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Coronavirus in Bayern:"Katastrophale Zustände" in den Testzentren

Coronavirus - Corona-Test

Nach dem Ärger um die Verzögerungen bei den Corona-Tests werden nun Zweifel an der Qualifikation der Mitarbeiter in den Testzentren laut.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Studenten, Türsteher und Security-Leute nehmen Abstriche vor. Die Freien Wähler zeigen sich besorgt über solche Berichte von unzureichend geschultem Personal. Das Gesundheitsministerium weist Kritik zurück.

Von Johann Osel, Lisa Schnell und Christian Sebald

Nur eine kurze Einweisung und dann sollen Türsteher einen Corona-Abstrich machen, Studenten wissen, wie sie Schutzkleidung tragen sollen. Nach wiederholten Pannen bei Corona-Testzentren an Flughäfen, Bahnhöfen und Raststätten in Bayern wird zunehmend Kritik am eingesetzten Personal und an den Hygienebedingungen bei den Abstrichen laut. Auch in den Regierungsfraktionen ist das inzwischen angekommen. Wie Fabian Mehring, der parlamentarische Geschäftsführer der Freien Wähler, auf Anfrage bestätigt, seien ihm von Landräten und Rettungsorganisationen Berichte über fragwürdige Abläufe zugetragen worden.

Telefonisch und per Brief habe er sich an Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) gewandt. Es sei "eine ambitionierte Aufgabe, innerhalb weniger Tage eine solche Infrastruktur aufzubauen", betont Mehring, der sich keineswegs gegen den Koalitionspartner stellen will. Wenn man aber das Credo "Testen, testen, testen" ausgebe, hinter dem er stehe, müsse es auch funktionieren. Zudem müsse "klargestellt sein, dass die Testzentren ausreichend kontrolliert werden". Stimmen aus ehrenamtlichen Organisationen sowie von Mitarbeitern in Zentren bestätigen den Eindruck von oft unzureichender Fachkunde.

Seit etwa einem Monat reißen die negativen Schlagzeilen rund um die Testzentren nicht ab. Anfang August waren es die Verzögerungen: 44 000 Reiserückkehrer mussten tagelang auf ihr Ergebnis warten, 900 von ihnen waren positiv und steckten womöglich andere an. Trotzdem informierte Gesundheitsministerin Huml die Öffentlichkeit nicht sofort. Auch jetzt noch gibt es Verzögerungen, vergangene Woche teilte das Ministerium mit, dass 10 000 Menschen länger als versprochen auf ihr Ergebnis warten mussten, hauptsächlich an den Flughäfen. Jetzt kommt zu den Problemen um Wartezeiten der nächste Ärger hinzu: Es häufen sich Hinweise, dass Mitarbeiter tätig sind, die nicht entsprechend medizinisch geschult sind. Sie würden damit sich selbst, Reisende, aber auch die Richtigkeit der Testergebnisse gefährden.

Die Vergabeunterlagen des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) sehen zur Abstrichnahme vor, dass das Personal entweder medizinisch vorgebildet oder von einem Arzt geschult wird. Wie eine solche Einweisung auszusehen hat, auch zeitlich, ist nicht geregelt. Mehring wünscht sich eine Präzisierung; ebenso dazu, dass laut Arbeitsschutzverordnungen das Covid-19-Virus Schutzstufe drei hat - und damit eigentlich ausschließlich Fachpersonal zugelassen wäre.

Von "katastrophalen Zuständen" im Testzentrum am Münchner Flughafen berichtet eine Person mit Einblick in die Abläufe. Die Einweisung dauere "gute zehn Minuten", sagt sie der SZ. Die so Geschulten, vom Kaufmann und Studenten bis zum Ungelernten, dürften dann alles machen, Abstrich wie Datenerhebung. Neulich habe ein frisch geschulter Kollege anderthalb Flugzeuge mit Abstrichen versorgt - "der war völlig überfordert". Zu sehen sei immer wieder ein "Rumfuchteln" mit Abstrichstäbchen; so könne kein zuverlässiges Ergebnis entstehen. Einen Oberarzt gebe es zwar, der sei aber für alle vier Stationen im Airport zuständig und nicht immer präsent. Häufig tauchten zudem neue "Chefs" auf, in der Regel aus Nordmazedonien (wo der Dienstleister sehr aktiv ist), ohne Deutschkenntnisse oder Verständnis für deutsches Arbeitsrecht. "Die Reisenden verlassen sich auf die Tests, die brauchen ihn ja für ihre Arbeitgeber. Man schämt sich direkt, ihnen in die Augen zu schauen bei dem Tohuwabohu dahinter".

Schon bevor die privaten Anbieter Ecolog (Flughäfen) und Eurofins (Bahnhöfe und Raststätten) die Teststationen übernahmen, hatte das Bayerische Rote Kreuz (BRK) Bedenken geäußert, ob denn genügend geschultes Personal zu finden sei. Es könne viel schiefgehen, hieß es Anfang August. Das BRK setzte daher nur Mitarbeiter ein, die mindestens eine Ausbildung als Sanitäter hatten. Sie mussten für etwa eine Woche einspringen, weil die Privatanbieter nicht genügend Mitarbeiter fanden. Eurofins zum Beispiel suchte bis zuletzt noch Medizinstudenten übers Radio.

Augenscheinlich fand man nicht genügend solche Kräfte. An Testzentren arbeiteten Studenten oder Security-Leute und Bühnentechniker, heißt es aus Hilfsorganisationen. Also Personal, das derzeit gut anzuheuern sei, weil etwa keine Konzerte stattfinden. "In einer Zeit, wo wir um jede Stelle in der Pflege kämpfen, findest du nicht zusätzliches Personal, das sich für elf Euro die Stunde auf die Straße stellt", sagt einer, der mit vielen Hilfsorganisationen in engem Kontakt ist.

Abstriche seien ein "Delegieren ärztlicher Maßnahmen", erklärt ein Insider im Behördenbereich. Getestete gingen davon aus, "dass ihr Gegenüber irgendwie eine Fachperson ist". Über eine kurze Unterweisung könne das nicht geschehen, es entstünden medizinische wie ethische Folgen. Medizinische, da es für den Abstrich im hinteren Rachenraum "Gespür" brauche, "es reicht nicht, irgendwo in der Backentasche herumzufahren". Wenn an einer Station zehn Bürger diese fröhlich verließen, dürfe man von unsachgemäßer Praxis ausgehen - da von zehn Leuten mindestens einer Würgereize haben müsste. Die ethische Frage sei, ob Reisende wüssten, dass der Abstrichnehmer "eigentlich in der Disco an der Tür steht".

Eine Anfrage der SZ bei Ecolog blieb am Montag unbeantwortet, Eurofins verwies auf das LGL. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums wies die Kritik zurück. Die Betreiber der Testzentren seien verpflichtet, für die Abstriche ausreichend Ärzte zu beschäftigen. Sollte kein Mediziner dafür vorhanden sein, müsse ausreichend fachkundiges, entsprechend geschultes und eingewiesenes Personal eingesetzt werden. In der Vergangenheit habe es mehrmals unangekündigte Kontrollen gegeben - und zwar ohne Hinweise auf "strukturelle Mängel". Wenn "Auffälligkeiten" festgestellt worden seien, dann seien diese sofort bewertet und bei den Verantwortlichen angesprochen worden, um sie zu beheben.

© SZ vom 08.09.2020/kafe/cat
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