Corona-Impfung:Die Letzten wollen die Ersten sein

Corona-Impfung: Eigentlich ist die Reihenfolge geregelt, vor allem über 80-Jährige werden derzeit bevorzugt geimpft. Immer wieder aber kriegen auch deutlich jüngere Politiker den Schutz - wie im fränkischen Gunzenhausen.

Eigentlich ist die Reihenfolge geregelt, vor allem über 80-Jährige werden derzeit bevorzugt geimpft. Immer wieder aber kriegen auch deutlich jüngere Politiker den Schutz - wie im fränkischen Gunzenhausen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Immer wieder werden Menschen geimpft, die nach der Priorisierung noch gar nicht an der Reihe sind. Besondere Aufregung gibt es gerade um den Fall des Bürgermeisters von Gunzenhausen - doch der ist sich keiner Schuld bewusst.

Von Thomas Balbierer, Elena Kolb und Clara Lipkowski

Die Meldungen mehren sich: Aus vielen Teilen Bayerns ist zu hören, dass sich offenbar immer wieder Menschen beim Impfen vordrängeln. Politikern wurde der Vorwurf schon gemacht, dem Bischof von Augsburg und sogar Mitarbeitern im Gefängnis von Landshut. Eigentlich gibt es klare Regeln, wer wann geimpft wird, die Bundesregierung gibt diese auf Empfehlung der Ständigen Impfkommission vor. Oft ist die Begründung der Impflinge, sie hätten übrig gebliebenen Impfstoff erhalten, der sonst verdorben wäre. In der mittelfränkischen Stadt Gunzenhausen schlägt ein solcher Fall derzeit besonders hohe Wellen.

Bürgermeister Karl-Heinz Fitz - mit 59 Jahren zählt er nicht zur ersten Gruppe auf der Impf-Prioritätenliste - hat in einem Pflegeheim bereits Ende Januar seine erste Impfung erhalten. Er sei davon ausgegangen, dass bei Impfungen in einem Heim Impfstoff übrig geblieben sei, teilte er daraufhin mit. Da die Kritik an dem Fall nicht abriss, nahm der Bürgermeister erneut Stellung, mittlerweile hat sich das Landratsamt, das das Impfteam entsandt hatte, mit einer Gegendarstellung eingeschaltet, die Sache geriet zur Posse.

Versucht man die unterschiedlichen Angaben zum Impftag am 31. Januar zu entschlüsseln, zeigt sich: Eigentlich sollten an dem Tag 66 Menschen, denen der Schutz zustand, geimpft werden. Folgt man schriftlichen Antworten des Bürgermeisters habe das Team aber 70 Dosen dabei gehabt. Dem widerspricht das Landratsamt Weißenburg-Gunzenhausen. Für die angemeldeten 66 Impflinge seien elf Fläschchen zu je sechs Dosen mitgebracht worden. Vor Ort habe das Team erfahren, dass nun doch 70 Personen zu impfen seien.

Weiter vom Bürgermeister heißt es, für die vier übrigen Dosen habe der Heimleiter Nachrücker, darunter auch den Bürgermeister, informiert. Dann aber habe sich plötzlich ergeben, dass Impfstoff und Impflinge doch aufgehe, heißt es aus dem Bürgermeisteramt. Die Nachrücker seien da aber schon verständigt gewesen und daher sei, statt ihnen abzusagen, weiterer Impfstoff für diese geordert worden. Das Landratsamt stellt es so dar: "Dem Impfteam wurde angegeben, dass es sich um weitere impfberechtigte Personen des Heimes handelt", teilt Sprecherin Claudia Wagner mit. So viel Klarheit immerhin gibt es am Donnerstag: Die Nachbestellung sei nicht nötig gewesen, räumt Rathaussprecherin Ingeborg Herrmann ein. Sie sei aber ohne Wissen des Bürgermeisters erfolgt. Wer also ist verantwortlich für die Impfung? Der Bürgermeister zeigt auf den Impfteam-Leiter, der letztlich die Impfung entschieden habe. Das Landratsamt entgegnet, die Impfung "ging alleine von der Heimleitung aus". Jener Leiter ist dem Bürgermeister unterstellt. In Gunzenhausen staunt man darüber. Der Vorfall wird in den lokalen und sozialen Medien heiß diskutiert. Fitz veröffentlichte auf Facebook eine lange Stellungnahme und rechtfertigt die Impfung unter anderem damit, dass er regelmäßig in dem Heim sei. "Moralisch und in der Sache habe ich mir (...) nichts vorzuwerfen." Eine Bewohnerin, die anonym bleiben will, spricht von "Lüge", ein Arzt regt online disziplinarische Maßnahmen an. Unbeeindruckt davon hat sich der Bürgermeister am 21. Februar die zweite Dosis verabreichen lassen.

In Augsburg zieht ein Fall von Impfdrängelei nun Konsequenzen nach sich. Zwei Pflegeheimleiter der schwäbischen Arbeiterwohlfahrt (Awo) hatten ihre Stellung missbraucht, um ihre Partner vorzeitig zu impfen. Die Ehefrau des einen Leiters und der Lebenspartner der zweiten Leiterin sollen fälschlicherweise als Personal der Senioreneinrichtung ausgegeben worden sein, um an den raren Impfstoff zu gelangen. Auch der Mitarbeiter einer Kfz-Werkstatt, die dem Lebensgefährten der Awo-Heimleiterin gehört, soll geimpft worden sein. Auch bei dem Fall in Schwaben hieß es zunächst, dass ausschließlich übrig gebliebene Impfdosen verabreicht worden seien. Dieser Darstellung widersprach jedoch der für die Aufsicht zuständige Impfkoordinator der Stadt Augsburg. Am Dienstag dann bedauerte Brigitte Protschka, Vorsitzende der Awo Schwaben, in einer Mitteilung den Vorfall und kündigte arbeitsrechtliche Konsequenzen für die Beteiligten an. Dass "den Heimleitern nahestehende Personen" geimpft wurden, sei "nicht zu billigen". Der Vorfall habe "fatale Auswirkungen" für alle, die sich "gesetzestreu" an die festgelegte Impfpriorität hielten. Weitere Verstöße würden künftig "schwerwiegende Folgen" nach sich ziehen.

Aus Landshut wurde unterdessen bekannt, dass in der dortigen Justizvollzugsanstalt (JVA) Landshut Ende Januar 69 Mitarbeitende geimpft worden sind. Unter ihnen waren laut Münchner Abendzeitung Mitarbeiter, die über Jahre keinen Kontakt zu Gefangenen hatten, der Anstaltsleiter sowie Mitarbeiter der Verwaltung, der IT- und Personalabteilung. Eigentlich sollen zunächst Personen, die in die Impfkategorie eins eingeordnet werden, geimpft werden. Dazu zählen neben über 80-Jährigen auch medizinisches Personal und ambulante Pflegekräfte. Eine Empfehlung des Justizministeriums, JVA-Mitarbeiter zu impfen, gab es nicht. Die Entscheidung hat das örtliche Impfzentrum getroffen.

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