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Krisenküche statt Küchenkrise:Bayern entdecken ihre Lust am Kochen neu

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Foodblogger profitieren vom steigenden Interesse an Selbstgekochtem.

(Foto: imago)

In Corona-Zeiten nehmen sich die Bayern offenbar mehr Zeit für Selbstgekochtes. Das merken auch die zahlreichen Foodblogger, die ein wachsendes Interesse an ihren Rezepten wahrnehmen.

Dosenravioli, Fertigsuppen, Tomatenfisch - in Bayerns Haushalten türmt sich nun häufig derlei Zeug in Vorratsschränken und wird es wohl weiterhin. Welch dubioser Herdentrieb einen zu Beginn der Krise veranlasst hat, sich diesbezüglich einzudecken, kann auch der Autor dieser Zeilen nicht genau ergründen; selbst im Einpersonenhaushalt wird täglich frisch gekocht. Zwar beherzigte man schon zuvor gern die Adaption eines alten Sprichworts: "Der Topf im Haus erspart den Lieferservice". Doch die aktuellen Bedingungen unterstützen die Kochfreude geradezu. Da ist einerseits die Zeit: In der Mittagspause der Heimarbeit lässt sich locker ein Eintopf aufsetzen, der den Nachmittag über köcheln kann, oder ein Zaziki anrühren, das eh etliche Stunden durchziehen sollte und zu den selbstgemachten Cevapcici passt. Aber diese verrückte Zeit, so ist vielfach zu hören, scheint andererseits auch eine Art Rückbesinnung auf Werte zu befördern, in dem Falle auf Zutaten.

Anregung ist immer sinnvoll, so berichten Buchhändler, die in den vergangenen Wochen Ware auslieferten, dass im Notgeschäft Kochbücher ordentlich gehen. Unermessliche Fundgrube ist natürlich das Internet. Dort stechen Angebote hervor, die nicht nur schnöde Rezepte vermitteln, sondern auch die Geschichten der Autoren: Kochblogs. Es sind Seiten, auf denen sich Hobbyköche verbürgen für die Schmackhaftigkeit der Speisen. Ein Streifzug durch Bloggerküchen im Freistaat erzählt vom Reiz des Zubereitens und Aufbereitens. Bayerisch-deftig geht es dabei selten zu.

Maria Jenkinson wollte eigentlich ja ein Kochbuch schreiben, um ihre Rezepte für die Kinder zu erhalten. Doch da hat sie festgestellt, dass sie ihre Schätze zu oft überarbeitet oder verfeinert, dass ständig Inspirationen kommen und damit Ideen für Gerichte. Ein Blog sollte es also werden, das war vor zwei Jahren. Sie arbeitete sich in die Technik ein und legte los. Seitdem bietet die Erdingerin auf "Maria, es schmeckt mir" Einblicke in ihre Küche. Ihre Linie? "Kunterbunt, nicht spezialisiert." Jenkinson hat ihr Leben lang gerne gekocht, ein Leitbild ist ihre Mutter, die für ihre fünf Geschwister und sie einst so verfuhr, wie es die Umstände erforderten: saisonal, Zutaten, die im Garten wuchsen oder beim Bauern in der Nachbarschaft zu kaufen waren, Hauptsache schmackhaft und bodenständig. "Meine Leser sollen nicht in drei Spezialgeschäfte müssen, es soll einfach nachzumachen sein." Goldene Regel des Hobbys: Was "nur" gut oder okay sei, komme nicht ins Blog. "Jedes meiner Rezepte schmeckt absolut super, ob Kuchen oder Fleisch."

Maria Jenkinson aus Erding setzt auf Bodenständiges.

(Foto: Privat)

Wenn ein Gericht fertig und noch zu fotografieren ist, "kriege ich oft schon so einen Hunger, dass ich kaum noch warten kann", erzählt Jenkinson. Außer den Lesern profitiere ihr Mann am meisten, wobei der auch etwas beiträgt: Er wählt die Weine aus ("das i-Tüpfelchen") und liefert als Neuseeländer Ideen, den asiatischen Touch seiner Heimatküche. So zählt sie ein Butter-Chicken "Murgh Makhani", mit Joghurt-Ingwer-Marinade, zu ihren Lieblingsgerichten. Viele Leser werden es danken; in der Corona-Zeit verbucht Jenkinson "mehr Traffic". Was leider entfällt: Gäste einzuladen ("da laufe ich zur Höchstform auf") und die bewährten "dankbaren Esser" außer dem Ehegatten: ihre Kinder, die bereits aus dem Haus sind.

