Inzidenzwerte in Bayern:Gefährlich nah an der verflixten 100

Coronavirus - Landkreis Regen

In Zwiesel wird in zwei Sprachen auf die Maskenpflicht hingewiesen. Der Landkreis Regen gehört immer noch zu den Corona-Hotspots in Bayern.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Kaum sind erste Lockerungen in Kraft, müssen einige Landkreise sie wegen der Inzidenz zurücknehmen. Besonders im Osten Bayerns bleiben die Zahlen hoch. Experten warnen vor einem weiteren Anstieg.

Von Andreas Glas, Matthias Köpf und Christian Sebald

Die nackten Zahlen sprächen dagegen: Mit 112,2 gibt das Robert-Koch-Institut am Mittwoch die Sieben-Tage-Inzidenz für den Landkreis Mühldorf an, im benachbarten Altötting liegt sie bei 112,1. Die Regierung von Oberbayern hat beiden Landkreisen trotzdem erlaubt, ihre Schulen wenigstens noch zwei Tage offen zu halten - den Schülern, Lehrern und Eltern zuliebe, wie es aus Mühldorf heißt.

Alle zusammen zittern sie nun dem Freitag entgegen. Liegt die Inzidenz dann immer noch über 100, müssen die Schüler, die Kindergarten- und die Krippenkinder in der kommenden Woche daheim bleiben, so wie am Mittwoch schon im Kreis Straubing-Bogen und von diesem Donnerstag an in Dingolfing-Landau. Denn die Corona-Karte im Freistaat färbt sich längst wieder in tieferes Rot. Vor allem im Osten, aber nicht nur dort.

Bayernweit reißen laut Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) 20 kreisfreie Städte und Landkreise die Sieben-Tage-Inzidenz von 100, ab der eigentlich keine Lockerungen des bisherigen Lockdowns möglich sind. Das ist mehr als ein Fünftel aller Städte und Landkreise. Zwar liegen die meisten davon an der Grenze zu Tschechien, wo die Pandemie ungleich schlimmer grassiert als in Bayern. Es ist aber auch die mittelfränkische Stadt Fürth darunter.

Weitere fünf Landkreise und Städte sind knapp unter der Hunderter-Grenze oder haben sie wie Mühldorf oder Straubing-Bogen gerade erst wieder gerissen. Auch die Stadt Passau muss am Freitag zu strengeren Kontaktbeschränkungen und einer nächtlichen Ausgangssperre zurückkehren. Nur neun Landkreise und Städte können mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von maximal 35 punkten.

Manches deutet also gerade darauf hin, dass Bayern ein Déjà-vu erlebt. Zur Erinnerung: Als die Pandemie losbrach, war der Freistaat stärker betroffen als andere Bundesländer. Wegen der Nähe zu Italien, wo das Virus anfangs besonders gewütet hat. Und wegen der Nähe zu den Skigebieten in Österreich, Ischgl etwa, anfangs ein Corona-Hotspot. Entsprechend erleichtert und nicht ohne Stolz hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zuletzt bei jeder Gelegenheit den aktuellen Tabellenplatz bei den Inzidenzwerten der einzelnen Bundesländer verkündet.

Die britische Mutante ist in Bayern auf dem Vormarsch

Vor drei Wochen lag Bayern noch auf Platz 13, unter dem Bundesschnitt. Inzwischen? Hat im hessischen Willingen der erste Skilift wieder geöffnet, doch der Freistaat rückt der Spitze der Inzidenzrangliste rasant und bedrohlich nahe. Stand Mittwoch: Platz vier, bayernweite Inzidenz laut RKI 70,5 - über Bundesschnitt. Und wieder dürfte eine wesentliche Ursache in Bayerns Grenzlage zu suchen sein, diesmal eben in der Nähe zu Tschechien.

