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Kinderbetreuung:Wie der neue Normalbetrieb in den Kitas laufen soll

Coronavirus - Kita

Desinfizieren ist bei Kinderhändchen "weder sinnvoll noch erforderlich", schreibt das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in den Hygieneregeln. Das sehen Erzieher genauso. Häufiges und gründliches Händewaschen aber ist Pflicht in den bayerischen Kitas.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Eltern und Erzieher klagen, dass sie nicht wissen, wie die neuen Hygienestandards umgesetzt werden sollen. Die Lösung wäre mehr Personal - doch qualifizierte Kräfte waren schon vor Corona Mangelware.

Von Anna Günther

Die Erzieherinnen im Evangelischen Haus der Kinder in Krumbach sind stolz, dass sie mehr bieten als das Standardprogramm für Kindertagesstätten. Medienerziehung gehört seit 26 Jahren zum Konzept, Lern-Apps sind im Einsatz, Spiele mit analogen und digitalen Elementen entwickeln die Erzieher oft selbst. Die Kindergruppen sind nicht so strikt getrennt wie oft üblich. Die Krumbacher Kinder spielen, lernen und essen täglich miteinander, egal welcher Gruppe sie zugeteilt sind. Und mehrmals pro Woche marschieren 15 von ihnen im Wechsel in den Wald. Ein Waldkindergarten aber ist das Kinderhaus nicht, die Waldpädagogik ist ins Konzept integriert. Diese Vielfalt schätzen die Kleinen, die Eltern, die Erzieher. Dass sich alle kennen, helfe in diesen Coronazeiten, sagt die Kinderhauschefin Anne Müller. Eigentlich. Die Besonderheiten rauben ihr derzeit aber auch Nerven.

Am 3. Juni hatte Sozialministerin Carolina Trautner (CSU) angekündigt, am 1. Juli die Kitas für alle Kinder zu öffnen - sofern es das Infektionsgeschehen zulasse. Wie dieser Regelbetrieb aussehen soll, weiß Anne Müller noch nicht. Sie fordert konkrete Ansagen aus dem Ministerium und zwar frühzeitig. "Sobald die Idee verkündet wird, brauchen wir klare Vorgaben. Eltern fragen nach und wir können keine verlässlichen Antworten geben." Mehrmals habe sie Pläne entworfen, die von kurzfristigen Anordnungen zunichte gemacht worden seien. Und Tipps des Sozialministeriums, wie etwa jener, nur noch draußen zu singen, helfen nicht, sagt Müller. "Das würde keine Ansteckung verhindern. Kinder können keinen Abstand halten und wir können uns nicht hinter Plexiglas verstecken."

Momentan werden in der Notbetreuung in jeder der drei Gruppen 13 Kinder betreut. Die strikten Gruppen seien ungewohnt für die Kinder, sagt Müller. Sie essen zeitversetzt, nutzen die Turnhalle nacheinander, benutzen getrennte Toiletten und waschen sich oft die Hände. Die Eltern geben ihre Kinder im Windfang ab, um das Haus nicht zu betreten. Das klappe, wenn wenig Kinder da sind. Am Montag öffnen die Kitas in Bayern für alle Mädchen und Buben, die 2021 schulpflichtig werden. Dazu kommen Zwei- und Dreijährige, die in den Kindergarten kommen, und Geschwisterkinder dieser Gruppen. 80 Prozent sollen es dann bayernweit sein, 472 000 Kinder. Auch für diese Rückkehrer hat Anne Müller einen Plan. Pläneschmieden scheint ihr ohnehin zu liegen, in der coronabedingten Schließzeit entwickelten die Krumbacher Erzieher mehrere Spiele und ein Sprachförderkonzept. Aber wie sie kleine, konstante Gruppen einhalten soll, wenn in gut zwei Wochen wieder alle Mädchen und Buben betreut werden können, bereitet ihr Sorgen.

