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Freizeit in Bayern:Kritik an geplantem Camping auf Bauernhöfen

Ab in die Natur: Bayern lieben Camping

Camper-Idylle: Die meisten Wohnmobilisten würden ihr Gefährt am liebsten in freier Wildbahn parken und den Blick vom Campingstuhl aus auf die Natur genießen. Doch so einfach ist das auch in Bayern nicht. Allerdings könnten bald neue Abstellmöglichkeiten hinzukommen.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Die Wohnmobilbranche boomt, aber die Stellplätze sind rar. Eine geplante Gesetzesänderung könnte es Landwirten ermöglichen, auf ihrem Grund Übernachtungen anzubieten. Doch im Westallgäu gibt es Kritik - ausgerechnet von zwei Bauern.

Von Lea Weinmann, Oberreute

Wenn Bernhard Schmid aus dem Fenster seines Bauernhofes in Oberreute schaut, dann sieht er eine Hügellandschaft mit saftigen grünen Wiesen, ein paar kleinen Nadelwäldern, dazwischen einzelne Gehöfte. Er liebt diese Aussicht, hat sie zig Mal fotografiert. Doch vor Kurzem war etwas anders. Es dauerte etwas, bis er es entdeckte: ein Wohnmobil, neben einem der Gehöfte. Bernhard Schmid sagt: "Auf mich wirkt das wie ein Fremdkörper."

Die Veränderung, die Schmid von seinem Hof aus wahrnimmt, lässt sich in ganz Deutschland beobachten: Das Geschäft mit den Wohnmobilen boomt. Die Leute zieht es raus in die Natur, möglichst bequem soll es aber trotzdem sein, und flexibel will man bleiben, da ist so ein Wohnmobil grad recht. Die deutsche Caravaningbranche meldete 2020 Rekordumsätze; die Zahl der Neuzulassungen von Reisemobilen steigt stetig. Die Corona-Pandemie brachte zusätzlichen Schub: In der Saison von April 2020 bis März 2021 wurden 81 730 Reisemobile neu zugelassen - 43 Prozent mehr als in der Saison davor.

Doch die großen Freizeitbrummer verheißen nicht nur Entspannung und Ruhe, sondern auch Stress. Denn wo sollen die, wenn in der Urlaubsregion angekommen, alle parken? In Deutschland ist es nicht erlaubt, mit seinem Wohnmobil dauerhaft irgendwo zu übernachten. Stellplätze sind rar, insbesondere in den beliebten Ferienregionen. In Kochel am See etwa habe man in der Vergangenheit "ganz massiv" Probleme mit wildparkenden Wohnmobilen gehabt, sagt Bürgermeister Thomas Holz: "Es wird sich einfach in den Wald reingestellt und ein bestimmter Anteil lässt dann auch seine Hinterlassenschaften dort."

Das Bild einer Landschaft ist für Schmid "ein Naturgut, das es zu schützen gilt".

Im vergangenen Jahr hat ein Wohnmobil-Hersteller aus dem Allgäu deshalb zusammen mit einem Vermarktungsportal eine bundesweite Initiative gestartet mit dem Ziel, mehr Landwirte dafür zu begeistern, einen Stellplatz bei sich einzurichten. Platz haben sie ja genug und die zusätzliche Einnahmequelle kann den gebeutelten Betrieben auch nicht schaden. Das Problem: Derzeit fehlt die rechtliche Grundlage, den Bauern solche Stellplätze überhaupt zu genehmigen. Das könnte sich jedoch bald ändern. Im bayerischen Bauministerium arbeitet man an einer Gesetzesänderung. Konkret geht es darum, Betrieben die Errichtung von wenigen Stellplätzen zu ermöglichen - als zweites wirtschaftliches Standbein.

Bernhard Schmid hält davon gar nichts. Nebenberuflich arbeitet er als Landschaftspfleger und als solcher sorgt er sich, die vielen Wohnmobile könnten in seiner Region zu einer "Zersiedlung der Landschaft" führen. Was ihn aber besonders stört: Nur über Umwege habe er überhaupt davon erfahren, dass das Bauministerium eine solche Änderung plant. Für ihn ein reiner Lobbyismusakt der Politik. Er will Aufklärung betreiben. Gemeinsam mit einem weiteren Landwirt hat er deshalb eine Initiative gestartet, um mit Kommunalpolitikern und anderen Bauern ins Gespräch zu kommen. Eine Petition zum Stopp der Gesetzesänderung im Bauministerium haben sie ebenfalls aufgesetzt. Das Bild einer Landschaft ist für Schmid "ein Naturgut, das es zu schützen gilt". Und ganz abgesehen davon: Ein paar Stellplätze seien auch keine finanzielle Rettung für die Landwirte.

Sein Nachbar Markus Wiedemann, ebenfalls Landwirt aus Oberreute, sieht das nicht ganz so dramatisch. Er versteht sich ganz gut mit Bernhard Schmid. Dass der jetzt so einen Wirbel mache, verwundere ihn ein bisschen. Wiedemann ist einer der Bauern, die gerne Stellplätze auf ihrem Hof einrichten würden - als gute Ergänzung zu den Ferienwohnungen, die er betreibt. Er ist auch kein Freund von illegal geparkten Wohnmobilen, will den Trend aber lieber in geregelte Bahnen lenken, anstatt ihn zu verbannen. Und nebenbei eine Kleinigkeit verdienen, warum nicht?

Sein Bauantrag auf maximal drei Stellplätze ist in der Gemeinde aber erst einmal auf Eis gelegt. Dort wartet man ab, was aus dem Bauministerium kommt. Am Ende müsse das Landratsamt entscheiden, sagt Stefan Schneider, Bürgermeister in Oberreute. Schneider versteht die Sorge der Initiativen-Gründer, falls die Wohnmobile überall auf einem Hof stehen dürften, also auch an jedem beliebigen Maisfeld oder Waldstück. Ihm ist wichtig, dass eine Genehmigung "nur in unmittelbarer Hofnähe" möglich ist.

Wo genau die Plätze errichtet werden dürfen, ist in dem Entwurf des Ministeriums allerdings nicht näher definiert. Wichtig sei lediglich, dass "das äußere Erscheinungsbild eines landwirtschaftlichen Betriebs erhalten bleibt" und Sanitäranlagen "nach Möglichkeit" in schon bestehenden Gebäuden untergebracht werden. Die Bekanntmachung sei für Ende Mai oder Anfang Juni geplant, heißt es.

Schmid macht weiter, 350 Bürgermeister in der Region hat er schon angeschrieben und will sich weiter vorarbeiten, "bis rüber nach Berchtesgaden". Mit dem Wohnmobil in seiner Aussicht hat er sich mittlerweile arrangiert. Man gewöhne sich ja an vieles. Ob das gut sei? Andere Frage.

© SZ vom 07.05.2021/van, kafe
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