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Kindertagesstätten:"Natürlich werden die sich anstecken"

Klingeln für den Einlass: Nur Kinder mit Eltern aus systemrelevanten Berufen dürfen in bayerische Kindertagesstätten.

Klingeln für den Einlass: Nur Kinder mit Eltern aus systemrelevanten Berufen dürfen in bayerische Kindertagesstätten.

(Foto: Uwe Zucchi/dpa)

Zahlreiche Eltern dürfen ihre Kinder nun wieder in die Kitas schicken. Erzieher und Experten erwarten höhere Infektionsraten - und kritisieren das Sozialministerium, das Vorgaben erst spät verschickt hat.

Von Matthias Köpf

Das, was die Staatsregierung von diesem Montag an vorhabe, werde "ein Riesenexperiment", sagt die Erzieherin - ein Experiment mit ihrer eigenen Gesundheit, mit der ihrer Kolleginnen und mit der Gesundheit aller. Die Erzieherin, die ihren Namen öffentlich nicht nennen will, weil sie Probleme mit ihrem Arbeitgeber fürchtet, betreut seit vielen Jahren Krippenkinder. Selbst hat sie nach eigenen Worten eigentlich gar nicht so viel Sorge, wenn nun, mitten in der Coronakrise, wieder viel mehr Kinder in die Tagesstätten kommen. Bei manchen Kolleginnen aber herrsche "panische Angst".

Denn Kinderbetreuung unter Bedingungen des Infektionsschutzes ist nach Einschätzung der Erzieherin "einfach nicht machbar, wenn man ehrlich ist". Gerade kleine Kinder würden oft in den Arm oder auf den Schoß genommen, pädagogisch laufe "viel über körperliche Nähe". Kinder bräuchten Unterstützung auf der Toilette, wenn sie nicht überhaupt gewickelt werden müssten wie in der Krippe. Bei all dem den Infektionsschutz zu wahren, ist nach ihren Erfahrungen lebensfremd, die "gespielte Normalität", die von nun an herrschen solle, spiele nicht nur mit der Gesundheit des Kita-Personals, sondern könne das Virus über die Familien der Kinder weit unter allen Menschen verbreiten. "Das kann ganz schlimm ausgehen."

"Natürlich werden die sich anstecken", erwartet auch Mario Schwandt, der sich bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Nürnberg um die Erzieherinnen kümmert. Aus seiner Sicht hätte es zumindest viel mehr Zeit gebraucht, um die Notbetreuung zu organisieren. Die von allen dringend erwartete "Handreichung", wie nun zu verfahren sei, verschickte das Sozialministerium erst am Freitagabend.

Wie viele Eltern ihre Kinder nun wieder in die eigentlich seit Mitte März geschlossenen Tagesstätten schicken, weiß niemand. Der Kreis derer, die eine Notbetreuung in Anspruch nehmen dürfen, ist jedenfalls sehr viel größer geworden. Anfangs durften nur Kinder in die Kitas, bei denen beide Eltern in "systemrelevanten Berufen" etwa in der Medizin oder bei der Polizei tätig sind, später reichte ein Elternteil im Gesundheitsbereich. Von Montag an ist es für die Notbetreuung der Kinder nun generell ausreichend, wenn nur ein Elternteil systemrelevant arbeitet. Auch alle berufstätigen Alleinerziehenden sollen ihre Kinder betreuen lassen können, ganz unabhängig von ihrer bisher geforderten Systemrelevanz. Zugleich wird dieses Kriterium ausgedehnt und umfasst nun beispielsweise auch Lehrer, Seelsorger oder Tätigkeiten in Anwalts- oder Steuerkanzleien.

Aus der Sicht von Christian Müller, der bei der Caritas in München den Fachbereich Kindertageseinrichtungen leitet, ist die Liste fast unüberschaubar, und nicht in jedem Fall erschließe sich ihm die Systemrelevanz. Da könne man die Notbetreuung doch gleich freigeben für alle Eltern, denen das Infektionsrisiko egal sei, sagt Müller, denn "es ist in der Kita schlicht nicht möglich, die Weitergabe von Viren zu verhindern". Die Zahl der Kinder pro Notgruppe werde nun "unter Garantie" über die bisher festgelegten fünf steigen. Denn das Problem, alle Kinder in streng getrennten Fünfergruppen mit zwei festen, nicht hin und her wechselnden Erzieherinnen zu betreuen, lasse sich "natürlich nicht" lösen, weil es dafür nicht genügend Räume und schon gar nicht genug Personal gebe. Selbst wenn die Erzieherinnen nicht daheim blieben, die selbst schon älter sind oder die privat Kontakt mit Menschen aus der Risikogruppe haben. Doch viele Eltern hätten "nicht verstanden, worum es geht," und wollten schlicht "endlich die Kinder wieder aus dem Haus haben".

Bisher seien die Eltern mit dem Thema, "sehr verantwortungsbewusst umgegangen", heißt es dazu aus Bayerns Sozialministerium. Die Nachfrage nach der Notbetreuung sei zuletzt "auf niedrigem Niveau leicht gestiegen", man rechne nicht mit Kapazitätsengpässen. Einen einklagbaren Anspruch auf Notbetreuung gebe es durch die neuen Ausnahmen nicht. "Wir gehen bei der Ausweitung der Notbetreuung weiterhin behutsam vor. Der Schutz der Gesundheit steht immer an oberster Stelle," versichert Ministerin Carolina Trautner (CSU). Am Donnerstag hatte sie dem Sozialausschuss des Landtags berichtet, dass anfangs fünf Prozent der Eltern eine Notbetreuung in Anspruch nehmen durften und zwei Prozent sie wirklich nutzten. Inzwischen sei aber "überall spürbar, dass die Belastung im Alltag ansteigt". Auch darauf reagiert der Freistaat mit der Ausweitung der Notbetreuung. Doris Rauscher (SPD) äußerte die Sorge, dass die Tagesstätten nun "überrannt werden, mit großem Druck der Eltern", während Johannes Becher (Grüne) die Vereinbarkeit von Homeoffice und Kinderbetreuung "weltfremd" nannte und vorschlug, man solle erlauben, dass zwei bis drei Familien feste Betreuungsgemeinschaften bilden.

Wer sein Kind in die Notbetreuung bringt, muss auf jeden Fall Gebühren zahlen. Dies mussten bisher auch alle anderen, doch dafür bietet der Freistaat nun eine Lösung an. Demnach erhalten Träger, die Eltern die Gebühren erlassen, für April bis Juni eine pauschale Entschädigung von insgesamt 170 Millionen Euro, so dass laut Trautner "der überwiegende Teil der Eltern keine Beiträge wird zahlen müssen". Darauf habe man sich mit den großen Trägern verständigt. Ganz kompensieren kann dies die wegfallenden Gebühren bei den Trägern in aller Regel nicht.

© SZ vom 27.04.2020/kbl
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