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Gesundheitsämter in Bayern:Arbeitsbeginn: acht Uhr morgens - Arbeitsschluss: "Open end"

Zur Entwicklung der Corona-Krise in Sachsen-Anhalt

Die Gesundheitsämter in Bayern bekommen mehr Personal.

(Foto: dpa)

Die Gesundheitsämter sind in der Corona-Krise besonders wichtig, doch vielerorts fehlt geschultes Personal. Nun wird aufgestockt. Und die Bundeswehr hilft auch mit.

Von Anna Günther, Matthias Köpf, Clara Lipkowski und Dietrich Mittler

Die Rettung kommt für den Deggendorfer Landrat Christian Bernreiter (CSU) aus Berlin: Von diesem Montag an verstärkt ein Arzt der Bundeswehr das Deggendorfer Gesundheitsamt - zumindest an zwei Tagen in der Woche. Ermöglicht durch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die bei einer bundesweiten Videokonferenz von Bernreiters Problem erfahren hatte: Mitten in der Corona-Krise verfügt er nicht über genug Amtsärzte. Eine Stelle in Bernreiters Gesundheitsamt ist seit drei Jahren unbesetzt. Hinzu kommen krankheitsbedingte Ausfälle. Die beiden Ärzte in Teilzeit könnten das nicht auffangen. Kein singuläres Problem. Immer wieder heißt es aus Gesundheitsämtern, dass Personal fehlt, dabei sind die Behörden in der Corona-Krise zentrale Stellen, um das Virus zu bekämpfen.

In Würzburg zeigt sich Landrat Thomas Eberth (CSU) sehr zufrieden mit der Personalsituation. Vom Freistaat habe man 40 neue Stellen für das Gesundheitsamt bekommen und alle besetzen können, sagt Eberth. Außer medizinischem Fachpersonal, Ärztinnen und Hygienekontrolleuren wurden 15 sogenannte "Contact Tracer" eingestellt, also Leute, die Kontaktpersonen von Infizierten ermitteln. Universitätsstädte wie Würzburg hätten es leichter, junge Mediziner fürs Gesundheitsamt zu finden, sagt Bernreiter. Er bleibt dabei: "Ohne die Hilfe der Kanzlerin hätte ich auch jetzt niemanden bekommen." Bisher seien all seine Hilferufe an die Bundeswehr abgelehnt worden. Die ist durchaus aktiv in der Krise. Aktuell sind, wie das Landeskommando Bayern mitteilte, im Freistaat 91 Soldatinnen und Soldaten in Landratsämtern im Einsatz. Darunter seien auch sechs Sanitätsstabsoffiziere, also Ärzte.

Hauptfeldwebel Sonja Pfeilschifter gehört zu jenen, die derzeit in einem Gesundheitsamt am Bürgertelefon sitzen, um Anfragen zu beantworten. Einige ihrer Kameraden bereiten wiederum Material für den Corona-Test vor. Arbeitsbeginn ist acht Uhr morgens und was den Arbeitsschluss betrifft, sagt Pfeilschifter stoisch: "Open end." Seit Anfang September geht das nun so. "Als wir hierherkamen", sagt die 49-Jährige, "haben wir nicht gewusst, was auf uns zukommt." Aber dann hätten sie "schnell mitbekommen, was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitsamtes Tag für Tag leisten". "Das ist wirklich heftig", sagt sie.

Die zermürbende Arbeitssituation an vielen Gesundheitsämtern sorgte bereits für manche Schlagzeile - neulich auch mal für eine gute. Nämlich die, dass Klaus Holetschek, der neue Staatssekretär im Gesundheitsministerium, dem Kreis Augsburg zugesagt hatte, das dortige Contact Tracing Team "mit Blick auf die angespannte Personalsituation" um bis zu 44 Helfer aufzustocken. Dabei handele es sich um "geschulte und abrufbereite Mitarbeiter aus der Staatsverwaltung", gab das Gesundheitsministerium bekannt.

