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Wirtschaft in Corona-Zeiten:Vier Wochen miese Stimmung

Coronavirus - Nürnberg

Mit Flatterband sind Tische und Stühle eines Biergartens in Nürnberg abgesperrt. Seit Wochenbeginn gelten neue Corona-Einschränkungen.

(Foto: dpa)

Der Teil-Lockdown trifft nicht nur die Gastronomie hart, sondern auch zahlreiche andere Branchen - eine Umfrage unter Bayerns Unternehmern.

Von Maximilian Gerl

Die Aussichten sind trübe: Seit Beginn der Corona-Krise macht der Bund der Selbständigen regelmäßig Umfragen unter seinen bayerischen Mitgliedern, das Ergebnis der jüngsten fällt in einem Punkt besonders pessimistisch aus. Nur 47 Prozent der befragten Unternehmer bewerteten die kommenden drei Monate als "möglicherweise positiv". Und das war das Ergebnis, bevor der Teil-Lockdown amtlich wurde. "Die Stimmung dürfte nicht besser geworden sein", sagt daher Verbandssprecher Thomas Perzl aus Anfrage.

Das könnte noch zurückhaltend formuliert sein. Der Zeitraum ist zu kurz, um die wirtschaftlichen Auswirkungen des seit einer Woche geltenden Teil-Lockdowns in Zahlen pressen zu können. Klar ist aber, dass viele bayerische Betriebe nach dem Lockdown im Frühling gerade die nächsten harten Wochen durchmachen. Statt die Einbußen der Vormonate aufzuholen, geht es plötzlich darum, neue möglichst zu vermeiden. Selbst für diejenigen, die weiterhin arbeiten können. Entsprechend angespannt wirkt die Stimmung, nahezu branchenübergreifend. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft rief in einem offenen Brief bereits zum Zusammenhalt auf und dazu, alle "Anstrengungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie" zu intensivieren. "Die nächsten vier Wochen sind entscheidend. Auch diejenigen Bereiche der Wirtschaft, die nicht von den Schließungen betroffen sind, können jetzt einen zusätzlichen Beitrag leisten."

Dass es grundsätzlich Einschränkungen brauche, um die Infektionszahlen zu begrenzen - darin scheinen sich so gut wie alle Verbände und Kammern einig zu sein. Und viele Ökonomen. Wer die Gesellschaft vor einer Überlastung des Gesundheitssystems schützt, schützt auch die Wirtschaft vor einem Kollaps. Jedoch weisen so gut wie alle Verbände und Kammern ebenso regelmäßig darauf hin, dass die Einschränkungen verhältnismäßig sein müssten. Nicht verhältnismäßig finden diese derzeit bekanntlich die meisten Gastronomen und Hoteliers. Erstere dürfen nur Speisen zum Mitnehmen anbieten, letztere nur für Geschäftsreisende öffnen, sofern es welche gibt. Viele haben das Gefühl, als eine Art Sündenbock herhalten zu müssen; was verständlich ist und trotzdem der komplexen Lage unzureichend gerecht wird.

Die Einschränkungen der einen bekommen auch die anderen zu spüren. Zu diesen gehörten etwa Messebauerinnen, Metzger, Brauerinnen und Weinküfer, sagt Alexander Tauscher, Sprecher des Bayerischen Handwerkstags. Manch andere Bereiche seien dagegen weitgehend verschont geblieben. Wobei sich natürlich viele Menschen die Frage stellten, ob sie sich jetzt einen Handwerker rufen oder lieber auf bessere Zeiten warten sollten.

Die besseren Zeiten wären theoretisch für den Handel gekommen. Ein Fünftel ihres Umsatzes erwirtschaftet die Branche zwischen Anfang November und Heiligabend. Anders als im Frühjahr dürfen Geschäfte Kunden weiter physisch empfangen. Begeistert seien die meisten dennoch nicht, sagt Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern. Er schätzt, dass die Kundenfrequenz in den Großstädten um 30 bis 50 Prozent gesunken sei. Das liege unter anderem am Fehlen von Gastronomie, Touristen und Veranstaltungen. In kleineren Städten sei die Lage etwas besser. Immerhin: Ans Shoppen mit Maske hätten sich die meisten Kunden gewöhnt. "Wir hoffen, dass sich die Lage normalisiert."

Doch was passiert, wenn sie das nicht tut? Viel wird davon abhängen, dass die angekündigten Hilfen schnell bei Betroffenen ankommen. Wer jedoch offen hat und trotzdem zu wenig erwirtschaftet, um hilfsberechtigt zu sein, könnte am Ende durchs Raster fallen, befürchtet Perzl vom Bund der Selbständigen: "Wir müssen auch an diese Menschen denken." Und: "Wir brauchen Szenarien", verschiedene Modelle, wie es nach November weitergehen könnte, je nach Infektionsgeschehen. Natürlich dürfe man den Leuten nichts Falsches suggerieren. Aber "im luftleeren Raum" dürfe man sie auch nicht hängen lassen.

Zumindest in der Industrie standen die Zeichen zuletzt etwas besser. Dem Autobau etwa kommt entgegen, dass sich der chinesische Markt stabilisiert. Insgesamt hätten sich in der Industrie die Erwartungen zwar etwas eingetrübt, meldete das Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo am Freitag. "Generell plant jedoch eine Mehrzahl der Branchen ihre Produktion auszuweiten." Zu sehr verlassen sollte man sich freilich darauf nicht, das hat dieses Corona-Jahr gezeigt: Die Aussichten können schnell wechseln.

© SZ vom 09.11.2020/infu
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