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Wirtschaft im Lockdown:"Es ist hilfreich, aber nicht die Umsatzrakete"

Jetzt online einkaufen.Lieferung nach Hause oder Abholung. Mit neuen Ideen versuchen Händler, die Umsatzeinbussen im Lo

Online bestellen, am Geschäft abholen: Für viele Händler sei das sinnvoll, aber keine "Umsatzrakete", heißt es vom Handelsverband.

(Foto: Winfried Rothermel/imago)

Inhaber kleinerer Geschäfte sind froh, über Click & Collect ihre Ware an die Kundschaft bringen zu können. Ob das allerdings ihre Existenz sichert, ist ungewiss.

Von Florian Fuchs, Augsburg

Ein Einweiser dirigiert die Autos auf eine gelbe, eine rote und eine blaue Linie. Die Fahrer steuern auf einen Parkplatz, schalten den Warnblinker an und warten auf einen Mitarbeiter, der die Bestellnummer abfragt. Der Warnblinker wird abgeschaltet, dann dauert es nur ein paar Minuten, und es klopft am Kofferraum: Der Rollwagen mit den Möbelstücken ist da. Jetzt nur noch alles in den Kofferraum verladen und dann wieder ab nach Hause: Click & Collect bei Ikea in Augsburg läuft reibungslos.

Als den "letzten Strohhalm" für viele Einzelhändler hatte Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) die Möglichkeit bezeichnet, per Telefon oder via Internet Ware vorzubestellen und dann beim Händler abzuholen. Seit zwei Wochen ist diese Form des Einkaufs nun in Bayern trotz Lockdowns erlaubt, die Bilanz sieht zwiegespalten aus: "Es ist hilfreich, aber nicht die Umsatzrakete", sagt etwa Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern. In beratungsintensiven Branchen wie im Modehandel lockt Click & Collect nicht so viele Kunden. Gerade in den Segmenten "Möbel", "Elektro" oder auch "Baumarkt" spült das Einkaufssystem aber dringend benötigtes Geld in die Kassen.

58 000 Einzelhändler gibt es in Bayern, einige von ihnen haben schon vor der Pandemie Click & Collect angeboten und damit bis zu zehn Prozent ihres Umsatzes gemacht. Es ist nun im Lockdown eine Möglichkeit auch für kleine Geschäfte, die keine Homepage und keinen Onlineversand haben, Umsatz zu generieren: Kunden können nicht wie bei großen Häusern nur im Internet bestellen und dann abholen, sondern auch im Laden anrufen und ordern - und sich so sogar beraten lassen, zumindest fernmündlich. Ohlmann vom Handelsverband kritisiert, dass Bayern nur eines von vier Bundesländern war, die Click & Collect nicht gleich zum Start des Lockdowns am 14. Dezember erlaubt hatten: So hätte das für viele Händler so wichtige Weihnachtsgeschäft vielleicht etwas mehr Schwung genommen. Der Handelsverband hofft aber, dass das Angebot nun den Winterschlussverkauf ankurbelt, der am Montag eigentlich starten würde: So hätten Textil-, Sport- und Schuhhandel die Möglichkeit, mehr von ihrer Saisonware abzuverkaufen.

Aber auch Anbietern in Nischensegmenten hilft Click & Collect, um über die Runden zu kommen. Kilian Schumm von Bürsten Nickles in Bamberg etwa berichtet, dass er derzeit ungefähr ein Drittel des normalen Umsatzes macht - allerdings auch durch Internethandel. In Anbetracht der Umstände ist er damit ganz zufrieden. Das Traditionsgeschäft verkauft Bürsten größtenteils im Wert zwischen fünf und 50 Euro. Schumm ist froh, dass die Kunden nun zu ihm kommen können, um Ware abzuholen. Im ersten Lockdown musste er noch nach Hause liefern, die Logistik war deutlich komplizierter und für sein Geschäft auch teurer. "Das ist schon einer große Erleichterung."

Weit weniger zufrieden ist Florian Lipp, Geschäftsführer des Kaufhauses Ried mit Filialen in Weilheim oder auch Penzberg. Auf zwei Prozent des normalen Umsatzes beziffert er den Ertrag aus dem Click & Collect-Geschäft. "Es ist eine Dienstleistung für unsere Kunden, bei denen es gut ankommt. Kaufmännisch betrachtet lohnt es sich nicht." Gerade bei Modeartikeln wolle seine Kundschaft probieren und sich beraten lassen. Haushaltswaren wie Pfannen und Spielwaren dagegen verkauften sich besser. Die Ware wird am Eingang übergeben, mit Maske, im Freien. "Wir haben auch noch Plexiglasscheiben, da kann wirklich nichts passieren", sagt Lipp, der die Schließung des Einzelhandels generell kritisiert. "Uns gibt es seit 180 Jahren, wir werden auch diese Krise überstehen." Bei zahlreichen anderen Ladengeschäften erwarte er allerdings "ein Blutbad". "Da gibt es ganz viele, denen es gar nicht gut geht." Ihm klinge noch die Aussage von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Ohr, der zu Beginn des Winters gesagt hatte, dass die Schließung des Einzelhandels im ersten Lockdown im Frühjahr ein Fehler gewesen sei.

Zumal es Supermärkte gibt, die - wie schon immer - zusätzlich zu ihrem normalen Sortiment etwa Kleidung oder Heimwerkerbedarf verkaufen und so dem Fachhandel Konkurrenz machen. Mischbetriebe, die verschiedene Sortimente im Angebot haben, dürfen ihr Angebot aufrechterhalten und für Kunden öffnen, solange 50 Prozent der Ware aus dem erlaubten Bereich stammt. Die Lebensmittelmarkt-Kette Feneberg im Allgäu hat gerade vor Gericht erstritten, wieder ihr gesamtes Sortiment anzubieten, also auch Küchenartikel, Spielzeug und Sportartikel. Zuvor waren einzelne Regale abgesperrt gewesen. Unter anderem Drogerieketten allerdings, die auf klar abgrenzbarem Raum, etwa einer zweiten Etage, derzeit nicht zum Verkauf erlaubte Ware anbieten, müssen diesen Bereich bis auf Weiteres abgesperrt halten.

Zahlreiche Händler beschweren sich, dass solche Märkte ihnen die Kundschaft für Click & Collect abspenstig machen. Wirtschaftsminister Aiwanger hat die Betreiber von Supermärkten deshalb aufgefordert, nicht das Sortiment geschlossener kleiner Einzelhändler zu bedienen. Er appelliere an die Fairness der Händler untereinander. Die Aufsichtsbehörden würden ein zusätzliches, wachsames Auge auf diese Angelegenheit werfen.

© SZ vom 25.01.2021/vewo/van
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