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Schule und Corona:Schlechtes Zeugnis für die Schulpolitik

Unterricht am Gymnasium

Ob nach den Sommerferien der Regelbetrieb für alle Kinder in Bayern wieder aufgenommen werden kann, ist derzeit noch unklar.

(Foto: dpa)

Bayerns Gymnasialeltern kritisieren Kultusminister Piazolo für sein Vorgehen in der Corona-Krise. Sie fordern zudem eine "klare Strategie" für den Schulbetrieb nach den Sommerferien.

Von Anna Günther

Klassenziel nicht erreicht, im Zeugnis ist diese Formulierung fatal für jeden Schüler. Sitzengeblieben! Geht es nach den bayerischen Gymnasialeltern kommt Kultusminister Michael Piazolo (FW) sogar schlechter weg: Die "Anstrengungen der bayerischen Bildungspolitik", die Schulen in Corona-Zeiten "umfassend handlungsfähig zu halten, haben ihr Ziel weit verfehlt", urteilte die Landeselternvereinigung Gymnasien (LEV) am Montag.

Das "beweise" eine neue LEV-Umfrage, an der sich 13 900 Menschen beteiligt hatten. Ein Drittel gibt an, dass ihre Kinder den Corona-Schulbetrieb der vergangenen vier Monate nicht gut überstanden haben. Die Hälfte glaubt, dass die Kinder weniger oder kein Wissen erworben haben und viele fürchten, dass es im Herbst so weitergeht.

"Das ist keine Lehrerschelte", sagt LEV-Chefin Susanne Arndt, das sei ihr wichtig. Viele Lehrerverbände hatten zuletzt über Anfeindungen geklagt. Bei der LEV-Umfrage hatten sich 60 Prozent der Befragten von den Pädagogen "gut versorgt" gefühlt. "Trotzdem haben viele Eltern Angst, dass ihr Kind auf der Strecke bleibt", sagt Arndt.

Die Eltern fordern daher von Kultusminister Piazolo eine "klare Strategie" für den Schulbetrieb nach den Ferien. Zwar hatte er Ende Juni Szenarien fürs neue Schuljahr vorgestellt, wonach im Idealfall der Regelbetrieb für alle Kinder klappe und bei Infektionen in einer Klasse oder lokalen Hotspots digitaler "Distanzunterricht" im Wechsel mit Kleingruppen in der Schule gelten soll. Bei einer zweiten Welle würden alle Schulen geschlossen. Aber detaillierte Konzepte liegen nicht vor. Kultus- und Gesundheitsministerium arbeiten daran.

Während die Süddeutsche Gesellschaft der Kinder- und Jugendmedizin wie der Philologenverband ein Konzept für den Regelunterricht im Herbst fordern, wollen Eltern klare Regeln fürs digitale Distanzlernen. Zwar sagt auch die LEV, dass der Regelbetrieb vorzuziehen sei, aber Arndt hält das für eher unwahrscheinlich. Und Eltern fürchten, dass sich ohne klare Vorgaben die Unterschiede beim Digitalbetrieb der 430 Gymnasien fortsetzen. Das Spektrum nennt die LEV-Chefin "von wunderbar bis Katastrophe".

"Wenn die Rahmenbedingungen vorgegeben wären, müssten die Schulen folgen, aber es kommt ja nicht einmal eine Dienstanweisung, dass jeder Lehrer eine E-Mail-Adresse haben muss", sagt Arndt. Es könne nicht sein, dass jede Schule selbst mit dem Sachaufwandsträger, also Kommune oder Kreis, über die Ausstattung verhandeln müsse. Von Zwang aber hält der Kultusminister nichts, er überlässt die Details Schulleitern und Lehrern.

Die Schulen könnten die Chancengleichheit der Kinder nicht gewährleisten, findet Arndt und fordert leistungsfähiges Wlan, Livestreams und digitale Plattformen, mit denen die Lehrer umgehen können, sowie Geräte für bedürftige Schüler. Zudem müsse Piazolo mehr Lehrer einstellen und die Förderstunden zum Lückenschließen zusätzlich bereitstellen statt wie geplant aus dem üblichen Stundenbudget. Immerhin: Mehr Personal könnte am Gymnasium klappen. 1450 zusätzliche Stellen sind fürs neue G 9 eingeplant. An anderen Schularten sieht es schlechter aus, weil Lehrer fehlen, und Schulleiter bangen bereits, wie es gehen soll, wenn sich Lehrer aus Angst vor Ansteckung krankschreiben lassen.

Dass Piazolo und Ministerpräsident Markus Söder betonen, kein Kind müsse "aufgrund von Corona" sitzen bleiben, beruhigt die Eltern nicht. Arndt nennt die Ankündigung der Politiker "leichtfertig" und "trügerisch". Zumal sich viele Lehrer nun verpflichtet fühlen, jeden Schüler durchzuwinken - und den Aufschrei fürchten, falls schlechte Schüler im Dezember trotzdem wiederholen müssen.

© SZ vom 14.07.2020/kafe
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