Kinderbetreuung in Bayern:Kita trotz Schniefnase - was jetzt gilt

Kindertagesstätte

Die Abstandsregeln sind in der Kinderbetreuung kaum einzuhalten.

(Foto: dpa)

Die Staatsregierung kommt dem Wunsch vieler Eltern entgegen: Vom 1. September an dürfen auch Kinder mit leichtem Schnupfen in die Kita und werden nicht mehr sofort heimgeschickt. Gewerkschaften und Träger sind skeptisch.

Von Anna Günther

Ob jenseits der Stille Zufriedenheit herrscht oder Erschöpfung nach den Corona-Monaten, ist kurz vor Beginn des neuen Kindergartenjahres kaum auszumachen. Vor zwei Wochen gab Sozialministerin Carolina Trautner (CSU) den neuen Rahmen-Hygieneplan für Bayerns Kindertagesstätten bekannt. Reaktionen von Kleinkind-Eltern waren seither kaum zu vernehmen. Auch beim Bayerischen Elternverband herrscht Funkstille, dort interpretiert man das als Zeichen der Zufriedenheit mit Trautners neuen Regeln. Die Staatsregierung kommt den Eltern mit dem ersehnten Regelbetrieb entgegen und nimmt vielen eine große Sorge: Vom 1. September an dürfen auch Kinder mit leichten Schniefnasen in die Kita gehen und werden nicht mehr sofort heimgeschickt.

Der Corona-Alltag soll für die Kinder so normal wie möglich sein. Mit einem Ampelsystem werden die neuen Regeln je nach Infektionsgeschehen in drei Stufen - grün, gelb, rot - verschärft. Liegt eine Stadt oder Region in der Sieben-Tage-Inzidenz unter 35 Infizierten pro 100 000 Einwohner, gelten kaum Einschränkungen. Die Kinder müssen zwar häufig Händewaschen, dürfen aber unabhängig von Gruppengrenzen mit ihren Freunden spielen.

Für Erzieher gelten die üblichen Hygieneregeln mit Händewaschen, Abstand und Masken, etwa wenn sie Eltern oder Lieferanten begegnen. Eltern müssen Masken tragen, wenn sie die Kinder bringen und abholen. Steigen die Infektionszahlen über 35 an, müssen Erzieher Alltagsmasken tragen und wieder feste Kindergruppen bilden, um Infektionen nachvollziehen zu können. Aber Schniefnasen-Kinder dürfen sogar in die Kita gehen, wenn das Gesundheitsamt eine Region mit mehr als 50 Infizierten zum Hotspot deklariert - sofern sie einen negativen Corona-Test vorzeigen.

Die Schniefnasen-Frage hatte vor den Sommerferien große Aufregung bei Kleinkind-Eltern ausgelöst: Viele schrieben verzweifelte Briefe, einige organisierten Schniefnasen-Demos. Zwar waren die bayerischen Kitas seit Juli wieder für alle 590 000 Kitakinder geöffnet, aber im "eingeschränkten Regelbetrieb" mussten Erzieher die Kinder aus Sorge vor Corona schon bei leicht laufenden Nasen heimschicken.

Ob die Rotznasen wegen Gräserpollen, Erkältung oder Covid-19 laufen, können Erzieherinnen nicht unterscheiden. Weil aber kleine Kinder Nähe und Mimik ihrer Erzieher brauchen, sind Abstand oder Masken in Kitas nicht denkbar. Das Sozialministerium verordnete erhöhte Vorsicht. Die Eltern fürchteten die Erkältungssaison aus Angst, den Job zu verlieren, wenn sie wieder ständig daheim bleiben müssen, weil Kinder nicht betreut werden.

Trautner will die Eltern stärker in die Pflicht nehmen

"Wir haben versucht, dass nun jeder Familie und Beruf unter einen Hut bringen kann und nicht bei kleinsten Symptomen das Kind daheim lassen muss", sagt Sozialministerin Trautner. Aber sie will Eltern stärker in die Pflicht nehmen: Corona-Tests sind für kleine Kinder schmerzhaft und sollten nur im Ernstfall durchgeführt werden. Also müssen Eltern morgens beim Bringen versichern, dass die Kinder gesund sind, keinen Kontakt zu Infizierten hatten oder im Risikogebiet waren. "Es geht nicht nur ums eigene Kind, sondern auch um die Beschäftigten und die anderen Familien. Wird das Virus eingeschleppt, muss die Kita zwei Wochen schließen", sagt Trautner. Mit einem Ministeriumsschreiben sollen Kitas alle Eltern informieren und sich das quittieren lassen.

Dass der Regelbetrieb lange funktionieren wird, bezweifeln Gewerkschaften und Kita-Träger allerdings. "Wenn wir Pech haben, gelten sehr schnell wieder Einschränkungen", sagt Anja Preuster. Die Chefin des Traunsteiner Mütterzentrums glaubt, dass Reiserückkehrer die Infektionszahlen weiter in die Höhe treiben und bald wieder strikte Regeln wie starre Gruppen mit festen Betreuern gelten. Für die Erzieher der drei Mütterzentrums-Kitas sei das "unglaublich anstrengend" gewesen, weil sie sich nicht helfen durften.

"Die Eltern erwarten ab September einen Regelbetrieb, den es so nicht geben kann", sagt auch Georg Falterbaum, Caritasdirektor der Erzdiözese München und Freising. Das Ministerium müsse besser aufklären, denn schon in der zweiten, gelben Stufe gelten Einschränkungen. Die sind im Informationsschreiben aber nicht erläutert. Falterbaum kritisiert zudem, dass verschnupfte, hustende Kinder ohne Corona-Test in die Kita dürfen. Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist der Arbeitsschutz durch die "aufgeweichten" Schniefnasen-Regeln nicht gewährleistet. Eltern hätten schon früher Kinder "krank in die Einrichtungen gebracht", Erzieher "belogen" und ausgetrickst, sagt Gewerkschaftssekretär Mario Schwandt und fordert Luftreinigungsanlagen für mehr Sicherheit.

Dass die Stille trügerisch war, wird klar, als sich schließlich die Organisatoren einiger Schniefnasen-Demos äußern: Sie kritisieren Trautners Regeln scharf und fordern einen "politischen Prioritätenwechsel". Für die Initiative "Familien in der Krise" sind die Hygiene-Regeln "unverhältnismäßig streng" und gefährden "das Recht der Kinder auf Bildung und Teilhabe". Dass Erzieher in Stufe Zwei Masken tragen müssen, sei ein "massiver Eingriff", der "elementare Grundbausteine kindlichen Lernens" verhindere. Das Ministerium müsse sich davon "distanzieren".

© SZ vom 31.08.2020/vewo
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