Eine Rolle spielt Corona auch auf dem Blog "Barbaras Spielwiese". Die Autorin, Barbara Furthmüller aus dem Kreis Kulmbach, hat sich den Scherz erlaubt, eine Motivtorte in Form einer Klopapierrolle zu backen - und erklärt, was es mit dem nötigen "Fondant", einer weichen Zuckerpaste, auf sich hat. Sie hat sich jüngst aber auch an einer Solidaritätsaktion für Länder beteiligt, die stark von der Pandemie betroffen sind. Zahlreiche Kochblogger haben zum "Trostkochen" aufgerufen, den Anfang machte Italien. Da gab es deutschlandweit Wolfsbarsch in Salzkruste, Pasta Primavera mit Spargel oder Tiramisu. Ansonsten setzt Furthmüller, wegen ihrer Berufstätigkeit, meist auf vor allem schnelle Alltagsküche.

Uwe Spitzmüller aus Nürnberg ist in der gehobenen Küche unterwegs.

(Foto: Privat)

Das Gegenteil findet bei Uwe Spitzmüller aus Nürnberg statt. Sein Blog "HighFoodality", 2009 gegründet, widmet sich der gehobenen Küche. "Eine bewusste Entscheidung", sagt der Hobbykoch, er wollte die Prozesse dort verstehen lernen. Dazu hat er auch ein Praktikum im Restaurant Sosein in Heroldsberg gemacht, das mittlerweile zwei Sterne hat. Neulich hat er dessen Schlachtschüssel gekocht, den fränkischen Klassiker. Aber anders angegangen, "das ist faszinierend". Sauerkraut, Leberwurst und Kartoffeln finden sich nicht wie gewohnt auf dem Teller: Das Gericht besteht etwa aus fermentiertem Rotkohl, entsaftet und eingekocht, der Saft wird mit kalter Butter zur Sauce montiert; das Leberwurstaroma stammt von geräucherter, getrockneter Schweineleber. Aufwendige einzelne Herstellungsschritte. "Ich möchte mich nicht dem Motto unterwerfen, Küche muss schnell gehen", so Spitzmüller, "ich nehme mir Zeit." Manchmal müssen Zutaten Monate fermentieren oder reifen.

Natürlich würden nicht alle seine Rezepte dem gehobenen Attribut standhalten. Das "Zweierlei vom Rosenkohl mit dehydrierter Mandarine und Enten-Confit" sicherlich, bei den Risottos würde ein Sternekoch wohl mehr mit Textur und Aroma spielen. Dass sein Kürbisrisotto mit Curryschaum dennoch vorzüglich schmeckt, ist anzunehmen. Auch wenn seine Kinder wie alle Kinder Schnitzel mit Pommes mögen, findet er in der Familie Abnehmer für das exotische Handwerk. Sein Blog zählt nach eigenen Angaben mehr als 100 000 Leser im Monat, in der Krise 80 Prozent mehr Zugriffe, vor allem an Wochenenden. Dass er hauptberuflich im digitalen Marketing tätig ist, merkt man optisch, er macht sich Gedanken über Kamera oder Bildbearbeitung. Ebenfalls Aufwand. "Aber Zeit ist für mich eben auch hier kein einschränkender Faktor." Ob er seine Leidenschaft zum Beruf machen mag? Ein eigenes Restaurant, nein, "da hisse ich die weiße Fahne". Und Bloggen als Hauptberuf? Auch eher nein. Einnahmen erzielen zu "müssen", bedeute womöglich weniger Glaubwürdigkeit.

Birgit Fazis aus Inning machte ihr Hobby zum Beruf.

Ihr Hobby zum Beruf entwickelt hat Birgit Fazis aus Inning am Ammersee. Vor elf Jahren, in der Babypause, hat sie mit dem Kochblog begonnen, "EmmaBee" heißt es. Heute schreibt sie auch Kochbücher, gerade am fünften, imkert, bietet Ratgeberthemen. Aktiv ist sie auch auf Instagram, "viele Leute sehen sich schon an Bildern satt", zudem sei die Präsentation dort "ein Türöffner". Einen Trend, den sie in der Corona-Krise sieht: Brot backen, "ein emotionales Thema". Eine schöne Stulle mit Butter und Honig habe etwas Erdendes, bringe Kindheitserinnerungen, "das persönliche Bullerbü auf dem Teller". Fazis erkennt eine Sehnsucht, Dinge selber zu machen, sich autark zu fühlen. Sie bloggt zudem übers Reisen, nah wie fern, und wenn es nur der Biergartenbesuch ist. Inspirationsquelle für die meisten Hobbyköche, das fällt aktuell aus. "Hach, das Reisen", sagt Fazis.

Ersatz kann das Blog "1001food" bieten, ein bayerisches Angebot; die Münchnerin Eva Seyberth lebt aber auch in Zentraltunesien. Beiderlei Kochwelten sind da nachzulesen, sogar in Fusion. Und das geht wirklich: etwa bei bayerisch-orientalischen Teigtaschen, mit Speck und Ras el-Hanout, der Gewürzmischung des Maghreb.

© SZ vom 25.04.2020/huy
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