Insgesamt 2550 Mitarbeiter aus anderen Bereichen der Staatsverwaltung, so hieß es Anfang August, sollten geschult werden, damit sie als Reservekräfte "bei Bedarf" für die Contact Tracing Teams (CTT) bereitstehen. "Rund zwei Drittel der Kräfte sind bereits geschult und aktivierbar", teilte das Gesundheitsministerium nun mit. Zudem sollten an den Landratsämtern und bei den Regierungen zusätzlich 775 neue Stellen "für einen CTT-Grundstock" geschaffen werden. "Davon waren zum 25. September bereits 580 Stellen besetzt", so das Ministerium weiter. In vier Wochen werde dann kein Posten mehr unbesetzt sein, hieß es.

Landrat Bernreiter sagt, 15 Stellen habe er in Deggendorf schon besetzen können. Aber er verhehlt auch nicht, dass die neuen Mitarbeiter vor Herausforderungen stehen: Die Telefonisten seien vom ersten Tag "ins kalte Wasser geworfen" worden. Und es fehlen Ärzte. Die Ansprechpartner am Bürgertelefon würden oft mit Fragen bestürmt, die sie ohne medizinisches Fachwissen nicht beantworten können. Bernreiter steht deshalb als Landkreistagspräsident mit dem Gesundheitsministerium in Kontakt, um einen Telefondienst mit Amtsärzten zu organisieren, die notfalls anderen Gesundheitsämtern zur Seite stehen.

Wie es zugeht in den Gesundheitsämtern, das erfuhren im Frühjahr neben etlichen Lehrern viele Beamtenanwärter, die auf die 76 bayerischen Gesundheitsämter verteilt wurden, um bei Corona-Patienten die Quarantäne zu überwachen oder Infektionsketten nachzuvollziehen. Florian Köbler, der stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Steuergewerkschaft, erinnert sich gut an Mails, in denen es etwa hieß, die Schulungen hätten nicht verhindert, "dass ich mir immer noch häufig unsicher bin, ob ich alles richtig mache". Die meisten Lehrer sind zurück an ihren Schulen - und die Beamtenanwärter wieder an ihrem Ausbildungsplatz. Was bei manchen zurückbleibt, ist laut Köbler die Erinnerung an zum Teil "chaotische" Tage. Tage, die auch beim Stammpersonal der Gesundheitsämter Spuren hinterlassen haben. Die Mitarbeiter seien "sehr müde", sagt Harald Riedel, Personalreferent der Stadt Nürnberg, der auch für das Gesundheitsamt zuständig ist. Aber es gehe aufwärts, betont er, zusätzlich zu den regulären 116 seien zuletzt etwa 50 neue Stellen besetzt worden. Und man stelle laufend weiter ein.

Das Gesundheitsministerium, das vor kurzem noch aufgrund von Pannen bei der Testung von Urlaubsrückkehrern massiv in der Kritik stand, gibt sich wieder selbstbewusst. "Wir sind mit unseren Ressourcen gut aufgestellt", teilte eine Sprecherin mit. Landesweit stünden im Bedarfsfall für das Contact Tracing 646 Teams zur Verfügung. "Damit ist der für Bayern errechnete Bedarf - nämlich ein fünfköpfiges Team pro 20 000 Einwohner - fast hundertprozentig gedeckt", sagte sie.

Eines jedoch macht stutzig. So wollten etwa die Landratsämter in Garmisch-Partenkirchen und Miesbach nicht auf die Frage eingehen, ob es den jeweiligen Gesundheitsämtern gelinge, die Kontaktpersonen einzelner Infizierter in vertretbarer Zeit nachzuverfolgen und zu benachrichtigen. Auch zur Personalausstattung machten sie keinerlei Angaben. Ruth Waldmann, die gesundheitspolitische Sprecherin der Landtags-SPD, hat deshalb im Plenum nachgefragt: "Warum wurden die Gesundheitsämter vom Referat 53 des Staatsministeriums für Gesundheit angewiesen, einschlägige Medienanfragen nicht zu beantworten?" Eine Antwort soll sie in der kommenden Woche bekommen.

© SZ vom 05.10.2020/vewo/kbl
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