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Mitten in Bayern:Virusgleiches diffuses Geschehen

Derzeit macht eine sprachliche Formel regelrecht Karriere. Wo sie ihren Anfang nahm? Nichts Gewisses weiß man nicht

Glosse von Matthias Köpf

So eine erste Annäherung ist natürlich sehr persönlich, denn die Suchmaschine weiß über die Suchenden vermutlich noch besser Bescheid als über das Gesuchte. Trotzdem haben sicherlich alle, die bei Google "diffuses Geschehen" eintippen, eine ziemlich gute Chance, als automatische Ergänzung das Wort "Bedeutung" vorgeschlagen zu bekommen. Ganz offenkundig wissen also auch viele andere Eintipper nicht, was das denn eigentlich genau heißen soll, das ihnen da landauf, landab aus allen Hotspots entgegen begründet wird. Die Bedeutung entspricht dem Geschehen: etwas unklar.

In Bayern scheint das alles im Berchtesgadener Land begonnen zu haben. Warum gerade dort die zweite Corona-Welle schon Mitte Oktober so hochgeschwappt ist, dass ein lokaler Lockdown verhängt wurde? "Diffuses Geschehen", lautete die Antwort von Landrat Bernhard Kern, zu dessen alltäglichem Sprachgebrauch die Formel davor eher nicht gehört hatte. Kurz nach dem Berchtesgadener Land war das Infektionsgeschehen dann auch im Landkreis Rottal-Inn diffus, und von da an diffundierte die Formel virusgleich durchs ganze Land. Passau? Diffuses Geschehen. Nürnberg? Da auch, natürlich.

Dabei klingt schon das "Geschehen" ein bisschen gestrig. "Diffus" ist sogar Latein, und das war ja vorgestern. Dafür hört sich was Lateinisches ziemlich wissenschaftlich an. Für einen Landrat oder Oberbürgermeister ist das günstig, weil es gleich viel vertrauenswürdiger klingt als "Keine Ahnung" oder was mit "blassem Schimmer". Nicht einmal die volksnah-bairische doppelte Verneinung empfiehlt sich da gerade. Denn "Nichts Gewisses weiß man nicht" hieße ja dann fast, dass man es schon gleich zweimal nicht weiß, wo das alles wieder herkommt.

Wo dieses pandemische Reden vom diffusen Geschehen herkommt, ist aber auch unklar. Sicherlich würde ein von der Bundeswehr unterstütztes Contact Tracing ergeben, dass der Berchtesgadener Landrat doch nicht der allererste war, der die Wendung verbreitet hat. Wahrscheinlich hat ihm irgendein Gesundheitsbürokrat die Formulierung vorgeschlagen, dem dafür der Corona-Zuschlag gleich wieder gestrichen gehört. Diffus sind neben dem Geschehen übrigens vor allem noch das Unbehagen und ähnliche Gefühle. Aber immerhin auch das Licht.

© SZ vom 03.12.2020/van
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