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Bildung in Bayern:Schulen bleiben offen, Abstriche beim Lehrplan möglich

Piazolo informiert über Ergebnisse von Schulgipfel

Minister Michael Piazolo zeigt viel Verständnis für die Schüler und Schülerinnen, die wegen Corona keinen normalen Unterricht haben.

(Foto: dpa)

Ungeachtet steigender Corona-Zahlen soll es selbst in Hotspots weiter Präsenzunterricht geben. Lehrer können entscheiden, ob sie den Stoff kürzen. Wie der Strategiewechsel der Staatsregierung aussieht.

Von Johann Osel und Paula L. Trautmann

Nun also doch Transparenz - und dann gleich das große Programm samt Statement des Ministerpräsidenten am Donnerstagmorgen in der Staatskanzlei und anschließend eine Pressekonferenz des Kultusministers. Zum virtuellen Schulgipfel mit den Politikern am Mittwoch, der die gereizte Stimmung unter Eltern, Lehrern und Schülern wegen der Corona-Bildungspolitik dimmen sollte, hatte es noch geheißen: kein Pressetermin, es sei ein "reines Arbeitstreffen". Dass aber der Schulalltag, der so viele Bürger betrifft, schnell ein Reizthema wird und Offenheit erfordert - diese Erkenntnis reifte dann offensichtlich erst noch. Und ebenso erkannte die Staatsregierung, dass die Ankündigungen beim Arbeitstreffen durchaus Neuigkeitswert haben und deshalb noch einmal klar erläutert werden müssen.

Konkret geht es um den Schulbetrieb bei steigenden Infektionszahlen sowie den Druck durch Lehrpläne und Prüfungen in dieser schwierigen Zeit. Ungeachtet der Inzidenzzahlen soll es an Bayerns Schulen zunächst keine automatischen Schulschließungen geben; selbst in Hotspots sollen die Schulen nicht zumachen oder auf einen Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht umstellen, außer ein lokales Gesundheitsamt entscheidet dies etwa wegen vieler Fälle von Quarantäne. Mit dieser Maßgabe im Rücken sollen es die Lehrer aktuell nicht mit Tests übertreiben und nicht eilig Klausuren durchdrücken, bevor ihre Schule womöglich schließt.

Zudem sollen sie Einschnitte in den Lehrplan vornehmen können. Letzteres wird von der Regierung goutiert, aber nicht zentral vorgeschrieben. Es soll vielmehr individuell umgesetzt werden. Der Diskurs darüber, was wegfallen dürfe, würde so solange dauern, dass die Corona-Krise bis dahin vorüber sei, hört man in Regierungskreisen.

Beide Neuigkeiten sind nicht unumstritten, die Ansichten dazu aber divers. Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), hatte auf dem Gipfel die Devise vertreten: "So viel Unterricht live wie möglich." Und die Idee, Druck abzufedern, aber nicht via Lehrplanänderung, sondern passgenau - weil jede Schule akut andere Rahmenbedingungen habe. Sie kann sich bestätigt fühlen. Elternvertreter hatten dagegen eine Mischung aus Präsenz- und Online-Unterricht vorgeschlagen - und verbindliche Abmachungen für weniger Leistungsdruck. "Wie gerecht kann das System sonst sein, mit Blick auf die Vergleichbarkeit von Übertrittszeugnissen nach der vierten Klasse?", fragte Martin Löwe, Chef des Bayerischen Elternverbands. Auch andere Bildungsgewerkschaften und Teile der Opposition im Landtag traten für bayernweite Rahmenvorgaben dazu ein. Zumindest eines bestätigen Teilnehmer des Gipfels: Die Stimmung sei gut gewesen, recht "konstruktiv". Zuletzt hatten harsche Brandbriefe, etwa von Eltern, viel Aufsehen erregt.

Darin ging es auch um technische Ausstattung. Hier gibt es jetzt Bewegung: Die Schulen sollen mit CO₂-Ampeln ausgestattet werden, teilte das Ministerium mit. Diese zeigen an, wann ein Raum gelüftet werden muss. Luftreinigungsgeräte soll es wegen unterschiedlicher Bedingungen nur dann geben, wenn in Klassenräumen nicht ausreichend gelüftet werden kann. Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) machte am Donnerstag mehrmals deutlich: "Das ist kein normales Schuljahr." Der ursprüngliche Stufenplan gilt nicht mehr, die Vorgaben zum Infektionsschutz sind überholt. Daher sei ein Strategiewechsel nötig: Auch wenn die Corona-Zahlen steigen, sollen die Schulen unbedingt geöffnet bleiben. Das sei verbunden "mit großem Organisationsaufwand und auch ständig wandelnden Herausforderungen". Diese aber nehme "die ganze Schulfamilie" an. Die Maskenpflicht auf dem Schulgelände und im Unterricht soll einheitlich beibehalten werden. Das sei der Preis, um die Schulen offen zu halten. Im Einzelfall könnten Gesundheitsämter Ausnahmen machen.

Das "Prinzip Fairness" wolle man hochhalten, Leistungserhebungen müssten angepasst werden. "Corona macht Druck, Corona macht Stress", sagte Piazolo. Ministerpräsident Markus Söder stellte klar: Es gehe darum "keinen zusätzlichen Leistungsdruck" aufzubauen, wie etwa durch einen Prüfungsmarathon. Dass Lehrer individuell Stoff reduzieren, sei ihnen anzuvertrauen. Versetzungen wolle man "großzügiger handhaben". Insgesamt: ein "faires Schuljahr" - dieser Begriff soll am Mittwoch beim Gipfel sehr häufig gefallen sein. Und wie geht es weiter? Dass die Kommunikation zuletzt nicht gerade ideal lief, war auch Thema beim Gipfel. Der Kultusminister solle sich mehr an Schulen zeigen, die Mitteilungen des Ministeriums sollten verständlicher verfasst werden - und nicht wie Bulletins für Experten. Darauf angesprochen betonte Piazolo, dass derlei Schreiben oft Rechtsqualität haben müssten. Er gestand aber ein, dass dies die Texte zuweilen schwer lesbar mache. Und nahm es mit Humor: Vielleicht werde man, "diejenigen, die bei uns im Ministerium die Texte schreiben, und einige Kriminalautoren in einen Workshop zusammenbinden - und schauen was rauskommt".

© SZ vom 06.11.2020/van

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