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Impfung mit Astra Zeneca:"Die haben das kaputtgeredet"

Corona-Impfung

721 340 Bayern haben inzwischen die Erstimpfung erhalten.

(Foto: dpa)

Die Forderungen in Bayern werden dringlicher, den Impfstoff von Astra Zeneca sofort auch für Ältere zuzulassen. Gesundheitsminister Holetschek verteidigt das Vakzin aus Oxford.

Von Dietrich Mittler

Bayern wird dem von der Corona-Pandemie hart betroffenen Tschechien zeitnah 2500 Impfdosen zur Verfügung stellen, wie Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) auf Nachfrage erklärte. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und sein sächsischer Amtskollege Michael Kretschmer (CDU) haben am Montag den Start einer "Covid-19-Aktion" bekanntgegeben. Erklärtes Ziel des dafür ausgearbeiteten Zehn-Punkte-Plans ist es, Tschechien dabei zu helfen, die hohen Infektionszahlen zu senken - und damit auch die Gefahr, dass sich das Virus durch Berufspendler in den Grenzregionen zu Tschechien weiter ausbreitet. Demnach sollen unter anderem auch tschechische Covid-19-Patienten in bayerischen und sächsischen Krankenhäusern aufgenommen werden.

Gesundheitsminister Holetschek geht davon aus, dass es sich bei dem Tschechien zur Verfügung gestellten Impfstoff um jenen des Herstellers Astra Zeneca handelt. Dieser, so hob der Minister hervor, sei entgegen der häufig verbreiteten Auffassung "ein wirksamer Impfstoff, der dabei hilft, schwere Krankheitsverläufe zu verhindern". Die jüngste Wortmeldung der Landes-Senioren-Vertretung Bayern (LSVB) ist ein Indiz dafür, dass bezüglich des von Astra Zeneca gemeinsam mit der Universität Oxford entwickelten Impfstoffs allmählich ein Umdenken einsetzt. Franz Wölfl, der Vorsitzende der Seniorenvertretung forderte am Montag, Astra Zeneca "sofort auch für Ältere zuzulassen". Dass bezüglich der Wirksamkeit dieses Impfstoffs bei Personen von mehr als 65 Jahren bislang ausreichende wissenschaftliche Daten fehlten, sei kein Argument, diesen nur Personen unter 65 zu verabreichen. Die gewählten Volksvertreter, so Wölfl, sollten hier endlich umdenken, auch wenn es dazu "manchmal einer gehörigen Portion Mut bedarf".

Dass sich die Ständige Impfkommission (Stiko) explizit dagegen ausgesprochen hatte, Impfdosen von Astra Zeneca an ältere Menschen zu verimpfen, stößt in der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) auf wenig Verständnis. "Die haben das kaputtgeredet", sagt KVB-Chef Wolfgang Krombholz. Auch Minister Holetschek hält mit Kritik an der Stiko nicht zurück, die inzwischen eine aktualisierte Empfehlung bezüglich Astra Zeneca angekündigt hat. "Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln, so geht das nicht", sagte er, "das hätte man sich vorher überlegen müssen."

"Wir haben zuletzt täglich rund 30 000 Impfungen verabreicht"

Holetschek setzt darauf, dass in Bayern der vorhandene und eintreffende Impfstoff voll zur Anwendung kommt - und dazu zähle demnächst auch jener des US-amerikanischen Herstellers Johnson & Johnson. "Wir haben zuletzt täglich rund 30 000 Impfungen verabreicht", betonte der Minister zum Stand der Impf-Kampagne. Seit Beginn vor gut zwei Monaten seien mittlerweile 1 080 661 Dosen verabreicht worden, davon 721 340 als Erstimpfung. An diesem Dienstag sollen die Schutzimpfungen für Bayerns Polizeibeamte beginnen. Nach Angaben von Innenminister Joachim Herrmann stehen dafür nun die ersten 10 000 Dosen des Corona-Impfstoffes Astra Zeneca zur Verfügung. "Vor allem unsere Polizistinnen und Polizisten im Streifendienst und in den Einsatzeinheiten sind einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt und müssen bestmöglich geschützt werden", sagte Herrmann.

Was die breite Bevölkerung betreffe, hier werde "Richtung April" die Kapazität der Impfzentren erhöht. Aktuell sei er mit den Betriebs- und den Hausärzten im Freistaat im Gespräch, dass diese sich landesweit am Impfen beteiligen. "Unser Ziel ist, dass wir alle eintreffenden Impfstoffe umgehend ausliefern und auch verimpfen können", sagte er. Einen konkreten Termin, wann Bayerns Hausärzte über bestehende Pilotprojekte - wie etwa im Berchtesgadener Land - hinaus in ihren Praxen Patienten gegen das Coronavirus impfen, konnte Holetschek noch nicht nennen. "Das Gros unserer Kollegen wird das in ihren Praxen möglich machen", sagte unterdessen KVB-Chef Krombholz.

Was die Impfreihenfolge betrifft, sagte Holetschek: "Ich bin ein Anhänger der Linie, offen darüber zu reden, ob wir von der Priorisierung mal weggehen und ob das künftig nur eine Empfehlung ist, wer geimpft werden sollte." Er erhalte derzeit etliche Zuschriften von Menschen, "die den Impfstoff von Astra Zeneca sofort nehmen würden, wenn ihn andere nicht möchten". Grundsätzlich aber müsse man sich an der aktuellen Corona-Impfverordnung des Bundes orientieren.

© SZ vom 02.03.2021/sonn
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