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Studie zum Verkehr:So hat Corona die Mobilität in Bayern verändert

Radfahrer in München

Die Corona-Pandemie hat die Mobilität in Bayern verändert: Zu den Gewinnern zählt aktuell das Fahrrad.

(Foto: dpa)

Bayerns Busse und Bahnen haben in der Pandemie besonders viele Fahrgäste verloren - das zeigen nun aktuelle Zahlen. An Beliebtheit hat allerdings nicht nur das Fahrrad gewonnen.

Von Maximilian Gerl

Die vielleicht wichtigste Botschaft aus Sicht bayerischer Verkehrsbetriebe hat die zuständige Ministerin mit einem Ausrufezeichen versehen. "Der ÖPNV ist sicher!", teilt Kerstin Schreyer (CSU) am Mittwoch mit und meint das Risiko, sich in der Bahn mit dem Coronavirus zu infizieren. Die Zahlen, die Schreyer allerdings im Gepäck hat, könnten den Unternehmen trotzdem in den Ohren klingeln. Denn Bayerns öffentliche Verkehrsmittel wurden zuletzt ein Drittel weniger genutzt, so das Ergebnis einer Umfrage, die das Verkehrsministerium in Auftrag gegeben hat. Und: 27 Prozent der Befragten wollen das auch nach der Corona-Pandemie beibehalten und seltener in Busse, Tram- und U-Bahnen einsteigen. "Corona ändert nachhaltig die Art und Weise, wie wir unterwegs sind", bilanziert Schreyer.

Für manche Verkehrsunternehmen könnten damit auf schwere Zeiten schwere folgen. Schon vor der Pandemie wandelte sich ja der Mobilitätssektor; Fortbewegen soll klimafreundlicher, der ÖPNV daher ausgebaut und attraktiver werden. Doch ausgerechnet den hat die Pandemie hart erwischt. Fahrgäste bleiben weg. Bei den einen sind im Home-Office tägliche Wege weggefallen, die anderen fürchten, sich trotz Maskenpflicht bei Mitreisenden anzustecken.

Das lässt sich auch aus der aktuellen Studie ablesen. Für die hat das Infas-Institut für angewandte Sozialwissenschaften im April bayernweit 1554 Personen ab 18 Jahren online befragt. Deren Mobilität hat sich durch die Corona-Pandemie im Vergleich zu früher insgesamt und unabhängig vom Verkehrsmittel verringert. Besonders groß fällt das Minus aber bei den öffentlichen Verkehrsmitteln aus. 35 Prozent der Befragten gaben an, seltener bis gar nicht mehr mit Bus, Tram oder U-Bahn zu fahren. Gleiches sagten nur 21 Prozent über Auto und Motorrad.

Auch in der Gruppe der ÖPNV-Stammkunden - also jenen, die in der Regel viel Geld für Tickets ausgeben - fiel der Rückgang überdurchschnittlich aus. Von ihnen nutzt rund die Hälfte öffentliche Verkehrsmittel im Zuge der Pandemie seltener oder nicht mehr.

Letzteres läuft den politischen Plänen entgegen. Man wolle ja "nicht nur zu den bisherigen Passagierzahlen zurück", sagt Schreyer, "sondern noch mehr Menschen für den ÖPNV begeistern". Immerhin, auch das zeigt die Studie: Wer jetzt Bus und Bahn meidet, ist nicht dafür verloren. In der Umfrage gab eine Mehrheit der Befragten an, die Öffentlichen künftig wieder häufiger nutzen zu wollen.

Allerdings unter Bedingungen. 80 Prozent der Befragten wünschen sich günstigere Fahrpreise und 79 Prozent attraktive Verbindungen und verkürzte Reisezeiten. Die Umsetzung von Hygienekonzepten ist für 77 Prozent wichtig, die Einhaltung von Abstandsregeln für 72 Prozent. Wünsche, die man teils schon vor Corona gehört hat und die Schreyer ernst nehmen will: Man habe "den klaren Auftrag, den Menschen, die mit Bus und Bahn unterwegs sein wollen, ein sehr gutes Angebot zu machen. Dazu kommt dann die Frage der Kosten."

Diese Kostenfrage dürfte in der Tat spannend werden. Für Verkehrsverbünde stellen Ticketverkäufe und die finanzielle Unterstützung durch ihre Kommunen die wichtigsten Einnahmequellen dar. Aber Fahrscheine werden in der Corona-Krise weniger verkauft und die Kommunen leiden selbst unter Einnahmenschwund. Erst am Dienstag verschickte die Gewerkschaft Verdi deshalb einen "Brandbrief" an die Bundesregierung, zu den Unterzeichnern zählen auch 29 Betriebsräte bayerischer Verkehrsunternehmen. Schon jetzt würden einige Kommunen darüber nachdenken, beim ÖPNV zu sparen und Tarife zu erhöhen, heißt es in dem Schreiben. Daher müsse die Finanzierung des ÖPNV dringend "auf neue Beine" gestellt werden: Benötigt würden langfristig zusätzliche Steuermittel der Länder und des Bundes.

Bis Sommer nächsten Jahres will das Verkehrsministerium eine "Strategie zur Stärkung und Weiterentwicklung des ÖPNV" aufstellen. Einige Maßnahmen laufen schon. So haben inzwischen mehrere bayerische Verkehrsverbünde mit Hilfe des Freistaats 365-Euro-Jahrestickets für Schüler eingeführt. Auch ein landesweit gültiges E-Ticket - buchbar per Smartphone und von der Opposition lange gefordert - ist geplant.

Doch Bayerns ÖPNV startet mit Rückstand in die Aufholjagd um mehr Fahrgäste: Nicht nur hat er in der Krise die meisten Passagiere verloren, teils hat die Konkurrenz sogar neue Fans gewonnen. In der Umfrage gaben 19 Prozent der Befragten an, mehr als früher mit dem Auto unterwegs zu sein. 14 Prozent wollen den Pkw auch nach Corona häufiger nutzen, nur elf Prozent seltener. Ähnlich sehen die Zahlen beim Fahrrad aus. Größter Krisengewinner aber sind die eigenen zwei Beine. Laut Umfrage waren 26 Prozent der Befragten zuletzt häufiger ausschließlich zu Fuß unterwegs. Und 21 Prozent wollen auch nach Corona öfter mal spazieren gehen.

© SZ/mmo, van
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