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Gesundheit:Warnung vor dem Pflege-Kollaps

Corona-Bonuszahlungen in der Altenpflege

In vielen Alten- und Pflegeheimen geht derzeit die Angst um, dass unter den Bewohnern die schwere Lungenkrankheit Covid-19 ausbricht.

(Foto: Tom Weller/dpa)

Die zweite Corona-Welle bricht mit voller Wucht über Heime und Krankenhäuser herein. Das Personal ist nach den belastenden Erfahrungen der vergangenen Monate schon jetzt am Limit.

Von Dietrich Mittler

Angst, Zweifel, Schuldgefühle, Hoffnung - in den zurückliegenden sechs Monaten glich Selma Lindhofers Innenleben einer Achterbahnfahrt. Lindhofer (Name geändert) arbeitet als Pflegekraft in einem ostbayerischen Alten- und Pflegeheim. Sie hatte sich mit dem Erreger Sars-CoV-2 infiziert - so wie zahlreiche Heimbewohner und viele ihrer Kolleginnen und Kollegen. Und nun das: Bayern erlebt gerade die zweite Corona-Welle. "Wir Pflegekräfte schieben hier wirklich alle Panik, dass es wieder Bewohner treffen könnte", sagt sie. Angst vor dem ersten Fall, Angst vor dem Arbeitsdruck, der nun erneut ins Unermessliche zu steigen droht. Augenblicklich geht es vielen Pflegekräften in Bayern so wie Selma Lindhofer.

Auf dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle war den Pflegekräften auch in Bayern viel Applaus gespendet worden - insbesondere von der Politik. Da hieß es, man werde die schlimmen Erfahrungen berücksichtigen, um die Rahmenbedingungen in der Pflege zu verbessern. Georg Sigl-Lehner, Heimleiter und Präsident der Vereinigung der Pflegenden in Bayern, gibt sich trotz der Versprechungen keinen Illusionen hin: "Bei vielen Kolleginnen und Kollegen hat sich der Eindruck verfestigt, dass die zahlreichen Äußerungen zur Systemrelevanz der Pflegeberufe nicht mehr als reine Lippenbekenntnisse waren." Seit der ersten Welle der Pandemie sei wertvolle Zeit "schlicht vertan" worden. "Unter diesen Umständen werden Pflegekräfte die Belastungen nicht mehr schultern können und wollen", warnt Sigl-Lehner.

Leere Worte eines Verbandspräsidenten? Clara Witscher - auch ihr Name wurde geändert - arbeitet in einem oberbayerischen Klinikum als Pflegeteamleiterin in der Notfallambulanz. "Die Bereitschaft, sich noch voll einzusetzen, sich aufzuopfern, ist nicht mehr da", sagt sie. In Teambesprechungen hätten ihr gerade erst wieder Teilzeitkräfte mitgeteilt: "Ich werde meine Stunden nicht mehr erhöhen." Witscher, der als Chefin dadurch bald schon dringend benötigte Kräfte wegbrechen, hat dennoch Verständnis für ihre Kolleginnen und Kollegen, die nicht noch einmal über die persönliche Belastungsgrenze hinaus zur Verfügung stehen können und wollen. "Trotz ihres hohen Einsatzes bekamen sie von der oberen Führungsriege immer nur noch mehr Druck zu spüren", sagt sie. Wertschätzung? "Fehlanzeige", sagt Witscher. Als Teamleiterin gehe es ihr aber nicht nur um die Wertschätzung seitens des Managements. "Ich will nicht, dass meine Leute durch den Arbeitsdruck krank werden", sagt sie. Aktuell hätten sich vier Kolleginnen und Kollegen krank gemeldet. "Das mag sich erst einmal nach wenigen Krankmeldungen anhören, aber wenn mir im Nachtdienst zwei Leute fehlen, muss ich bereits Bereiche schließen."

Witscher weiß ihren Missmut unter Kontrolle zu halten, aber dann bricht es doch aus ihr heraus: "In unserem Haus reißen sich die Pflegekräfte wortwörtlich den Arsch auf, und dann müssen sie auch noch um die Infektionszulage betteln." Wie in der Ambulanz die Arbeit noch zu bewältigen ist, wenn die zweite Corona-Welle an Wucht zulegt, weiß sie nicht. Was sie jetzt schon beobachtet: "Wie bereits bei der ersten Welle halten sich die Patienten zurück, gleich ins Krankenhaus zu gehen. Und wenn sie dann endlich doch zu uns kommen, sind sie schwer krank."

Verbandspräsident warnt: Triage könnte kommen

Verbandspräsident Georg Sigl-Lehner wagt indes eine Prognose - eine düstere wohlgemerkt: "Wenn jetzt nicht unmittelbar gehandelt wird, werden sehr schnell unzählige Kliniken und Pflegeeinrichtungen kollabieren." Offensichtlich aber fehle der Politik der Mut, grundsätzliche Reformen in der Pflege anzustoßen, "Maßnahmen zu ergreifen, die das System als solches betreffen." Und in diese Kritik schließe er bewusst auch Ministerpräsident Markus Söder (CSU) als bayerischen Regierungschef mit ein. Und noch einmal wagt Sigl-Lehner eine Prognose. Eine, die sogar noch düsterer klingt als seine erste: "Die Triage, also die Auswahl, welche Patienten noch welche Behandlung erhalten, will keiner. Aber sie kann kommen", sagt er auf Nachfrage am Telefon. Aus dem Gesundheitsministerium hieß es am Mittwoch, es seien bereits Maßnahmen getroffen worden, bei akuten Versorgungsengpässen die Patientenströme umzuleiten. Das wirke "Überlastungen" - vor allem des Klinikpersonals - entgegen.

Hans-Joachim Bürgel, Stationsleiter in einer der sechs bayerischen Universitätskliniken, steht indes bereits jetzt vor der Frage, inwieweit sein tägliches Tun noch mit seinem Berufsethos übereinstimmt. Zu groß ist die Zahl der Covid-19-Patienten, die derzeit im Klinikum aufgenommen werden müssen. "Ich muss augenblicklich zurückstecken - vor allem, was die persönliche Zuwendung für die Patienten betrifft", sagt Bürgel, der nicht unter seinem richtigen Namen zitiert werden will. Um Betten für die Corona-Patienten frei zu bekommen, werden seit Tagen Stationen geräumt, für die Intensivbehandlung von Covid-19-Fällen umgerüstet. "Teams werden wild gemischt, für die Intensivpflege qualifizierte Leute von heute auf morgen umverteilt", sagt Bürgel. "Wir wurden regelrecht überrollt."

Verstörte Angehörigen mal in den Arm zu nehmen, zu trösten, all das falle augenblicklich weg - Covid-19 geschuldet. "Und auch damit müssen wir fertig werden", sagt Bürgel - ganz abgesehen von der körperlichen Belastung, die durch das ununterbrochene Tragen von Masken oder gar von undurchlässiger Schutzkleidung mit sich bringt. Hinzu komme, dass erneut laut darüber nachgedacht werde, auch in Bayern die Arbeitszeitregelungen für Krankenhäuser wieder vorübergehend auszusetzen. Für Pflegekräfte liefe das auf eine Arbeitszeiterhöhung von acht auf zwölf Stunden hinaus. Bürgel prophezeit, dass etliche Pflegekräfte in den kommenden Wochen der Belastung nicht mehr standhalten können und krank werden. Das Schlimme aber sei: "Wir haben kein Back-up-Personal mehr, um krankheitsbedingte Lücken zu füllen."

© SZ vom 12.11.2020/van/aner
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