Süddeutsche Zeitung

Cham:Hochglanz statt Patina

Die Rinnen eines Brunnens auf dem Chamer Kirchplatz strahlen plötzlich kupferfarben. Die alte Patina ist weg - und der Künstler sauer. Ging eine Putzaktion schief? Oder gab es einen Säureanschlag?

Die Bronze ist ja ein Material für die Ewigkeit. Eine Legierung aus Kupfer und Zinn, praktisch unzerstörbar. Feuchtigkeit, Frost, das alles kann der Bronze nichts anhaben. "Bronze kriegen Sie nur mit einer scharfen Säure klein", sagt der Künstler Sebastian Roser, 65. Womit er auch schon seinen Verdacht zu erkennen gibt: Es muss jemand viel Mühe investiert haben, um sein Kunstwerk auf dem Chamer Kirchplatz kaputt zu machen. "Eine missglückte Putzaktion", glaubt Sebastian Roser.

Was sich in der vergangenen Woche in Cham zugetragen hat, ruft natürlich Erinnerungen wach. Zum Beispiel an die "Fettecke" des Künstlers Joseph Beuys, die ein Hausmeister der Düsseldorfer Kunstakademie nicht als Kunst erkannte und in den Abfalleimer schmiss, 1986 war das. Oder an die Reinigungskraft in einem Dortmunder Museum, die im Jahr 2011 eine schmutzige Gummiwanne des Künstlers Martin Kippenberger sauber schrubbte und kaputt machte - ebenfalls in bester Absicht. Nun also gesellt sich Sebastian Roser zu den Künstlern, mit denen es Hausmeister oder Putzkräfte wohl etwas zu gut gemeint haben.

Das Objekt, um das es geht, ist ein Brunnen, den Roser im Jahr 1991 für seine Heimatstadt gefertigt hat. Der Steinbrunnen symbolisiert die Altstadtsilhouette. Über bronzene Ablaufrinnen fließt das Brunnenwasser aus der in Stein gehauenen Altstadt hinunter in ein Granitsteinbecken, das den Fluss Regen darstellt, der Cham umfließt. Man muss dazu wissen: Bronze hält nicht nur ewig, sie setzt im Laufe der Zeit eine natürliche Patina an, wird also immer schöner. Die Rinnen des Chamer Brunnens etwa haben nach 28 Jahren eine dunkelgraue Patina angesetzt. Oder besser gesagt: hatten.

Denn seit ein paar Tagen sind die Rinnen nicht mehr grau, sondern kupferfarben, wie glanzpoliert. Als Roser neulich über den Kirchplatz spazierte, bemerkte er die neue Optik seines Brunnens - und schrieb sofort einen Beschwerdebrief an die Stadt Cham. In dem Brief schreibt der Künstler: "Da ist mal wieder richtig was schief gegangen. Diesmal irreversibel."

Es ist ja nicht das erste Mal, dass der Brunnen Schaden genommen hat. Schon im April 2013 titelte das Bayerwald Echo: "Kirchplatz-Brunnen lebt gefährlich". Damals berichtete die Lokalzeitung darüber, dass die Polizei einen fahrerflüchtigen Mann ausfindig machen konnte, der mit seinem Auto den Brunnen gerammt und ramponiert hatte. Weil dieser Unfall kein Einzelfall war, hat die Stadt inzwischen sechs Poller rund um das Kunstwerk platziert. "Es ist einfach so, dass die Rücksichtslosigkeit der Leute zugenommen hat", sagt Künstler Roser. Dank der Poller, dachte er, ist sein Brunnen endlich sicher. Und jetzt das.

Aber war es wirklich eine missglückte Putzaktion, wie Sebastian Roser vermutet? Das könne sie sich "überhaupt nicht vorstellen", sagt Sigrid Stebe-Hoffmann, die geschäftsleitende Beamtin der Stadt Cham. Sie geht davon aus, "dass unser Bauhof den Brunnen, wie mehrfach im Jahr, mit dem Hochdruckreiniger sauber gemacht hat". Dass die Bauhofmitarbeiter die Bronzerinnen mit Säure bearbeiten haben könnten, sei "unvorstellbar", sagt Stebe-Hoffmann. Also doch kein Putzunfall? Ein mutwilliger Säureanschlag? "Warum die Patina weg ist, weiß ich nicht", sagt Stebe-Hoffmann. Sobald die Urlaubszeit vorbei ist, werde man die städtischen Mitarbeiter fragen. "Wenn beim Bauhof nichts rauskommt, erstatten wir Anzeige gegen unbekannt."

Und was wird aus dem Kunstwerk? "Es wäre denkbar, dass man die Bronze nachpoliert", sagt der Künstler, "dass die Oberfläche wieder dicht ist und von selbst patiniert oder man macht es künstlich." Er glaube aber nicht, dass sich die Stadt "besonders heftig dafür interessiert". Überhaupt beklagt er die fehlende Wertschätzung der Chamer für sein Kunstwerk. Der Chamer Zeitung sagte Roser: "Wenn die den Brunnen nicht mögen, sollen sie ihn halt abbauen."

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Quelle:
SZ vom 20.08.2019/fema
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