsitzender Jakob Kehrle. Eine große Austrittswelle habe es unter den 1300 Mitgliedern bislang nicht gegeben. "Die halten uns trotzdem die Treue", so Kehrle.

Vielleicht, so hofft zumindest Michael Schmitt, klappt es ja am 15. April. Im unterfränkischen Kitzingen steht der Name Michael Schmitt für das Roxy, ein herrlich plüschiges Programmkino. Kitzingen war zuletzt wochenlang ganz unten in Bayerns Corona-Rangliste, der Inzidenzwert konstant unter 50. Vorbereitungen aber, das Kino demnächst wieder zu öffnen, hat Schmitt nicht getroffen. Erst Mitte April soll ein Versuch gewagt werden, dann aber richtig. Dieses "Hü und Hott" sei für niemanden einfach, für die Veranstalter genauso wenig wie fürs Publikum.

Man muss sich ja vorbereiten und das geht auch für Macher eines anspruchsvollen Kinoprogramms nicht von jetzt auf gleich. Schmitt sagt aber auch: Er tue sich da vielleicht etwas leichter als andere. Immerhin müsse er als Geschäftsführer einer Genossenschaft, die das Haus gemeinsam trägt, "davon nicht leben". Die Mitglieder kümmern sich ehrenamtlich um ein gutes Programm, der Vermieter hat in den schlimmen Zeiten sogar auf die Miete verzichtet und auf die zugesagte staatliche Hilfe habe man sich auch verlassen können. Das gute alte Kinogefühl, von dem auch in Dillingen die Rede ist, vermissen sie in Kitzingen aber schon auch - und natürlich die Kunden.

© SZ.de/lfr
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