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Pandemie:Von 27. Dezember an wird in Bayern gegen Corona geimpft

Impfung

Zu Beginn wird der Impfstoff nicht für alle Personen aus Risikogruppen in Bayern reichen.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Zuerst geht es in den Alten- und Pflegeheimen los, doch selbst dort wird es nicht gleich für alle reichen. Mit welchem Anteil an Impfdosen der Freistaat nun rechnen kann.

Von Dietrich Mittler

Harald Brendtner hat viele Menschen an Corona leiden gesehen. Sein Heim in Nordbayern gehörte im Frühjahr mit zu den ersten, in denen das Virus Sars-CoV-2 reihenweise alte, pflegebedürftige Menschen befiel. Brendtner (Name geändert) sah Menschen sterben. "Da waren auch zwei Heimbewohner dabei, die mit Sicherheit noch leben würden, wenn sie Corona nicht gehabt hätten", sagt er. An keinem Heimleiter gehe so etwas spurlos vorbei, aber über seine Bewältigungsstrategien wolle er jetzt nicht reden. Was ihm etwas Frieden gibt: "Es sind nie Vorwürfe oder Beschuldigungen von Angehörigen gekommen." Brendtner kennt natürlich die neuesten Nachrichten: Heimbewohner und Hochbetagte werden demnächst zuerst geimpft. Er verspüre "eine gewisse Hoffnung", sagt er nüchtern.

Menschen, die derzeit in der Corona-Krise so wie Harald Brendtner Verantwortung zu tragen haben, mussten lernen, ohne große Emotionen an die Probleme heranzugehen und auf ungeahnte Komplikationen gefasst zu sein. Euphorie ist da fehl am Platz. "Die Menge des Impfstoffs, der in der ersten Tranche ausgeliefert wird, ist voraussichtlich sehr begrenzt", heißt es in einem aktuellen Schreiben des bayerischen Gesundheitsministeriums, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Das deckt sich mit der Aussage, die Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) bereits vor Wochen getroffen hatte: "Klar ist - der Impfstoff wird nicht sofort flächendeckend für die gesamte Bevölkerung zur Verfügung stehen." Immerhin heißt es im vorliegenden ministeriellen Schreiben aber, es sei "damit zu rechnen, dass weitere Impfstoffe wöchentlich geliefert werden". Landkreise und kreisfreie Städte seien gefordert, "zeitnah geeignete Einrichtungen und Personen auszuwählen", damit die verfügbaren Impfdosen jene Menschen erreichen, die sie am dringendsten benötigen. Auch sollten die Behörden jetzt rasch "entsprechende Termine für Impfungen" vereinbaren.

Christian Bernreiter (CSU), Landrat des niederbayerischen Kreises Deggendorf, hat bereits Nägel mit Köpfen gemacht. "Bei uns geht es am 27. Dezember los, sonntagmorgens", sagt er. Die in Frage kommenden Einrichtungen wurden schon vor Tagen aufgefordert, dem Landratsamt bis spätestens Heiligabend mitzuteilen, "wer in den Heimen tatsächlich impfwillig ist". Auch sollen sie gleich die entsprechende Dokumentation - etwa die Pflegedoku oder den Anamnesebogen - vorbereiten. "Uns werden am 27. Dezember gleichzeitig vier mobile Impfteams zur Verfügung stehen. Die legen sofort los, sobald der bereits aufgetaute Impfstoff in Kühlboxen bereitsteht", sagt Thomas Kindel, der im Landratsamt Deggendorf für Sicherheit und Ordnung und zugleich auch für die bevorstehende Impfkampagne verantwortlich ist.

Kindel, der sich bereits bei zurückliegenden Hochwasserkatastrophen wie jener von 2013 und bei der Schneekatastrophe im Jahr 2006 bewähren musste, ist ein Mann, der auf vieles gefasst ist. Das, was sich am Freitagmorgen ereignete, erstaunte aber auch ihn: "Nachdem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn seine Impfstrategie verkündet hatte, sind bei uns im Amt die Leitungen binnen Sekunden zusammengebrochen", sagt er. Jeder wolle sich jetzt impfen lassen. "Und jeder hat Angst, das zu verpassen", so Kindel.

