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Gesundheit:Eine Behörde wird wiederentdeckt

Ärztepräsident: 5000 neue Stellen werden auch nach Corona gebrauc

Die Gesundheitsämter sind insgesamt nicht gerade mit Planstellen gesegnet.

(Foto: dpa)

Bei der Bekämpfung von Corona spielen die Gesundheitsämter eine Schlüsselrolle. Weil aber die Bezahlung schlecht ist, mangelt es dort chronisch an qualifiziertem Personal.

Von Lisa Schnell und Christian Sebald

An den 71 staatlichen Gesundheitsämtern in Bayern ist ungefähr jede fünfte Leitungsstelle vakant. Das geht aus einer Antwort von Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) auf eine Anfrage der Landtags-Grünen hervor. Die Quote dürfte freilich die untere Grenze sein. In Humls Auflistung ist beispielsweise das Deggendorfer Gesundheitsamt nicht aufgeführt. Nach Aussagen des dortigen Landrats Christian Bernreiter (CSU) sind sowohl der Gesundheitsamtschef als auch seine Stellvertreterin so langfristig erkrankt, dass "ich nicht weiß, ob sie jemals wiederkommen". Insgesamt ist laut Huml bei den staatlichen Amtsärzten etwa jede zehnte Stelle unbesetzt.

Die Chefin der Grünen-Landtagsfraktion, Katharina Schulze, geht denn auch hart ins Gericht mit der Staatsregierung. Ihr Vorwurf: "Die Gesundheitsämter sind personell und ressourcenmäßig ausgeblutet worden." Das räche sich nun, sagt Schulze mit Blick auf die Corona-Pandemie, und "muss rasch behoben werden".

Nicht nur die Grünen betonen die herausragende Bedeutung der Gesundheitsämter in der Corona-Krise. Auch Ministerpräsident Markus Söder (CSU), Huml und viele andere Politiker tun das. Gleich ob es um die Überwachung der Corona-Teststationen geht, die Erfassung der Ergebnisse, deren Übermittlung an das Robert-Koch-Institut und das Landesamt für Gesundheit, die Ermittlung von Kontaktpersonen, die Rückverfolgung der Infektionsketten oder die Kontrolle von Quarantänemaßnahmen - überall spielen die Gesundheitsämter eine zentrale Rolle. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Behörden kürzlich ausdrücklich für ihren hohen Einsatz gelobt. Sie hätten "einen ganz wesentlichen Anteil daran, dass wir das Infektionsgeschehen bislang in Deutschland weitgehend unter Kontrolle halten konnten".

Daneben soll natürlich die gewöhnliche Arbeit in den Behörden weiterlaufen. "Unser Spektrum reicht von den Schuleingangsuntersuchungen über die Schwangerenberatung und den Vollzug des Trinkwasserschutzgesetzes bis hin zur Aufsicht über die Pflegeheime, Kliniken und Arztpraxen, aber zum Beispiel auch Tätowierstudios", sagt Andreas Kaunzner. Der Amtsarzt am Gesundheitsamt Aschaffenburg ist Vorsitzender des Ärzteverbands Öffentlicher Gesundheitsdienst Bayern. Das ist die Berufsorganisation der Amtsärzte. Die Corona-Pandemie hat laut Kaunzner die Gesundheitsämter regelrecht überrollt. "Viele Kollegen arbeiten seit März auch samstags und teilweise sogar sonntags", sagt er. "Im Schnitt dürfte inzwischen ein jeder von uns 300 bis 400 Überstunden vor sich herschieben."

Denn es sind ja nicht nur die vakanten Positionen. Die Gesundheitsämter sind nicht gerade mit Planstellen gesegnet. Insgesamt gibt es an den 71 staatlichen Gesundheitsämtern 347 Amtsärzte-Planstellen. Zwar sind das 62 mehr als noch vor zehn Jahren. Aber sie haben schon zu Zeiten der Flüchtlingskrise in den Jahren nach 2015 bei weitem nicht ausgereicht. Deshalb hat der Freistaat vor drei Jahren 84 weitere Amtsarzt-Planstellen geschaffen. Allerdings nur befristet. Nach Humls Willen sollen sie nun rasch entfristet werden. Dem muss allerdings noch der Landtag zustimmen.

"Seit zwei Jahren schreiben wir immer wieder eine Amtsarztstelle aus"

Aber auch die Planstellen sind nur das eine. Ihre Besetzung ist das andere. "Seit zwei Jahren schreiben wir immer wieder eine Amtsarztstelle aus", sagt der Landrat Bernreiter, der auch Chef des Landkreistags ist. "Bisher null Resonanz. Und es sieht nicht so aus, als ob sich das schnell ändern würde." Der Grund ist die vergleichsweise schlechte Bezahlung der Amtsärzte. "Ein Berufsanfänger verdient am Gesundheitsamt zwischen 1200 und 1500 Euro weniger als in einer Klinik", sagt Kaunzner. "Daher rührt der Nachwuchsmangel."

Denn den vergleichsweise geringen Verdienst können nach Kaunzners Worten auch "die geregelten Arbeitszeiten ohne Nachtdienste, die freien Wochenenden und die anderen Vorteile unsere Berufs" nicht ausgleichen. In aller Regel gäben Berufsanfänger den höheren Verdienstmöglichkeiten an einer Klinik den Vorzug. Kaunzers Forderung: "Unsere Vergütung muss sich dringend verbessern."

Auf lange Sicht soll auch die Amtsarzt-Quote einen Fortschritt bringen, die es seit kurzem in Bayern gibt. Danach werden ein Prozent der Medizin-Studienplätze für Bewerber freigehalten, die sich verpflichten, nach Abschluss ihrer Ausbildung mindestens zehn Jahre im öffentlichen Gesundheitsdienst zu arbeiten.

Außerdem setzt Kaunzner auf das Vier-Milliarden-Euro-Hilfspaket, das der Bund für die 400 Gesundheitsämter in Deutschland zugesagt hat. Mit dem Geld sollen bis 2022 mindestens 5000 neue Vollzeitstellen für Amtsärzte und anderes Personal geschaffen werden. Laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) soll jedes Gesundheitsamt je nach Größe zwischen zehn und 30 neue Planstellen bekommen.

© SZ vom 12.09.2020/huy
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