Noch im März sollen deshalb 100 000 Corona-Impfdosen extra in die Corona-Hotspots an der Grenze zu Tschechien geliefert werden. Das sagte Söder am Mittwoch in München. Damit gebe es mit den schon versprochenen Sonderzuteilungen insgesamt 150 000 Dosen zusätzlich für die von der britischen Virusvariante besonders betroffenen Regionen. 80 Prozent der Neuinfektionen gingen im Landkreis Cham zuletzt auf die britische Mutante zurück, die als deutlich ansteckender gilt als das ursprüngliche Virus und zudem oft zu schwereren Krankheitsverläufen führt. Bei rund 70 Prozent lag der Anteil etwa im Landkreis Regen oder in Tirschenreuth.

Mehrere Landräte und lokale Abgeordnete hatten das Grenzgebiet als "Pufferregion" oder gar als "Bollwerk" gegen eine dritte Welle aus Tschechien empfohlen und Söder dringend um zusätzliche Impfdosen gebeten. Der sprach in dem Zusammenhang nun von einer "echten Perspektive für Ostbayern". Wo nicht gelockert werden könne, müsse mehr immunisiert und geimpft werden. Die Landkreise sollen nach Worten Söders beim Impfen auch etwas freier agieren können. "Die Landkreise sollen weitgehend selbst und flexibel entscheiden können, wer geimpft werden soll. Damit können auch andere Gruppen schneller an die Reihe kommen." Zuvor hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Brüssel mitgeteilt, dass die Hersteller Biontech und Pfizer in den kommenden beiden Wochen vier Millionen Dosen Corona-Impfstoff zusätzlich an die Europäische Union liefern wollen.

In Bayern dürfte die Lage trotzdem noch auf Wochen hinaus angespannt bleiben. "Man muss sich die Kennziffern ansehen", sagt Clemens Wendtner, Professor für Infektiologe am Klinikum München- Schwabing und einer von Söders Pandemie-Beratern. "Dann weiß man, dass wir aller Voraussicht nach kein normales Ostern erleben werden." Tatsächlich steigt die Sieben-Tage-Inzidenz bayernweit schon seit Mitte Februar wieder an, langsam zwar und mit kleinen Schwankungen, dafür aber beharrlich.

"Wir brauchen dringend Regelungen und Konzepte, die es uns ermöglichen, Schulen und Kindertagesstätten stabil offen halten zu können"

Auch der R-Wert, der angibt, wie viele weitere Menschen ein einzelner Corona-Infizierter im Durchschnitt ansteckt, liegt nach wie vor stabil über eins. Das weist ebenfalls darauf hin, dass die Infektionszahlen weiter ansteigen werden. "Der Zug fährt noch zu schnell in die falsche Richtung", sagt Wendtner. "Er muss abgebremst werden, auch wenn das noch harte Wochen werden."

Wendtner hat in der Vergangenheit viel Verständnis für die Sehnsucht der Menschen nach Lockerungen der harten Anti-Corona-Maßnahmen geäußert. Nachdem die Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel unlängst erste Lockerungen ermöglich haben, betont der Mediziner nun, dass es sehr wichtig sei, die "Notbremsen", welche die Politik gegen steigende Infektionszahlen eingezogen hat, "auch wirklich zu ziehen". Nur so könne die Pandemie in Schach gehalten werden, bis endlich die Impfungen beschleunigt werden können.

Und das bedeutet eben, dass die Städte und Landkreise, die die Sieben-Tage-Inzidenz von 100 reißen, schnell zum Distanzunterricht, der Schließung von Kindertagesstätten, zu Beschränkungen für den Einzelhandel und anderen harten Maßnahmen zurückkehren müssen. Bei Landräten wie Max Heimerl in Mühldorf hört sich das anders an: "Wir brauchen dringend Regelungen und Konzepte, die es uns ermöglichen, Schulen und Kindertagesstätten stabil offen halten zu können."

© SZ vom 11.03.2021/lfr
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