Debatte um Osterurlaub:Innenminister Herrmann: Inlandstourismus ist "vorstellbar"

Debatte um Osterurlaub: Gedränge an den Schiffen im Fränkischen Seenland? Zurzeit schwer vorstellbar. Touristiker hoffen auf baldige Lockerungen.

Gedränge an den Schiffen im Fränkischen Seenland? Zurzeit schwer vorstellbar. Touristiker hoffen auf baldige Lockerungen.

(Foto: Peter Dörfel/Tourismusmarketing)

Reisen im Inland an Ostern könnten durchaus möglich sein, so Bayerns Innenminister. Auch Gastronomen und Hoteliers wollen endlich wieder öffnen, ihre Forderungen werden forscher.

Von Florian Fuchs und Clara Lipkowski, Nürnberg/Augsburg

Gut sechs Wochen sind es noch bis Ostern und in die Diskussion darüber, ob und wie Besuche bei Verwandten dann möglich sein werden, hat sich nun der bayerische Innenminister eingeschaltet - und Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer widersprochen, der Osterurlaub verneint hatte. "Das kann ich nicht nachvollziehen", sagte Joachim Herrmann (CSU) am Dienstag bei einer Pressekonferenz. "Durchaus vorstellbar" sei Inlandstourismus, wenn Infektionen und Sterberate zurückgingen und mehr geimpft werde. "Unsere Zielmarke ist landesweit ein Inzidenzwert von 35." Das Fränkische Seenland liege mit einer Inzidenz von 22 Corona-Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen pro 100 000 Einwohner aktuell bereits darunter.

Entscheidungen über weitere Anti-Corona-Maßnahmen oder deren Lockerungen werden bei der nächsten Ministerpräsidenten-Konferenz am 3. März erwartet. Bis dahin könnte sich deutlicher zeigen, wie schnell sich die Virus-Mutanten verbreiten. Klar sei aber, sagte Herrmann, dass die Frage, was Menschen in der Freizeit tun, wann sie wieder in ein Gasthaus könnten, nicht "irgendeiner der letzten Punkte" sei, sondern "vorne mit anstehe".

Dass das Coronavirus der Gastronomie und dem Hotelgewerbe in Bayern massiv schadet, ist kein Geheimnis; das untermauern nun Zahlen für 2020. Herrmann stellte Zahlen für Franken vor. Er war bis Ende 2020 Vorsitzender des dortigen Tourismusverbands. Herrmann zufolge kamen 2020 im Vergleich zu 2019 48,9 Prozent weniger Touristen nach Franken. Deutlich ist das Minus (41,8 Prozent) auch bei der Zahl der Übernachtungen, diese sank von 23 Millionen auf rund 13,3 Millionen - auf das Niveau von 1986. Gut laufende Phasen wie der Januar und der Februar oder der Sommer konnten den Ausfall in den Lockdown-Zeiten nicht auffangen. Besonders getroffen sind Städte wie Nürnberg. Dort bleiben neben Urlaubsreisenden auch Geschäftsreisende weg, die etwa Messen besuchen.

Politiker in Tourismusorten fürchten, dass die Gäste anderswo buchen

Vehement fordern Hoteliers nun Lockerungen für das normalerweise umsatzstarke Ostern. Die müssten zudem bald kommuniziert werden, damit Gäste noch Zeit haben zu buchen. "Die Infektionszahlen sinken und spätestens ab einer landesweiten Sieben-Tage-Inzidenz von 50 wird sich die Frage der Verhältnismäßigkeit stellen", sagt Angela Inselkammer, Präsidentin des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga in Bayern. Die Dehoga fordert einen "klaren zeitlichen Fahrplan" von der Politik. Sollten also Urlaube und Restaurantbesuche wieder möglich sein, auch wenn dadurch das Risiko steigt, dass sich mehr Menschen infizieren? Dagegen wehrt sich die Dehoga, verweist auf Hygienekonzepte wie Abstandhalten, Schutzscheiben, Maskenpflicht, wenn man in Cafés den Tisch verlässt. Ein erhöhtes Infektionsrisiko in der Gastronomie gebe es nicht, sagt ein Sprecher der Dehoga, das habe auch der Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, festgestellt. Außerdem steige das Infektionsrisiko, wenn Gäste notgedrungen ins Ausland, nach Österreich oder Südtirol auswichen, wo es an Konzepten fehle.

Auch in der Alpenregion fordern die großen Tourismusorte "mit fester Überzeugung und großem Nachdruck" eine Öffnung zu Ostern 2021, wie es in einem Brandbrief an Ministerpräsident Markus Söder (CSU) heißt. Am liebsten natürlich noch früher, sagt Klaus King, Bürgermeister von Oberstdorf. Er kommt aus dem Unterzeichnen von Brandbriefen kaum noch heraus: Einen hat er mit Skibetrieben aus fünf Bundesländern an die Kanzlerin geschickt, einen anderen mit den Bürgermeisterkollegen aus dem Allgäu verfasst. Die neueste Werbung für den Osterurlaub an Söder hat King mit den Bürgermeistern von Berchtesgaden, Ramsau, Bischofswiesen, Garmisch-Partenkirchen und unter anderem der Gemeinde Schönau am Königssee unterschrieben. Sie alle fürchten, abgehängt zu werden: "Je später eine Öffnung erfolgt, desto gefährdeter wird die ohnehin schon angespannte, schwierige wirtschaftliche Situation in den touristisch geprägten Alpenregionen."

Wie sehr diese Orte von einer Öffnung abhängen, zeigt der touristische Bruttoumsatz 2019 in der "Region Bergerlebnis Berchtesgaden" von 338 Millionen Euro. In einer ähnlichen Größenordnung liegt auch Garmisch-Partenkirchen. Im vergangenen Sommer, schreiben die Bürgermeister, hätten große Teile der Umsatzeinbrüche aus dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 ausgeglichen werden können. Das ausgefallene Weihnachtsgeschäft jedoch trifft die Orte hart, alleine in Oberstdorf stehen 16 000 Gästebetten zur Verfügung, zwei Drittel davon bei nichtgewerblichen Privatvermietern oder Ferienwohnungsbesitzern - also mitnichten nur in der professionellen Hotellerie. Trotz großer Einbußen, heißt es in dem Brief an Söder, erhalten diese Betriebe im Lockdown keine finanziellen Hilfen. Zudem seien die Aussichten trübe: Die Buchungslage für den Sommer sei schlecht, die Leute wollten wegen mangelnder Planungssicherheit nicht reservieren. "Sollten touristische Destinationen außerhalb Bayerns in der unmittelbaren Umgebung früher wiedereröffnen", riskiere man auch eine Abwanderung von Fachpersonal in andere Regionen. Und die Bürgermeister bringen einen weiteren Aspekt ins Spiel: Die Hygienekonzepte könnten durch detaillierte Abwasseranalysen aller touristischen Regionen erweitert werden - um die Virenverbreitung besser nachzuvollziehen. Dafür jedoch wäre Unterstützung nötig: Die Kosten dafür solle die Landesregierung übernehmen.

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