Die Staatsregierung müsse endlich entscheiden, sagt Müller. Corona-Regeln mit allen Kindern oder normaler Regelbetrieb. Im Regelbetrieb könnte Müller die Gruppen wieder mischen. Für getrennte Corona-Gruppen mit allen Kindern, festen Betreuern und normalen Öffnungszeiten fehle ihr das Personal. "Ich kann nicht in drei Gruppen neun Stunden Betreuung anbieten, wenn die Erzieher nur in einer festen Gruppe sein dürfen", sagt Müller. Die Eltern seien aber maximale Flexibilität gewöhnt. Normalerweise spielen frühmorgens und am späten Nachmittag alle in einer Gruppe, wenn die ersten gebracht und die letzten abgeholt werden. Müller bräuchte mehr Personal oder Budget, "aber wer zahlt das?"

Mit ihren Sorgen steht Müller nicht allein: Laut einer Umfrage der Katholischen Erziehergemeinschaft (KEG) fühlen sich viele Erzieher und Kindergartenleiter von der Staatsregierung alleingelassen. 60 Prozent der Befragten bestätigen das, 73 Prozent beschreiben die Vorgaben der Regierung als wenig bis gar nicht sinnvoll. Mehr als die Hälfte wünscht sich mehr Unterstützung bei der Umsetzung der Hygienestandards. Verständliche Informationen fehlten für viele Erzieher ebenso wie Schutz fürs Personal. Kitaleitungen beklagen zudem, dass die Regierung Erwartungen wecke, die nicht von den ministerialen Vorgaben gedeckt sind, und so unnötigen Frust bei Eltern und Erziehern auslösten.

Die Befragung läuft seit zwei Wochen, mehr als 300 Erzieher und Kita-Leitungen haben den Fragebogen ausgefüllt. "Schon am selben Tag kamen viele Rückmeldungen. Wir haben gespürt, wie froh sie sind, dass mal jemand fragt, wie es ihnen geht", sagt die KEG-Vorsitzende Walburga Krefting. Seit Wochen fordert Krefting klare Konzepte aus dem Sozialministerium, Schutzkleidung und umsetzbare Vorgaben für die weitere Öffnung der Kindertagesstätten. Die Regeln für den Notbetrieb sind ihr "zu vage, zu zaghaft, zu kurzfristig" an die Kitas geschickt worden. Die nachträglichen Korrekturen hätten Eltern und Erzieher verwirrt. In Krumbach etwa wollte Müller die Waldgruppe wieder rausschicken als die Waldkindergärten am 25. Mai öffnen durften. Kurz darauf präzisierte das Ministerium: Waldkindergarten ja, Waldgruppen nein. Sie musste zurückrudern.

Kreftings Wunschlösung wären Massentests für Erzieher, damit diese sich sicherer fühlten, Planungsaufgaben für Erzieher in Risikogruppen, individuelle Öffnungszeiten und kleine, konstante Gruppen. Das Problem dabei ist: Kleine, konstante Gruppen und individuelle Öffnungszeiten erfordern mehr Personal. Und schon vor Corona fehlten Erzieher in vielen Kommunen, die deshalb sogar mit Vergünstigungen um Frühpädagogen buhlten. Einfach mehr Leute einzustellen, dürfte also keine Option sein. Krefting weiß das und fordert mehr Budget, damit Mitarbeiter aufstocken oder Drittkräfte angestellt werden können. Die Gewerkschaft Erziehung- und Wissenschaft (GEW) glaubt sogar, dass "höchstens die Hälfte" des gewünschten Angebots möglich sei, weil so viele Erzieher zu Risikogruppen zählen.

Zudem sei der Betrieb nach dem Hygieneplan mit den vorhandenen Innen- und Außenflächen nicht umsetzbar, sagt Conny Rosenlehner. Die GEW fordert Ausweichflächen von den Kommunen und appelliert an die Regierung, keine Hoffnungen auf Regelbetrieb zu wecken. Im Sozialministerium setzt man von Juli an auf "eingeschränkten Regelbetrieb", Kitas "können" reguläre Buchungszeiten anbieten. Das teilte das Haus von Ministerin Trautner am Dienstag auf Nachfrage mit. Auf der Internetseite ist noch kein konkreter Hygieneplan für den Vollbetrieb zu finden. Feste Gruppen empfiehlt das Ministerium weiterhin, um Infektionsketten nachvollziehen zu können. Die konkrete Umsetzung bleibe den Kitas überlassen.

© SZ vom 10.06.2020/vewo
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