Nicht alle, die altersbedingt zur Risikogruppe gehören, wollen sich impfen lassen

Kindels Chef, Landrat Bernreiter, hat schon im Kopf grob durchkalkuliert, mit wie viel Impfstoff Bayern und speziell sein Landkreis rechnen kann. "Es ist positiv, dass das Impfen jetzt losgeht", sagt er vorweg. Aber so sein Rechenbeispiel: "Sollte Deutschland am Anfang 400 000 Impfdosen bekommen, dann erhält Bayern davon nach dem Königsteiner Schlüssel 15,7 Prozent - sind ungefähr 60 000 Impfdosen." Weiter runtergerechnet auf Niederbayerns Bevölkerung hieße das: "Niederbayern wird anfangs Pi mal Daumen 6000 Dosen bekommen, und der Kreis Deggendorf folglich 600, die in vier Tagen verimpft werden müssen."

"Das ist kein großer Aufschlag", sagt Bernreiter. Was ihm durch den Kopf geht, beschäftigt derzeit viele Landräte - denn eines steht fest: Trotz Priorisierung wird die erste Charge des Impfstoffs nicht ausreichen, alle Personen aus der von Bundesgesundheitsminister Spahn genannten Gruppe "der besonders Verwundbaren" zu impfen. Was man aber in die Berechnungen mit einbeziehen müsse - auch wenn es zynisch klingt: "Bei den vielen Corona-Ausbrüchen, die wir derzeit haben, wird sich die Zahl jener reduzieren, die man tatsächlich impfen kann", hieß es aus einem der Landratsämter. Klar sei auch: Längst nicht alle, die altersbedingt zur Risikogruppe gehören, wollten sich impfen lassen.

Kein Wunder also, dass am Freitag aus Sicht der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) "in Bezug auf die Priorisierung sowie die Einladung der zu impfenden Personenkreise" noch Fragen unbeantwortet blieben. Daher sei es augenblicklich auch nicht möglich, langfristig Dienstpläne aufzustellen, welche Ärzte nun beim Impfeinsatz berücksichtigt werden können. Mehr als 6000 Mediziner sind mittlerweile einem Aufruf der KVB gefolgt, sich mit ihrer Expertise in den Impfzentren oder in den mobilen Impfteams einzubringen. Zwar ist, wie der KVB-Vorstandsvorsitzende Wolfgang Krombholz sagt, der entsprechende Vertrag mit dem bayerischen Gesundheitsministerium unter Dach und Fach.

Aber: Die Landkreise und kreisfreien Städte sind nicht an diesen Vertrag gebunden. Sie haben den Betrieb der Impfzentren also auch an medizinische Dienstleister wie etwa Unternehmer aus dem Bereich Rettungsdienst und Krankentransport vergeben. "Nur ein Drittel der Landkreise arbeitet mit uns zusammen, ein Drittel mit Dienstleistern, und ein Drittel hat sich noch nicht entschieden", sagt Krombholz. Offen bleibt also, ob tatsächlich alle Ärzte, die ihre Hilfe angeboten haben, zum Einsatz kommen werden.

Heimleiter Harald Brendtner hat im Augenblick für solche Probleme gar keine Zeit, muss er doch auch dafür sorgen, dass jetzt die per Verordnung geforderten Corona-Tests für seine Mitarbeiter ohne Probleme stattfinden können. Was die Corona-Impfungen betrifft, hat er gehört, dass sein Heim unter den ersten sein wird. Da weiß er augenblicklich mehr als viele andere Einrichtungsleiter. Für die gilt nun, im Rennen um den Impfstoff rasch die geforderten Unterlagen einzureichen. Aus einem der Landratsämter hieß es dazu lapidar: "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst."

© SZ vom 19.12.2020/mmo
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