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Corona-Pandemie:Weniger Ärzte = weniger Impfstoff

Coronavirus - Impfung im Landkreis Hof beim Hausarzt

Nicht überall in Bayern geht es mit dem Impfen gut voran: Im ländlichen Raum wartet man oft langer auf Termine.

(Foto: dpa)

Weil die Dosen nicht nach der Zahl der Einwohner, sondern nach der Zahl der Arztsitze verteilt werden, geht die Immunisierung in ländlichen Regionen langsamer voran. Doch womöglich ist eine Lösung ist Sicht.

Von Florian Fuchs und Dietrich Mittler

Landrat Leo Schrell im schwäbischen Landkreis Dillingen erhält derzeit wie viele Kolleginnen und Kollegen aus anderen Landkreisen vermehrt kritische Nachfragen von seinen Bürgern: Warum bekommen die Bürger in Nachbarlandkreisen schneller einen Impftermin? Warum fällt die Impfquote in Dillingen zunehmend hinter die Quote im Freistaat zurück? 28,6 Prozent betrug die Quote der Menschen mit einer Erstimpfung im Landkreis, nach dem zuletzt veröffentlichten gemeldeten Stand vom Donnerstag. 32,9 Prozent waren es am Sonntag in ganz Bayern, 32,1 am vergleichbaren Donnerstag.

Landrat Schrell (Freie Wähler) muss dann antworten, dass er sehr gerne mehr impfen würde, die Kapazität im örtlichen Impfzentrum wäre vorhanden. Das geringere Impftempo im Landkreis liegt aber daran, dass im ländlichen Dillingen weniger Hausärzte angesiedelt sind - und somit insgesamt weniger Vakzine dort ankommen.

"Das kann kein Landrat und auch kein Oberbürgermeister einer kreisfreien Stadt einfach so hinnehmen, weil der dann von seinen Bürgern gesteinigt wird", heißt es aus dem Kreis der Kommunalpolitiker. Anonym zu zitieren, versteht sich. Zu sehr sehen sich viele bösen Kommentaren ihrer Bürger ausgesetzt. Der Druck wächst, und das aus gutem Grund: Wer vollständig geimpft ist, genießt künftig mehr Freiheiten, auch mit Blick auf die bevorstehende Biergarten- und Urlaubssaison.

Im Landkreis Hof etwa liegt die Impfquote mit 46,1 Stand Freitag deutlich über dem Schnitt im Freistaat, dort profitierten sie von Sonderzuweisungen für Grenzregionen. Aichach-Friedberg wiederum fällt ebenso wie Dillingen zurück. Dort verweist man als Grund auf Sonderzuweisungen für andere Landkreise wie in Hof oder darauf, dass die Ärzte im Landkreis weniger impfen als in anderen Regionen. Das Landratsamt Dillingen kann dies mit Zahlen belegen: Das Impfzentrum erhält wöchentlich Impfstoff für etwa 2500 Impfungen, die niedergelassenen Ärzte müssten also etwa 3000 Impfungen pro Woche vornehmen, um im Schnitt zu bleiben. "Dies widerspricht aber der Realität", sagt Schrell. Die niedergelassenen Ärzte arbeiteten an ihrer Belastungsgrenzen, aber sie schaffen nicht mehr als 1500 Impfungen pro Woche: unter anderem, weil es weniger sind als in anderen Regionen.

Den Praxen steht wöchentlich eine festgelegte Anzahl an Impfdosen zu

Bevor sich nun aber die Landräte, zuständig für die Impfzentren, mit den Vertretern der Kassenärzte, zuständig für die Verteilung der Arztsitze, zu sehr darüber streiten, wer für das Dilemma verantwortlich ist, schaltet sich Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) ein. Er forderte die Bundesregierung auf, "mehr Flexibilität bei Bestellungen von Corona-Impfstoff durch Arztpraxen" zuzulassen. Der ländliche Raum müsse trotz geringerer Ärztedichte genauso mit Impfstoff versorgt werden, "wie Regionen mit hoher Ärztedichte", lässt Holetschek in einer Pressemitteilung verkünden.

