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Folgen von Corona:Sterblichkeit in Bayern deutlich gestiegen

Seit Ende Oktober liegt die Zahl der Verstorbenen zwischen sechs und 18 Prozent über dem Vorjahreszeitraum. Innenminister Joachim Herrmann rechnet damit, dass sich die Lage mit der zweiten Welle noch verschärft.

Von Christian Sebald

Innenminister Joachim Herrmann (CSU) erwartet im Zuge der Corona-Pandemie eine deutliche Übersterblichkeit in Bayern. Das sagte er am Montag anlässlich der Vorstellung des Statistischen Jahrbuchs am Landesamt für Statistik in Fürth. Seit Ende Oktober liegen demnach die Sterbezahlen in Bayern pro Kalenderwoche zwischen sechs und 18 Prozent über denen der jeweiligen Vorjahreszeiträume. "Und sie werden noch weiter nach oben gehen", sagte Herrmann. Der Hintergrund: Die Zahlen des Landesamts zeigen sehr klar, dass die Sterbezahlen schon in der ersten Corona-Welle im Frühjahr in Hotspots wie in Tirschenreuth und der Region Rosenheim stark nach oben geschnellt sind.

In Bayern sterben laut statistischem Landesamt pro Jahr zwischen 120 000 und 135 000 Menschen. Die Schwankungsbreite liegt also im fünfstelligen Bereich und ist vergleichsweise groß. Die Gründe dafür sind vielfältig. So hat die Schwankungsbreite mit der Witterung zu tun, in heißen Sommern sterben deutlich mehr Menschen als in kühlen. Ein anderer Faktor sind Krankheitswellen wie die Grippewelle 2018, die im März 2018 binnen Wochenfrist mehr als 3000 Menschen das Leben gekostet hat.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Sterbezahl der ersten neun Monate 2020 gar nicht so sehr von der des gleichen Zeitraums 2019. Und zwar auch nicht in der Altersgruppe ab 65 Jahren, für die eine Corona-Infektion besonders gefährlich ist. Die Zahl der Toten in dieser Altersgruppe ist von Januar bis September 2020 mit 88 840 um 2552 höher als im Vorjahreszeitraum 2019 (86 288 Tote). Damit liegt sie innerhalb der langjährigen Schwankungsbreite. Dennoch führen die Statistiker das Plus auf die erste Corona-Welle zurück.

Der Grund wird klar, wenn man sich die Sterbezahlen in der Altersgruppe ab 65 in der ersten Corona-Welle in einzelnen Hotspots ansieht und sie mit dem Vorjahreszeitraum vergleicht. Als Beispielmonat dient der April. Er war der Höhepunkt der ersten Corona-Welle. Im Landkreis Tirschenreuth, den die Pandemie seinerzeit am härtesten von ganz Deutschland getroffen hat, starben diesen April 151 Menschen, die 65 Jahre alt und älter waren. Der Mittelwert für die Todesfälle dieser Altersgruppe in der Region im April der vier Vorjahre betrug 65,8. Die Steigerungsrate beträgt also gut 85 Todesfälle oder 129,7 Prozent. "Dieser extreme Ausschlag fällt so eindeutig mit dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle zusammen, dass er nur mit der Pandemie zu tun haben kann", sagt ein Sprecher des statistischen Landesamts.

Ein anderes Beispiel ist die Region Rosenheim, die ebenfalls hart von der ersten Corona-Welle getroffen worden ist. In der Stadt Rosenheim starben in den Jahren 2016 bis 2019 im April im Durchschnitt 36,3 Menschen, die 65 Jahre alt und älter waren. In diesem April waren es 54 Menschen. Das Plus beträgt 18 Menschen oder 49 Prozent. Im Landkreis Rosenheim fällt die Statistik sehr viel eindeutiger aus. Hier betrug das statistische Mittel im April der vergangenen vier Jahre 179,3 Todesfälle. Diesen April waren es 345 Todesfälle, also 165,7 Todesfälle oder 92 Prozent mehr.

Sogar in München, das im April nicht zu den bayerischen Hotspots zählte, schlug die erste Corona-Welle auf die Todeszahlen durch. In der Landeshauptstadt beträgt in der Gruppe der Über-65-Jährigen das vierjährige Mittel im April 756,8 Tote. In diesem April starben in der Altersgruppe 958 Menschen - also 201 Menschen oder 26,6 Prozent mehr. In ganz Bayern betrug die Übersterblichkeit im April 2219 Todesfälle oder 24 Prozent.

Die Zahlen des Landesamts für Statistik ergänzen eindrucksvoll den aktuellen Corona-Bericht des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Danach gehörten 5487 der bisher 5694 Menschen in Bayern, die an oder mit einer Corona-Infektion gestorben sind, der Altersgruppe ab 60 an. Das sind mehr als 96 Prozent der bisherigen Corona-Toten. Besonders intensiv grassiert die Pandemie bei den Über-80-Jährigen. Die Sieben-Tages-Inzidenz - also die Quote der Corona-Infizierten je 100 000 Einwohner in der zurückliegenden Woche - beträgt 385. Sie ist mehr als eineinhalb Mal so hoch wie die bayernweite Sieben-Tages-Inzidenz (218). Innenminister Herrmann geht denn auch davon aus, dass sich die zweite Corona-Welle deutlich stärker auf die Sterbezahlen durchschlägt als die erste.

Die Pandemie macht sich aber auch bei der Entwicklung der Einwohnerzahlen bemerkbar. So ist die Bevölkerung in den Jahren 2016 bis 2019 zwischen Januar und September im Durchschnitt jährlich um 0,5 Prozent oder gut 58 000 Personen gewachsen. Dieses Jahr brach das Wachstum komplett ein. Die Zunahme beträgt 11 293 Personen oder lediglich 0,1 Prozent. Der Einbruch lässt sich auf die deutlich geringeren Wanderungsbewegungen während der Corona-Pandemie zurückführen. Die Zahl der Zuzüge von Bayern und die Zahl der Fortzüge liegt seit April deutlich unter den Vergleichswerten der Vorjahre. Der Rückgang zeigt sich besonders in den Großstädten München, Nürnberg und Augsburg. Von Januar bis September 2019 verzeichneten die Städte einen Wanderungsgewinn von zusammen 8266 Zuzüglern. In den ersten neun Monaten dieses Jahres mussten sie dagegen einen Wanderungsverlust von 7724 Menschen hinnehmen.

Auch auf die Zahl der Eheschließungen hat die Pandemie deutliche Auswirkungen. Vor allem nach dem ersten Lockdown Ende März fanden deutlich weniger Hochzeiten statt als in den Vorjahren. So gab es im April 2020 nur 2589 Eheschließungen. In den Jahren 2016 bis 2019 waren es durchschnittlich 4456. Das Minus beträgt 42 Prozent. Erst seit Ende August haben sich die Zahlen wieder etwas normalisiert. Sie lagen aber auch im September noch acht Prozent unter den Werten der Vorjahre. Dagegen ist noch unklar, wie sich die Corona-Pandemie auf die Zahl der Geburten auswirkt. Dies wird sich - naturgemäß - erst in einigen Monaten zeigen.

© SZ vom 22.12.2020/syn
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