Hintergrund: Bayerns Praxen steht pro Arztsitz wöchentlich eine zuvor festgelegte Anzahl an Impfdosen zu. Gibt es in einer Region viele Arztsitze, wie etwa in der mit vielen großen Gemeinschaftspraxen gesegnete Landeshauptstadt München, dann stehen dort zumindest theoretisch auch viele Impfdosen zur Verfügung. Und dort, wo es weniger Arztsitze gibt - etwa weil in Ruhestand gehende Ärzte auf dem Land keine Nachfolger für die Übernahme ihrer Praxis gefunden haben -, kann das Gegenteil der Fall sein. In Dillingen etwa sind derzeit auch aufgrund zweier Todesfälle drei Hausarztstandorte gar nicht besetzt. Hinzu kommt, dass Vorgaben auf Bundesebene verhindern, dass in manchen Regionen Bayerns neue Arztsitze zugelassen werden können. Auch wenn sie dort dringend gebraucht würden.

Christian Bernreiter (CSU), Landrat im Kreis Deggendorf und Präsident des Bayerischen Landkreistags, fordert deshalb bereits seit längerem, den Verteilungsschlüssel für den an Ärzte zu liefernden Impfstoff zu ändern, sprich an die Zahl der Einwohner und nicht an die Zahl der Arztsitze zu koppeln. In diese Richtung geht nun auch Holetscheks Vorstoß.

Noch ist die Nachfrage nach Impfstoff bayernweit wesentlich größer als das Angebot - und so trugen bei der jüngsten Zusammenkunft der Bayerischen Impfallianz alle Teilnehmer Holetscheks Initiative mit: die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB), der Bayerische Landesapothekerverband, der Landkreis- und der Städtetag. Bedenken gibt es aber dennoch. Da steht etwa die Frage im Raum, ob Ärzte in Regionen mit wenig Praxen überhaupt in der Lage seien, das Mehr an Impfstoff zu verabreichen - siehe Dillingen. Schließlich müssten sie ja auch noch für die Regelversorgung bereitstehen.

KVB-Chef Wolfgang Krombholz hält die augenblickliche Diskussion inklusive Schuldzuweisungen ohnehin für daneben: "Die derzeit vorliegenden Zahlen sagen nicht wirklich etwas darüber aus, ob in einem Landkreis im Vergleich zu anderen mehr oder weniger geimpft wird." Nicht wenige Patientinnen und Patienten ließen sich laut Krombholz nämlich in Arztpraxen des Nachbarlandkreises impfen. "Wir haben es also mit einer Statistik zu tun, die hinkt", sagt er.

Das Gesundheitsministerium bezweifelt ohnehin, dass es "deutliche Verwerfungen bezüglich der Impfquote in den einzelnen Landkreisen und kreisfreien Städten" gebe. Relevant sei doch vielmehr: "Die Impfquote beträgt derzeit landesweit bei den Erstimpfungen 32,9 Prozent und bei Zweitimpfungen 8,6 Prozent." Das, so Krombholz, sei sowohl den Ärzten als auch den Impfzentren zu verdanken. "Die Ärzte und die Impfzentren leisten da Herausragendes", betont auch Bernreiter.

Hans-Peter Hubmann, der sich nun als Apothekerverbandschef in Berlin für eine Änderung der Vorgaben zur Impfstoff-Lieferung an Bayerns Ärzte einsetzen soll, rechnet ohnehin von Anfang Juni an mit wesentlich höheren Mengen an eintreffenden Dosen. "Über Impfstoffknappheit müssen wir dann etwas weniger reden", sagt er. Nicht wenige, die nun auf ihre Erstimpfung hoffen, werden dennoch Geduld aufbringen müssen. Zunächst kommen die vielen Menschen dran, bei denen jetzt die Zweitimpfung fällig wird.

© SZ vom 10.05.2021/infu
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